Wie der Shale-Gas Boom indischen Kleinbauern Wohlstand bringt

3. Oktober 2012 | Von | Kategorie: Artikel, Erdgas, Ernährung, Unkonventionelles Gas und Öl

In den USA wird seit einigen Jahren in immer größerem Maßstab unkonventionelles Gas aus bislang unzugänglichen Quellen gefördert (Schiefergas oder Shale-Gas). Diese Entwicklung hat den Energiemarkt in der weltweit größten Volkswirtschaft gründlich auf den Kopf gestellt. Die Ergebnisse dieser Entwicklung sind unter anderem, dass die ‚Gaspreise in den USA entgegen dem weltweiten Trend in den letzten Jahren stark gefallen sind und dass Gas zur Stromproduktion inzwischen fast so billig ist wie Kohle. Zusammen mit den geringeren Investitionskosten für ein Gaskraftwerk im Vergleich zu Kohlekraftwerken hat diese Entwicklung dazu geführt, dass der Anteil des Stroms, der aus Gas produziert wird, in diesem Jahr zum ersten mal in der Geschichte der USA genauso groß wie der der Kohle war (wir berichteten).

Das hat auch Auswirkungen auf den CO2-Aussstoß. Dieser ist wegen des Shale-Gas-Booms in den USA seit 2007 rückläufig  (Grafik) und könnte in diesem Jahr unter den Wert von 1990 fallen. Sollte diese Entwicklung sich fortsetzen, würden die USA als eines der wenigen westlichen Länder das Kyoto-Protokoll nachträglich erfüllen, ohne es jemals ratifiziert zu haben.

Wirtschaftsboom dank Shale-Gas

Und der Wirtschaft in den USA bringt das Schiefergas als neue und preiswerte Energiequelle weitere Vorteile. Da sind zum einen die durch die Gasindustrie und deren Zulieferer entstandenen neuen Arbeitsplätze und zum anderen der Standortvorteil der USA durch niedrige Energiepreise. Eine Entwicklung, die auch deutsche Firmen wie die BASF zunehmend unter Druck setzt. Insgesamt lässt sich also schließen, dass sich der Shale-Gas-Boom in den USA als Segen für die Wirtschaft und auch für die Umwelt erweist.

Aber nicht nur die USA profitieren von diesem unverhofften Boom. Nutznießer dieser Entwicklung gibt es auch am anderen Ende der Welt, und zwar an einer Stelle, wo man es am wenigsten erwartet hätte. Hier ist, was die New York Times im Juli diese Jahres dazu geschrieben hat:

 LORDI, Indien – Sohan Singhs schuhlose Kinder haben die meiste Zeit ihres Lebens hungrig, schmutzig und in der Hitze verbracht. Als Farmer in einer Wüstenregion war für Herrn Singh eine Lehmhütte und eine kaum ausreichende Diät für seine Familie so ziemlich alles, was er erreichen konnte.

Nun ist es aber neuerdings so, dass die harten kleinen Bohnen, die Herr Singh anbaut, zu einer essenziellen Zutat bei der Gewinnung von Öl und Gas sind welches mit Hilfe des Hydraulischen Fracturing (Fracking) gewonnen wird.

Die Guarbohne, um die es hier geht, ist eigentlich ein alter Bekannter. Gemahlen (und dann als Guarkernmehl bezeichnet) sorgt sie in der Lebensmittelproduktion etwa dafür, dass Brot länger frisch und Joghurt schön cremig bleibt. Weitere Einsatzzwecke: In Eiscreme verbessert es die Gefrier-Tau-Stabilität, in Ketchup reguliert es die Fließeigenschaften, in Salatsoßen wirkt es als Emulgator, in Kakaodrinks als Stabilisator, der die Kakaoteilchen in der Schwebe hält, in Limonaden verbessert es das Mundgefühl, in Tiefkühlkost schützt es vor Gefrierbrand und in Gelees verstärkt Guar den Glanz. Ein Naturstoff also,den die meisten von uns beinahe täglich zu sich nehmen.

Guarkernmehl wichtig für die Gas-Gewinnung

Eine Eigenschaft die das Guarkernmehl für die Lebensmittelindustrie so interessant macht ist der Umstand, dass es die Eigenschaften als Verdickungsmittel und Gelbildner auch bei Temperaturen jenseits der 80 °C behält. Und genau diese Eigenschaft ist es auch, die den Stoff für die Fracking-Industrie so interessant macht.

Hierbei wird ein Gemisch aus Wasser, feinem Sand und Chemikalien unter Druck  in die Bohrlöcher gepumpt, um im Gestein feinste Risse zu erzeugen und das darin enthaltene Gas erst zugänglich zu machen (Mehr zur Technik und zu ökonomischen und ökologischen Aspekten hier). Guarkernmehl als Gel-Bildner sorgt hier dafür, dass der Sand im Gemisch in Schwebe gehalten wird. Und in den Tiefen, um die es dabei geht (1000-5000 m) spielt die Temperaturbeständigkeit eine entscheidende Rolle. Ein weiterer Aspekt ist dabei sicher auch, dass der Einsatz von Naturstoffen im Fracking-Fluid die Akzeptanz dieser Technologie verbessern könnte.

Shale-Gas-Boom wird zum Segen für indische Kleinbauern

So lange das Mehl der Guarbohne nur in geringen Mengen als Zusatzstoff der Lebensmittelindustrie diente, war mit dem Anbau kaum mehr als das zum Überleben nötigste zu verdienen. Das hat sich jetzt grundlegend geändert. In den letzten Jahren hat sich der Weltmarktpreis für die Guarbohne verfielfacht. Und 80% der Weltproduktion stammen aus Indien. Dort wird die anspruchslose Frucht vor allem in sehr trockenen Gegenden angebaut, wie in der Provinz Rajasthan, die zu den ärmsten Regionen der Welt zählt.

Eine solche Preisentwicklung macht den Anbau der Guarbohne jetzt auch für Produzenten in anderen Teilen der Welt interessant. Für die Kleinbauern in Indien ist es daher wichtig, wie schnell sich die Technologien zum Anbau und der Weiterverarbeitung in anderen Regionen etablieren können. Fest steht jedoch, dass die indischen Kleinbauern einen Startvorteil haben. Schließlich gibt es dort etablierte Märkte und Verarbeiter und die meisten Sorten sind auf die klimatischen Bedingungen in Indien angepasst.

Und noch ein weiterer Aspekt spricht für den Anbau der anspruchslosen Bohne. So haben Farmer in den USA herausgefunden, dass bei einem Wechsel zwischen Guar und Baumwolle die Baumwollernte um 12% höher ausfällt. Dieser Umstand überrascht nicht, schließlich gehört die Guarbohne genau wie andere Bohnen und Erbsen zu den Leguminosen, die über Knöllchenbakterien im Wurzelbereich Stickstoff aus der Luft im Boden anreichern können. Dadurch käme ein vermehrter Anbau von Guar auch in solchen Regionen in Indien, in denen jetzt hauptsächlich Baumwolle angebaut wird, der Bodenqualität und dem Geldbautel der Kleinbauern zugute.

Weitere Links:

D-Radio Mahlzeit:   Jagd auf die Wunderbohne Guar (Audio)

EconoMonitor: Will Fracking Enrich India’s Guar Farmers? Or America’s?

TimeWorld: Why the U.S. Fracking Industry Worries About the Weather in India

 

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9 Kommentare
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  1. Herr Kipp, die zuversichtliche Sicht, wie sich der Fortschritt und die nützliche Ein bindung, von dem was bereits vorhanden und dazu beiträgt, den Wohlstand bei wachsender Weltbevölkerung zu erhöhen, ist ein – wie ich meine – Argument und Präludium für die menschliche Intelligenz, sich ihren Wohlstand nicht von beschränkten Miesepetern, verbieten zu lassen, sondern in der Entwicklung, seit mindestens der Steinzeit, menschlich und zuversichtlich zu sein.
    Idioten, die die Bären nicht satt machten, haben heute von denen nichts mehr zu befürchten, argumentieren aber gegen Sie, statt die Eisbären zu verwöhnen.
    Als dem Bild was hier so oft firmiert, wo nun ein armer Inder abgebildet ist.

  2. Es mag sein, dass indische Bauern in nicht so landwirtschaftlich begünstigten Regionen von der steigenden Nachfrage nach Guar profitieren. Vielleicht räumen auch Landwirte, die schnell reagieren, in anderen Gegenden die Profite ab.
    Eines ist jedenfalls klar. Es gibt Profite. Menschen können durch neue Technologien ihren Status verbessern. Bei subventionierten Technologien (oder auch Fortschrittsverhinderern) profitieren nur welche auf Kosten Anderer. Es gibt keinen Gewinn für alle. Die Erschliessung neuer Rohstoffvorkommen ergibt aber unter dem Strich einen Gewinn für alle. Wenn die Guarbauern richtig reagieren, dann auch für die, die so einen Gewinn dringend nötig haben.

  3. @Rudi
    Hmm, so schön das für den kleinen Inder auch klingen mag……..sollte das Zeuch eventuell mal in großen Mengen gebraucht werden und dazu noch fette Gewinne abwerfen, werden auch „Große“ damit anfangen großflächig diese Pflanzen anzubauen und die kleinen Bauern vom Markt verdrängen.
    Siehe Palmöl, siehe Zuckerrohr, siehe Soja samt umgeflügten Dschungel.

    MfG
    H.E.

  4. @ Heinz Eng #3

    Wenn dann bei höherem Bedarf und weiter „fetten Preisen“ große Produzenten die Guarbohne für sich entdecken, muss das ja nicht unbedingt ein Nachteil für die Bauern in Indien sein. Diese haben die Frucht auch schon bei niedrigen Preisen angebaut, weil ihnen nichts anderes übrig blieb. Es spricht also nichts dagegen, das bei höheren Preisen auch weiter zu tun. Es ist sogar anzunehmen (und passiert auch) dass die Konzerne gerade in Indien die Kapazitäten erhöhen. Schließlich ist dort die meiste Erfahrung mit den Bohnen vorhanden und die existierenden Sorten sind an die Verhältnisse dort angepasst.

    Aus Sicht der Konzerne auch unter anderem Gesichtspunkt interessant ist der Umstand, dass neue Produzenten, etwa in den USA Australien oder Argentinien die Produktion erst ab einem bestimmten Grenzpreis aufnehmen. Und das auch nur, wenn aus deren Sicht halbwegs klar ist, dass das auch auf längere Zeit so bleibt. In Indien wissen sie, dass dort auch bei geringerem Grenzpreis die Produktion aufrecht erhalten wird.

    Der von mir verlinkte Text „Will Fracking Enrich India’s Guar Farmers? Or America’s?“ beschäftigt sich mit der Frage, ob und ab wann Guar für amerikanische Farmer interessant wird.

    Dort kommt man zu dem Schluss, dass zum einen ein funktionierender Markt davor schützen würde, dass ein Großkonzern ein Monopol auf Guar aufbaut. Zum anderen würde selbst ein Aushebeln der Marktstrukturen, etwa durch verschiedene Subventionen, wie sie auch in den USA üblich sind, unwahrscheinlich erscheinen. Dazu bräuchte es in Washington eine Guar-Lobby, ähnlich wie die bereits existierenden Baumwoll, Weizen oder Soja Lobbies. Und die wäre weit und breit nicht in Sicht und hätte auch wenig Erfolg in bestehende und festgefahrene Strukturen einzugreifen.

  5. Herr Kipp,

    habe gerade diesen Artikel entdeckt, der es in sich hat. So ganz langsam entsteht „Gegenwind“, zu der Illusions-Energie-Politik, die nur Schaden anrichtet.

    http://kpkrause.de/2012/10/05/deutschlands-energiewende-ein-hochriskantes-abenteuer/
    (u.a. „freie Welt“, falls link nicht öffnet)

  6. Das klingt recht verheißungsvoll. Aber: Könnte es sein, dass der Anbau der Bohnen in größeren Mengen am Ende zu Lasten der Anbauflächen für Lebenmittel (Brotgetreide) geht? Gibt’s dazu schon seriöse Berechnungen?

  7. Herr Zülsdorf, zwischen dem Einsatz an Bohnen in Bezug auf den Brennwert und der Ausbeute an Erdgas-Brennwert liegen mehrere Größenordnungen!

  8. @ Siegfried Zülsdor

    Meines Wissens nach hat solche Berechnungen noch niemand angestellt. Ich sehe auch ehrlich gesagt keine Notwendigkeit. Bislang wird Guar vor allem in solchen Regionen angebaut, wo sonst kaum etwas wächst. Die Bohne wurde bereits vor der Nutzung als Zusatzstoff für die Nahrungsindustrie in diesen Regionen angepflanzt. Dann allerdings als Viehfutter oder auch als Nahrung für (arme) Menschen.

    Auch ist die Menge um die es hier geht kaum geeignet, eine ernsthafte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion darzustellen. Im letzten Jahr wurden für das Fracking 400.000 Tonnen Guar eingesetzt. Als Vergleich: Die Weizenernte in der kleinen Schweiz beträgt 500.000 Tonnen pro Jahr.

  9. Novo Argumente:

    Nahrungsmittelspekulationen: Die falsche Moral der Antihungerkämpfer

    Von Alexander Horn

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