Der Stachel des Zweifels

9. September 2011 | Von | Kategorie: Artikel, Blog, Climategate, Klimawandel, Wissenschaft

Anfang der 90er erschien ein sehr beachtetes Buch von Michael Baigent und Richard Leight mit dem Titel „Verschlussache Jesus“ in dem es um einen Skandal um die Erforschung von Schriftrollen ging die kurz nach dem Krieg am Toten Meer entdeckt worden waren. Einige der Aussagen dieses Buches sind, dass die Rolle Paulus bei der Entstehung des Christentums eine ganz andere ist als meist dargestellt, und, was viel brisanter ist, dass Jesus eine gewisse Nähe zu den Sikariern oder Zeloten unterstellt wurde, welche eher als militante Gegner Roms gesehen werden können, als die auf innere Einkehr bedachten Essener, welchen man Jesus bis dahin zurechnete. Deren Erscheinungsbild allerdings im Rauschen der Vergangenheit eher undeutlich erscheint. Dies war jedenfalls die Erkenntnis von Forschen wie Robert Eisenman, auf dessen Informationen das Buch von Baigent und Leight hauptsächlich beruht.

Es entstand ein Streit unter Wissenschaftlern nicht nur um die Auslegung der Texte, sondern vor allem um den Zugang zu den Schriftrollen. Eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern, die meisten der Kirche nahestehend, sicherten sich die Rollen beinah als Eigentum und versuchten anderen unabhängigen Forschern den Zugang zu den Schriften zu verwehren. Es dauerte gefühlte Ewigkeiten bis erste Ergebnisse veröffentlicht wurden und Faksimiles erschienen. Besonders unrühmlich tat sich Pater de Vaux, der Leiter der Forschungsgruppe hervor.

Der Streit um die Auslegung dieser Rollen ging weiter, keine Seite konnte von sich behaupten, den ultimativen Beweis ihrer These gefunden zu haben. Jeder beargwöhnt den anderen, und wenn es irgend geht, wird der Gegenseite der Zugang zu relevanten Forschungsmaterial verweigert. Erst als es Eisenmann gelungen war, mittels des Autorengespanns Baigent/Leight eine große Öffentlichkeit zu mobilisieren, lenkte man ein und Forscher die nicht dem Team angehörten, bekamen Zugang zum Orginalmaterial, beziehungsweise die Faksmiles wurden veröffentlicht. Heute ist klar, vor allem Pater de Vaux versuchte eine Deutungshoheit über die Rollen als auch über die archäologischen Funde zu behalten. Die NZZ schrieb dazu:

Da er zum Vorneherein wusste, was er suchte, fand er es auch: eine Art Essener-Kloster, den Herstellungsort der Schriften, nämlich. Er fand ein «Skriptorium» und interpretierte einige der Zisternen als Reinigungsbecken, denn die Essener-Sekte war gemäss ihren Schriften zur Einhaltung peinlichster Reinheitsrituale verpflichtet. Die Keramik, die de Vaux fand, wies zudem Ähnlichkeiten mit derjenigen auf, die in den Höhlen zum Vorschein gekommen war. So war für ihn klar, dass die Schriftrollen von dieser Sekte stammen mussten. De Vaux‘ archäologische Interpretation fand Zustimmung, passte sie doch damals vorzüglich zur Meinung der Gelehrten. Sie sollte während vierzig Jahren die Forschung dominieren und den Status eines Dogmas erreichen.
[…]
Heute – nach Sichtung der überaus spärlichen Grabungsdokumentation – ist man sich aber weitgehend einig, dass de Vaux seine Befunde überinterpretiert hatte. Sein Wunsch, die Stätte nicht nur in Einklang mit den Schriftrollen, sondern auch mit biblischen Daten und Ereignissen zu bringen, war wohl übermächtig gewesen. So interpretierte er die Frauen- und Kinderskelette, die er im Friedhof fand und die im Widerspruch zur These der zölibatär lebenden Essener standen, kurzerhand als jüngere Beduinengräber.

Wer mit diesen Vorgängen nicht so vertraut ist und diese kurze Einleitung dazu liest, wird sich denken: „Dieses Vorgehen kennen wir doch, ist doch in der Klimaforschung nicht viel anders“. Und in der Tat, die Parallelen sind augenscheinlich und man wird auf anderen Fachgebieten weitere finden. Da geht es um Eitelkeiten, wissenschaftliche Reputation und meist auch um Geld. Nichts Außergewöhnliches im Wissenschaftsbetrieb. Doch was die Vorgänge um die Qumran-Rollen insbesondere mit den Skandalen in der Klimaforschung gemeinsam haben, ist der ideologische, oder religiöse Aspekt.

Hier geht es nicht mehr um die Befindlichkeiten oder Interessen einzelner Forscher, es geht es ums große Ganze. Da der ultimative Beweis fehlt, ist der Stachel des Zweifels um so deutlicher zu spüren und die Angst geht um, dass die Gegenseite mit diesem Stachel das Gebilde in ihren Grundfesten erschüttern kann. Deswegen auch die „Wagenburgen“ von Climategate bis zum Versuch jedwede Publikation zu verhindern die den Stachel noch vergrößern könnte.

Es wird nichts nützen. So wie Pater de Vaux die Qumran-Rollen nicht dauerhaft unter Verschluss halten konnte, werden die alarmistischen Klimawissenschaftler nicht dauerhaft neue Erkenntnisse der Öffentlichkeit vorenthalten können. Doch das wissen diese auch, den Alarmisten geht es nur darum Zeit zu gewinnen, die sie dahingehend genutzt sehen wollen, dass Entscheidungen in ihrem Sinne getroffen werden, die später nicht mehr so ohne weiteres Rückgängig gemacht werden können. Durban steht an, der nächste IPCC-Bericht und die Kyoto-Vereinbarungen laufen aus. Da will man klare Ergebnisse haben, Zweifler sind insbesondere im Vorfeld kalt zu stellen. Ist dann erst einmal ein Beschluss gefasst, die Öffentlichkeit und die eigenen Anhänger auf das neue Ziel eingeschworen, kann man sich immer noch der Zweifler annehmen, diese um so besser als Minderheitsmeinungen diskreditieren, da man als Beweis die erzielten Ergebnisse der Veranstaltungen vorweisen kann. Nur so lässt sich auch die aktuelle Debatte um die Veröffentlichung von neuen Ergebnissen über die Forschung der Wolkenbildung erklären.

Deshalb sind diese Vorgänge mit „Wagenburgmentalität“ eher unzureichend umschrieben, was ja bedeuten würde, dass man sich gewissermaßen einigelt, von der Umwelt abschottet oder eine Defensivhaltung einnimmt. Doch nein, es ist ein ganz offensives Vorgehen, um keinen Zweifel aufkeimen zu lassen der der eigenen Agenda gefährlich werden könnte; und die hat mit Wissenschaft nichts zu tun, sondern ist eine Ideologie.

 

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14 Kommentare
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  1. Ich sage bloß Pyramide, Gantenbrink, und die s.g. „Scheinkammer“ des führenden deutschen Ägyptologen Rainer Stadelmann.

  2. Die Geschichtswissenschaft ist von grundsätzlich anderer Natur als etwa die Mathematik. Dass die Winkelsumme im Dreieck 180 Grad ist, kann man zweifelsfrei beweisen. Ob der Trojanische Krieg stattgefunden hat oder lediglich ein wunderschöner, in prachtvolle Hexameter gefasster Roman ist, wird man niemals mit ähnlicher Sicherheit beweisen können.

    Daher ist Geschichtswissenschaft dort, wo sie weltanschaulich oder politisch brisante Fragestellungen behandelt, z. B. bei der Frage nach der Schuld an diesem oder jenem Krieg oder eben auch der Frage, welchen historischen Hintergrund Jesus hatte, immer eine Art von rückwärtsgewandter Prophetie. (Als ordinierter ev. Theologe weiß ich, wovon ich rede.)

    Solche Fragen werden immer Kampfschauplätze von Ideologien, politischen Interessen oder Religionen sein. Hier gelten die Parolen des Wahrheitsministeriums aus Orwells Roman „1984“: „Wer die Gegenwart beherrscht [=Deutungshoheit], beherrscht die Vergangenheit, wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft.“ (Sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert, ohne Anspruch auf wortwörtliche Richtigkeit.)

  3. Ein treffendes Zitat aus dem Buch findet sich auf Seite 101.

    „Sie waren jedoch machtlos gegen die Art von herablassender Gönnerhaftigkeit, die de Vaux und sein Team, eingeschworen auf den Consensus, an den Tag legten. So angesehen Roth und Driver auch seien, so hätten sie doch bei der Qumranforschung fremden Boden betreten.“

    Wenn einem das nicht bekannt vorkommt.

    Varus

  4. @ Rainer Vogels

    Solche Fragen werden immer Kampfschauplätze von Ideologien, politischen Interessen oder Religionen sein.

    Ja natürlich, deswegen habe ich den Vergleich zu den Vorgängen um Qumran auch gewählt. Die politisierte Klimawissenschaft ist eben etwas anderes als Mathematik, zwar auch keine Geschichtswissenschaft, aber ebenso wie diese hauptsächlich auf Indizien angewiesen die der Deutung bedürfen. Und wer die Deutungshoheit erlangt hat, kann bestimmen wohin die Diskussion gehen soll und nimmt damit wesentlichen Einfluss auf politische und wirtschaftliche Entscheidungen heute.

    Diesen Einfluss gilt es zu waren, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.

  5. Habe gerade was bei den Klimarealisten aus Norwegen gefunden, eine wunderschöne Zeitlinie der Climatgate-Skandale (nota bene-pdf.), zuerst bei JoNova erschienen.

  6. @ Karl

    Das scheint ein recht gut gemachtes Poster zu sein, es lohnt sich wahrscheinlich dieses einmal auszudrucken und an die Wand zu kleben. Ich konnte es mir nur zum Teil anschauen, da ich auf einen Uralt-Laptop wechseln musste, meinen etwas besseren und neueren habe ich wahrscheinlich geschrottet, beim Versuch den CPU-Lüfter zu wechseln.

  7. @Quentin

    … beim Versuch den CPU-Lüfter zu wechseln.

    Sch ade aber auch, aber nichts gegen das Geräusch eines Festplatten-Crashes, krieg jetzt noch ´ne Gänsehaut (nur so nebenbei).
    Der Typ der´s gemacht hat ist Graphiker, wenn ich mich nicht verlesen hab, das Format ist glaub ich A3, also wenig geeignet für den normalen Hausgebrauch.

  8. Ich habe es von JoNova heruntergeladen. Und zwar in der Version A4, da sind es 36 Seiten die man dann zusammenkleben muss. So ergibt es wohl ein Plakat/Poster.

    Ha, da habe ich aber gerade eine Idee, das lasse ich die Kinder machen. Da können Sie basteln, dann sollen sie mir erklären was das alles auf Deutsch heißt. Und was sie nicht verstehen, erkläre ich eben. So nebenbei lernen sie noch etwas dabei.

  9. Bild einfügen ging nicht: deshalb als Link

    [Edit. Als Admin gehts…]

    null

  10. @ Karl & Quentin

    Das Poster mit der Climategate Zeittafel war auch bei uns schon mal Thema.

    Besonders gefreut hat mich natürlich die Grafik ziemlich weit links in der Mitte (1995; [64]) :-).
    (Diese hier)

  11. @Rudolf

    Na Super, ganz großes Kino. Ich dachte ich komm hier ganz groß ´raus mit meinem fetten Poster, aber nööö …

    Verdammte Axt, ich wußte ich hab was gelesen darüber, und zwar hier, hab sogar danach gesucht aber naja, in meiner derzeitigen Verfassung kein Wunder, ich bin so was von nerviös und durch ´n Wind. Die Wohnung ist zum 30. gekündigt und weder der Sicherungsschrank ( geiles Teil, 1800x800, Möglichkeit zum getrennten Einbau von Stark- und Schwachstrominst., Telekommunikation) noch der Klempner ist vor Ort, der Tischler hat wenigstens schon angefangen und will morgen die Treppe einbauen, ich muß zwischendurch noch arbeiten und den Umzug machen, wahrscheinlich geht wieder alles komplett aufn letzten Drücker los und mit Hauruck, wie ich das Hasse.

  12. Ha, so könnte unsere Zukunft auch aussehen:

    Da wird nicht nur die Wäsche sauber und Strom gespart, nein, dieser Waschtag ist auch gut für die Figur!

  13. @Quentin
    Das erschien wohl nicht ohne Grund unter „Verücktes“ 😉 .

  14. Ja natürlich, deswegen habe ich den Vergleich zu den Vorgängen um Qumran auch gewählt. Die politisierte Klimawissenschaft ist eben etwas anderes als Mathematik, zwar auch keine Geschichtswissenschaft, aber ebenso wie diese hauptsächlich auf Indizien angewiesen die der Deutung bedürfen. Und wer die Deutungshoheit erlangt hat, kann bestimmen wohin die Diskussion gehen soll und nimmt damit wesentlichen Einfluss auf politische und wirtschaftliche Entscheidungen heute.

    @Quentin Quencher,

    das man auch auf Deutungen von Ergebnissen und Entdeckungen angewiesen ist und teilweise auch viel spekuliert, ist nichts ungewöhnliches. Selbst in den trockenen technischen und naturwissenschaftlichen Gebieten kann man bei der Interpretation von Experimenten und Ergebnissen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Das allein ist noch kein Qualitätsmerkmal für einen Wissenschaftszweig.

    Das es einen Deutungskampf in der Politik und Wirtschaft gibt, wie nun Erkenntnisse aus der Wissenschaft zu werten sind, ist auch ziemlich plausibel, denn dort geht es schliesslich um Macht. Jetzt aber darauf zurückzuschliessen, dass es auch in der Wissenschaft nur um Macht ginge und nicht darum, welches Modell am nächsten an der Realität liegt, halte ich allerdings für ziemlich gewagt. Mir ist zwar bewußt, dass darauf bestimmt wieder Einzelbeispiele genannt werden, wo angeblich Wissenschaftler ihre Machtposition ausgespielt haben, aber das hat wenig mit der alltäglichen Wissenschaft zu tun.