Der Teufelskreis aus Fakt und Fiktion

18. März 2017 | Von | Kategorie: Blog

SouthAmericaOder die Vermischung von Tatsache und Möglichkeit.

„Teufelskreis aus Dürre und Waldverlust am Amazonas“ lesen wir in der Überschrift einer Pressemitteilung des PIK vom 13.13.2017.

Lobenswerter Weise wird bereits im ersten Satz des Artikels mit dem Wort „könnten“ alles relativiert, so dass der geneigte Leser ahnen kann, dass es nur eine Möglichkeit ist:

13.13.2017 – Der Waldverlust durch Abholzen im Amazonasgebiet und die mögliche Abnahme der Regenfälle dort könnten einen Teufelskreis in Gang bringen.

Allerdings werden dann schon ab dem zweiten Satz des Abschnittes Fakten und Möglichkeiten vermischt:

„Wenn Trockenzeiten mit dem menschengemachten Klimawandel zunehmen, so steigt zusätzlich das Risiko eines sich selbst verstärkenden Waldverlustes, so hat ein internationales Team von Wissenschaftlern herausgefunden. Wenn allerdings ein großer Artenreichtum von Bäumen in einem Waldabschnitt lebt, so kann das dessen Überlebenschancen merklich steigern. Um dieses nicht-lineare Verhalten aufzuspüren, haben die Forscher eine neuartige Analyse komplexer Netzwerke angewendet.“

Überschriften werden fett gedruckt im Aktiv dargestellt:

„Selbstverstärkender Effekt bewirkt zusätzlichen Waldverlust“, um im nächsten Abschnitt relativiert zu werden:

„Wenn sich in der Trockenzeit die Niederschlagsmenge im Amazonasgebiet halbieren würde, könnten mindestens 10 Prozent des Waldes allein durch den Effekt der Selbstverstärkung verloren gehen, zusätzlich zu dem erheblichen direkten Waldverlust durch Trockenheit. Computer-Simulationen der Wissenschaftler legen nahe, dass dies vor 20.000 Jahren im Amazonas-Regenwald schon einmal geschehen sein könnte, dies passt auch zu Belegen aus der Erdgeschichte. Die Wissenschaftler betonen aber, dass es Unsicherheiten gibt.“

Wie groß diese Unsicherheiten sind erfahren wir sicherheitshalber nicht.

Beim weiteren Lesen erfahren wir dann auch vorsichtshalber was die Studie nicht kann:

„Die Studie kann keine Informationen über die Zeiträume der Entwicklung bieten, sie ist eine Analyse der Empfindlichkeit des Systems.“

Das hat ja dann den Vorteil, dass die Studie in absehbarer Zeit auch nicht falsifiziert werden kann.

Sehr Interessantes erfährt man  im Peer-Review zu der der Pressemitteilung zugrundeliegenden Arbeit: „Self-amplified Amazon forest loss due to vegetation-atmosphere feedbacks“

„However, this manuscript falls short on the adaptation of the empirical tool as well as the application of the process knowledge, and appears innocent of the nuances and the sensitivities of the underlying assumptions. In general, such approaches may need a deeper consideration of falsifiability to ensure that the results and insights are not artifacts of the imposed (in this case complex network)structure but a fundamental discovery about (in this case ecosystem) science.“

Mit anderen Worten die Ergebnisse der Studie könnten Artefakte sein, weil die Autoren die zugrundeliegenden Annahmen nicht verstanden haben und kein Wissen über die Prozesse verfügen. Zumindestens steht davon nichts im Manuskript wie der Peer-Reviewer bemerkt. Das war die Bewertung eines der Peer-Reviewer. Die anderen beiden haben diese Defizite nicht so sehr vermisst. Alle drei haben die Veröffentlichung in Nature Communications empfohlen, weil die Methode neu und interessant ist.

Das hätte ich übrigens auch, weil es immer gut ist neue Methoden zu veröffentlichen.

Der Teufelskreis aus Fakt und Fiktion entsteht jedoch in den Medien durch Vermischung von Fakt und Möglichkeit und dadurch dass eben nicht nur Fachleute diese Veröffentlichungen lesen.

Auch für eine Wissenschaft scheint mir das  ein Problem zu sein, da solche Veröffentlichungen die Zeitschriften mit nicht falsifizierbaren Möglichkeiten füllen. Kann man eine Wissenschaft die vor Allem nicht falsifizierbare Möglichkeiten veröffentlicht als Naturwissenschaft betrachten?

Meiner Meinung nach nicht. Aber vielleicht gibt es ja auch andere Meinungen.

 

 

 

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5 Kommentare
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  1. „Food for thought“ -- zur letzten Fragestellung: nein.
    Reproduzierbarkeit ist ein Paradigma.

  2. Wenn sich die (sehr hohe) Niederschlagsmenge im Amazonasgebiet halbieren würde (dafür gibt es aber keinerlei Anzeichen außer in der Phantasie der Computerprogrammierer des PIK), dann würde sich die Artenzusammen der Gehölze ändern. Der tropische Regenwald, würde von einem tropischen Trockenwald verdrängt, bestehend aus Arten, die mit der Hälfte und weniger an Niederschlag auskommen (siehe Chaco, siehe Caatinga).
    Es gibt keinerlei Grund zu der Befürchtung, dass der waldreichste Kontinent (Südamerika mit einer Waldbedeckung von 47%) durch herbeimodellierten Klimawandel seine Bewaldung und seine Kapazität als Korn- und Fleischkammer der Welt verliert.
    Als Viehzüchter in Südamerika empfehle ich der Deutschen Regierung, besonnener mit Steuergeldern umzugehen. Ich könnte mir eine bessere Verwendung vorstellen als die Fantasten und Visionäre des PIK mit üppigen Budgets einzudecken. Diesen Herrschaften Arbeitslosengeld zu zahlen, wäre die erheblich günstigere Lösung und deshalb sicherlich im Sinne des deutschen Steuerzahlers (und der südamerikanischen Landwirte, die auf die Denkhilfe des PIK ganz sicher keinen Wert legen).

  3. Alternative Fakten. 😉

  4. Jetzt ist der Klimawandel schon an der Abholzung des Amazonas mitschuld.
    ich lach‘ mich tot. 😉

    Vielleicht sollten die mal darauf aufmerksam machen, dass dort Dschungel verschwindet, weil Staudämme gebaut werden, die riesengroße Flächen überfluten.
    In den 1980er war Greenpeace noch gegen diese Staudämme, heute sind diese öko-Pharisäer dafür; weil dort grüner Strom herkommt. Sogar die Indios sind heute egal.

  5. Die Wissenschaften stecken in einer Kriese -- ein ungebrochener Zukunftsoptimismus und wahnhsften Machbarkeitsglauben zum Ende des 19. Jahrhundert wie der aufstrebenden Technik eine Zauberkrft zu. Wir wissen, dass der Untergang der Titanic dieser Hybris ein -- vorläufiges -- Ende setzte. Irgendwie erschien es wie die Neuauflage zum legendären Turmbau zu Babel.

    Seit dem zweifelt man einerseits an der Machbarkeit unbegrenzter Problemlösungen. Dystopien und Zukunftpessimissmus erlangten trendmachende Bedeutungen. Nur bei den Wissenschaften bewahrte man sich den Optimismus. Alles werde ans Licht kommen. Wissenschaftler, die gewagte Behauptungen -- auch im Konjunktiv -- mit dem Brustton der Überzeugungen vortragen, haben ein klein wenig den Nimbus des Priesters geerbt. Als Künder der Wahrheit vermag er neue Hoffnungen zu schöpfen. Aber geläutert durch die erkannte Hybris ist es nun der vermeintlich demütige Pessimismus, dem mit vorgeblicher Wahrheitssuche geopfert wird.

    Wie weit haben sich heute öffentlichkeitswirksame Wissenschaftler von deren Ideal bereits entfernt? Letztlich beschädigen sie die Errungenschaften der Wissenschaften, wenn sie deren Fassade aufrecht erhalten, aber im Kern bereits alle Prinzipien verraten, die die Wissenschaften zu dem gemacht haben, was sie einst waren.

    Dieses war auch bei dem Hearing zum Climate Change vor dem US Senat klar erkennbar …

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