Die Wurzeln der Sonnenblumen

12. Mai 2012 | Von | Kategorie: Artikel, Blog, Nachhaltigkeit, Ökologismus, Politik, Profiteure

In letzter Zeit gingen Meldungen durch die Presselandschaft, wonach sich rechtsextreme Gruppierungen in der Ökoszene ausbreiten, oder rechtsextremes Gedankengut unter einem grünen Schafspelz verborgen, den Weg in die Mitte der Gesellschaft finden würde [¹] [²] [³]. Immer wieder in diesem Zusammenhang wird die Zeitschrift Umwelt & Aktiv [] genannt. Der „Schriftleiter des Blatts,“ so die Süddeutsche Zeitung, war niederbayerischer NPD-Kandidat für die Landtagswahl 2008. Und in der Tat, bei Umwelt & Aktiv sieht man sich in der Tradition von Herbert Gruhl [], Baldur Springmann [] und August Haußleiter []. Allesamt konservative Naturschützer, die auch in der Anfangszeit der Grünen einen sehr großen Einfluss hatten, und für die Naturschutz nicht nur einfach Naturschutz war, sondern auch Heimatschutz. Fälschlicherweise wird dies dann automatisch mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht, selbst Jürgen Trittin stellte eine „sehr erhebliche ideologische Schnittmenge“ zwischen Naturschutz und Nationalsozialismus fest und schlussfolgert: „Es gab eigentlich keinen Punkt, an dem Naturschutz und Nationalsozialismus ideologisch grundsätzlich unvereinbar waren“ [].

Dies ist bei den meisten Kommentatoren unstrittig, und doch falsch, weil der Ursprung des Naturschutzes weit vor dem Entstehen des Nationalsozialismus liegt. Die deutschen Faschisten haben die völkische Naturschutzbewegung nur einfach in ihr Weltbild eingegliedert. Diese wiederum hatte die von der Romantik beeinflusste Heimatschutzbewegung um den völkischen Gedanken erweitert []. Insgesamt kann man den deutschen Heimat- und Naturschutz als Gegenbewegung der Umwandlungsprozesse im 19. Jahrhundert betrachten. Schon damals beunruhigten Industrialisierung, Veränderte Landschaftsbilder und Urbanisierung, sowie Globalisierung, viele Menschen. Das Idealbild eines „unverdorbenen Landlebens“ entstand, welches Ausstrahlung bis in die damalige zeitgenössische Kunst hatte [¹⁰]. Keinesfalls im Gegensatz dazu steht die aus Rudolf Steiners Anthroposophie hervorgehende Biologisch-Dynamische-Landwirtschaft, heute vor allem von der Demeter e.V. vertreten [¹¹], die nur deshalb heute nicht mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wird, weil sie von der Mehrheit der NS-Führung abgelehnt wurde und anthroposophisches Denken „nicht biologisch-rassisch, sondern biologisch-kosmisch“ sei [¹²]. Dennoch hatte sie mit NS-Größen wie Rudolf Heß prominente Anhänger. Auf Abgrenzung waren aber die Nationalsozialisten bedacht, nicht die Anthroposophen [¹³].

Als Zwischenfazit kann man also feststellen, dass die heutige rechtsextreme Variante der Umweltschutzbewegung nicht auf nationalsozialistischem Gedankengut beruht, sondern auf völkischen Vorstellungen, verbunden mit der Romantik, aus dem 19. Jahrhundert. Wenn wir heute die völkischen Vorstellungen mit Nationalsozialismus gleichsetzen, dann ist dies zwar nicht völlig falsch, doch ist diese Sichtweise stark verkürzt und lässt außer acht, was zuerst da war. Hätte es das NS-Regime und deren Verbrechen nicht gegeben, die völkische Bewegung des 19. und frühen 20. Jahrhundert würde heute wahrscheinlich als simpler rechter Patriotismus angesehen [¹⁴]. Rechte Ökologisten sind nur dann dem Neonazi-Spektrum zuzuorden, wenn sie gleichzeitig rassistisch und antisemitisch sind.

Nach dem Krieg baute man einfach auf bestehende Gesetze auf und „Ähnlich wie in der deutschen Gesellschaft als Ganzes war der Umgang der Naturschützer mit ihrem Verhalten während der NS-Zeit von Verharmlosungen und Verdrängung geprägt. [¹⁵].“ Erst in den frühen siebziger Jahren begann sich eine neue Umweltschutzbewegung zu entwickeln, die nun nicht mehr völkisch genannt werden konnte, aber dennoch wesentliche Elemente aus den romantischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts übernahm, ebenso die Angst vor Industrialisierung, Globalisierung, Landschaftsveränderung und einiges mehr. Und auch der Begriff Heimat erlebte eine Renaissance in Form von regionaler Identität. Dieser unterschied sich von den völkischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts nur insofern, als dass der Begriff Rasse keine Rolle mehr spielte. „Die dem Nachhaltigkeitspostulat zugrundeliegende Idee, die ökonomische Entwicklung an die Berücksichtigung sozialer Belange und ökologischer Tragfähigkeit im Rahmen eines Gestaltungsauftrags zu koppeln, entspricht im Grundsatz dem Ansatz des frühen Heimatschutzes.[ ¹⁶].“

Wenn also heute davon gesprochen wird, dass die Umweltschutzbewegung von rechtsradikalem Gedankengut unterwandert wird, so wie anfangs dargestellt, so können wir nun feststellen, dass dies nicht stimmen kann, da der deutsche Heimat- und Naturschutz seine Wurzeln und Ausprägungen im konservativen Milieu hat und tendenziell eher politisch rechts einzuordnen ist. Die Grundüberzeugungen die einhergehen mit der Kritik an der modernen Gesellschaft, der Dekadenzkritik und der Angst vor der Beeinflussung von außen, hier vor allem in Form vor internationalen Konzernen, haben somit eine lange Tradition. Der rechte Umweltschutz ist urtraditionell und authentisch und versteckt sich nicht hinter einem ökologischem Zeitgeist, sondern war schon immer so.

Linke Umweltschützer reagieren auf solche Feststellungen sehr allergisch, und das verwundert nicht, teilen sie doch mit den Rechten das gleiche Überzeugungsportfolio. Gleich einem Häretiker der ungern auf die Wurzeln seines Glaubens angesprochen wird, und sich von diesen abzugrenzen versucht, meint der Mainstream der heutigen Ökologisten, den wahren Glauben gefunden zu haben. In Wirklichkeit ist es aber die Linksalternative Szene, die ursprünglich mit Umweltschutz nicht viel zu tun hatte, die sich das Thema Ökologismus gekapert hat, weil es sich so wunderschön mit Kapitalismuskritik verbinden lässt und als Grund dafür herhalten muss, die beabsichtigte Umgestaltung der Gesellschaft zu legitimieren. Mit Klassenkampfparolen erreicht man eben keine Massen mehr. Der Historiker Joachim Radkau meint gar, es ist „der Ökologismus weltweit als einzige ideologische Alternative zur absoluten Hegemonie des privaten Gewinn- und Konsumstrebens übrig geblieben [¹⁷].“ So gesehen ist auch klar, wer hier wirklich der Wolf im Schafpelz ist.

Den Grünen ist mit diesem Trick der Sprung bis in konservativste Bereiche der Gesellschaft gelungen. Ob Schützenverein, Heimatverein, Kirchchor, egal wo, Grüne und Ökologismusanhänger sind dabei. Die Verschmelzung ist deswegen nicht so schwer gefallen, weil es im Prinzip keine großen Differenzen gegeben hat. Solche Begriffe wie Heimat, regionale Identität, Globalisierungsangst beschreiben den Kitt der beide Gruppen verbindet. Die Umweltbewegung ist deshalb in Deutschland stärker als in anderen Ländern, weil es einen Zusammenfluss von Rechten und Linken, oder sagen wir besser, aus konservativen Gruppen und Neomarxisten gegeben hat [¹⁸].

Verlinkte Seiten:

[¹] SWR2 Forum: Wie braun ist Bio?-Rechtsextremismus in der Umweltbewegung
[²] Süddeutsche.de: Idylle in Grün-Braun
[³] Welt.de: Rechtsextreme entdecken das Thema Naturschutz
[⁴] Umwelt & Aktiv
[⁵]Wikipedia: Herbert Gruhl
[⁶] Wikipedia: Baldur Springmann
[⁷] Wikipedia: August Haußleiter
[⁸] H-Soz-u-Kult: Naturschutz und Nationalsozialismus
[⁹] Wikipedia: Heimatbewegung
[¹⁰] BR Kunst und Krempel: Säender Landmann
[¹¹] demeter.de: Über uns
[¹²] Ralf Sonnenberg: Judentum, Zionismus und Antisemitismus aus der Sicht Rudolf Steiners
[¹³] AnthroWiki: Anthroposophie während des Nationalsozialismus
[¹⁴] H-SOZ-U-KULT: Ordnungen der Ungleichheit. Die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen 1871-1945
[¹⁵] Historisches Lexikon Bayerns: Natur- und Umweltschutz (nach 1945)
[¹⁶] Bundesamt für Naturschutz: Die Vilmer Thesen zu „Heimat“ und Naturschutz
[¹⁷] Wikipedia: Ökologismus
[¹⁸] Dr. Frank Uekötter im SWR2 Forum: Wie braun ist Bio?-Rechtsextremismus in der Umweltbewegung (ab 21:29 min)

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22 Kommentare
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  1. Eine kleine Randnotiz:
    Schon im Rokoko gab es eine Bewegung ‚zurück zur Natur‘ in den führenden Schichten der Gesllschaft, die sich als ‚Schäferidylle‘ äusserte. Ziel der Sensucht war ein Arkadien, ein irdisches Paradies.
    Man baute Spielzeug-Bauernhöfe (Bergeries -- Schäfereien) neben die Paläste, in denen man das unbeschwerte Landleben spielte.
    Das kann man als ‚Bukolik‘ sogar bis in die Antike verfolgen und der christliche Aphorismus des Lamms, des Hirten und der Herde kann ebenfalls damit in Verbindung gebracht werden.

  2. @ Tritium

    Die romantische Verklärung des ‚einfachen Lebens‘ ist sicher viel älter als der Naturschutz. Danke für den Hinweis.

  3. Letztendlich ist das moderne grüne Mäntelchen so groß, daß viele Strömungen darunter Platz finden. Auch die ganze ideologische Palette von rechts bis links. Wir haben die Umwelt- und Heimatschutzbewegten, die hauptsächlich in ländlichen Bereichen angesiedelt sind aber auch die Ökologisten der Großstädte. Dazu gesellt sich die kleinere Schar der Extremisten, die sich in beiden Lagern finden. Es gibt viele Gemeinsamkeiten und auch ebenso grundlegende Differenzen. Die Ersteren wollen grün leben, während sich die zweite Gruppe auf das grüne Ideologisieren verlegt hat.

    In der Mehrheit akzeptiert die Gruppe der Umwelt- und Heimatschutzbewegten, daß der Mensch die von ihnen als schützenswert betrachtete Umwelt gestaltet hat und integrierter Teil dieser ist. Denn zu schützen sind sowohl die natürlichen, als auch die durch den Menschen geschaffenen Elemente.

    Der Ökologismus hingegen sieht im Menschen nur den Störer und stellt ihn der gedachten Natürlichkeit entgegen. Eingriffe in die „natürliche“ Umwelt werden mit größter Skepsis betrachtet und versucht zu verhindern. Der menschliche Fußabdruck ist der Feind des „ökologischen Gleichgewichts“ und bedarf der ständigen Korrektur. Im linken Element der grünen Bewegung spricht man ja gar von der Ausbeutung der Mutter Erde, die zu verhindern ist.

    Politisch gibt es aber zwischen beiden Lagern keinen Kampf, sondern eine nahezu friedliche Koexistenz. Strittige Punkte, wie Eingriffe in die Umwelt, der Energiewende zuliebe, werden entweder ignoriert oder ideologisch verwässert und in den Hintergrund gedrängt.

    Vergessen wird aber immer wieder von den Ökologisten, daß ein funktionierender Umwelt- und Heimatschutz stets abhängig ist von persönlicher Verantwortung und vom Wohlstand einer Gesellschaft. Es schadet nur, wenn er von einer Partei für politische Zwecke mißbraucht wird. Das gilt für den Nationalsozialismus ebenso, als für den Ökologismus.

    Beste Grüße B.

  4. @ Bibliothekar

    Ich denke, die Meisten Menschen machen sich keine Gedanken darum, ob der Mensch nun Teil der natürlichen Umwelt ist oder nicht. Ich persönlich finde die Frage sehr wichtig, doch wird es die meisten, weil es eben auch eine philosophische Frage ist, eher wenig tangieren. Und den Artikel hier, habe ich auch mit ein wenig Wut im Bauch geschrieben. Hier in BW rennt der Kretschmann von einem Sympathierekord zum nächsten. Leute, biedere Schwaben mit Häuschen und Liebe zur Kehrwoche, meinen, dass der doch seine Sache ganz gut mache. Dieselben Leute, die noch vor wenigen Jahren den Daimler und den Bosch als einen der ihren ansahen und stolz darauf waren. Diese Leute fallen jetzt auf einen Roßtäuscher h‬erein. Das kann nicht nur in der Person Kretschmanns begründet liegen, es muss einen Acker geben, der bereit ist diese Saat aufzunehmen. Warum es diesen Acker gibt und warum der für das grüne Unkraut so gut vorbereitet ist, dass versuche ich herauszufinden.

    Eine Erklärung für mich ist, das hat mir der Streit zwischen linken und rechten Ökos aufgezeigt, dass die linken Ökos ihren „Internationalismus“ aufgegeben haben. Dieses OneWorld wird zwar in Verbindung mit Klimaschutz und Ressourcennutzung immer wieder genannt, ist im Prinzip nur eine moralische Begründung, die wenn es ums ‚Eingemachte‘ geht, auch schnell beiseite gewischt wird. Du hast das ja auch schön gesagt: „Strittige Punkte, wie Eingriffe in die Umwelt, der Energiewende zuliebe, werden entweder ignoriert oder ideologisch verwässert und in den Hintergrund gedrängt.“

    Die Grünen haben die ‚Heimat‘ wieder entdeckt und sind damit wieder in Richtung ihrer Gründerväter gewandert, für die Heimat- und Naturschutz nicht trennbar war, während die Linken Ökos mit ‚Heimat‘ aber eher weniger anfangen können. Aber selbst die begeistern sich jetzt an ‚regionalen Kreisläufen‘ in Verbindung mit Nachhaltigkeit etc. und kommen dem Heimatvorstellungen der rechten Ökos sehr nahe. Dies könnte, ich betone den Konjunktiv, ein Grund für den Erfolg Kretschmanns in BW sein.

  5. @ Bibliothekar (Nachtrag)

    Man bedenke in diesem Zusammenhang auch das gute Abschneiden der ‚Repubikaner‚ hierzulande. Bis vor 16 Jahren hatten die hier noch um die 10% bei Landtagswahlen. Und noch mehr die insgeheim mit denen systematisierten. Ich vermute da Zusammenhänge, kann es aber noch nicht so genau erklären.

  6. Lieber Quentin,

    ich denke der Erfolg der Grünen in Baden-Württemberg, ist nicht in erster Linie das Ergebnis der Ereignisse von Fukushima, sondern der Person Winfried Kretschmanns zuzuschreiben. Als Ökolibertärer, dessen Menschenbild durch einen „ökologischen Humanismus“ charakterisiert wird und der sehr wertkonservativ auf den Mittelstand ausgerichtet ist, war er die richtige Leitperson zur richtigen Zeit. Der anthroposophischen Demeterfraktion zum Beispiel fiel es nicht schwer das Kreuz dieses mal an die Stelle der Grünen, als an die Stelle der CDU zu setzen. Die Hauptforderungen der Ökolibertären nach Entstaatlichung, Dezentralisierung, Selbsthilfe und Subsidiarität sprachen konservative Wählergruppen an.

    Der ökosozialistische Teil der Grünen und mit ihnen die Vielfalt an anderen grünen Themen wurde zur Wahl von ihnen ignoriert. Die Grünen waren 2011 wohl die Partei, die mit Kretschmann, den Umwelt- und Heimatgedanken erfolgreich der baden-württembergischen Bevölkerung, als politisches Ziel, verkauft haben. Dieses grundkonservative Element der Grünen wird oft übersehen, weil der linke Flügel die politische und mediale Diskussion prägt. Der Erfolg in Baden-Württemberg war ein Erfolg der konservativen Grünen und der ihr verbundenen Umwelt- und Heimatbewegung. Mit der kollektivistischen Eine-Welt-Ideologie der linken Kräfte wäre dies nie gelungen. Dies war dann bei der Wahl in Berlin deutlich spürbar. Hier fehlte dann das konservative Element. Die bürgerliche Mitte wählte anders.

    Möglicherweise hatte auch die sich ändernde Altersstruktur der Grünen mit zu deren Erfolgen in Baden-Württemberg beigetragen, da bei Älteren die Wertmaßstäbe für Natur, Heimat und Region anders gewichtet sind, als bei der hippen Großstadtklientel in Berlin.

    Ob es aber zukünftig darob zu einem Flügelkampf innerhalb der Grünen kommen kann bezweifle ich. Sind doch die linken Strömungen eher mit den Piraten beschäftigt.

    Beste Grüße B.

  7. Also: Lernen durch SCHMERZ? 🙁

  8. Es ist doch klar, was passiert, wenn man rot und grün mischt.

  9. Unterm Strich könnte man zur Vermutung kommen, daß es den Grünen reichen würde, sich von umstrittenen Themen, wie Gender oder Multikulti, zurück zu ziehen und verstärkt Heimat und Region auf die Agenda zu heben, um Wahlerfolge dann als Volkspartei zu erzielen. Nicht die Personen machen die Grünen so stark, sondern die Themen. Genau zu der Zeit, als parteienunabhängig Fragen der Gesundheit, womöglich auch wohlstandsbedingt, in den Mittelpunkt des Interesses rückten, traten die Grünen ihren Weg durch die Institutionen an.

    Es ist eben auch die geschürte Angst um die persönliche Gesundheit, bedroht durch Kernkraftstrahlung, Elektrosmog, Abgase, vergiftete industriell gefertigte Lebensmittel, Waldsterben, stinkende Flüsse, verrufene Pharmaindustrie, globalisierte Konzernmacht und Gentechnik, die es den Grünen ermöglicht derart breit Sympathien der Bevölkerung zu erlangen. Das ist den Menschen viel wichtiger als Gender und Kapitalismuskritik zu dessen Abschaffung. Dafür würden sicher nur wenige Wähler ihr Kreuz an der Wahlurne machen. Man versucht das Partei-Ziel durch Bürgernähe zu erreichen, was diesen dann oft ideologisch unverdächtig erscheint. Im Gegensatz zu anderen Parteien will man den Kapitalismus nicht sofort abschaffen, sondern ihn zunächst nur ergrünen lassen. Das findet Zuspruch vieler politischer Strömungen in der Bevölkerung. Man verspricht ein besseres und vor Allem sichereres und längeres Leben und Wohlstand durch einen sozial geprägten Mittelstand. Da ist es schon egal, in welche Richtung der persönliche Daumen zeigt.

    Der Grünen Partei ist die Strategie anderer des „Alles oder Nichts“ eher suspekt. Es reicht, wenn man Sticker für Sticker den Gesetzestext mit grüner Farbe ausfüllt. Da man dabei bisher stets nur kleiner Partner auf der Regierungsbank war, lassen sich die Mißerfolge schnell der anderen Seite anlasten (siehe Biosprit). Deshalb ist das vermutlich einmalige Experiment Baden-Württemberg so interessant. Dort werden die Grünen vermutlich ganz leise ihre klebrigen Fangnetze weben und nicht mit einer grünen Revolution das Ländle aus dem Lot bringen. Die mediale Stille zur ersten grünen Regierung ist mir jedenfalls sehr verdächtig.

    Beste Grüße B.

  10. Ich glaube nicht, dass Parteien ihre Basis schaffen.
    Das mag jetzt angesichts der Reichsparteitage der Nazis oder grünem Propaganda-Trommelfeuer und Medienokkupation als seltsamer Standpunkt erscheinen, doch wenn man näher hin sieht:
    Wäre die NS-Herrschaft ohne die besondere ‚Stimmung‘, deren Ursache der grosse Krieg, die wirtschaftliche Depression, die Inflation war, denkbar gewesen?
    Sicher nicht.
    Hat es die SED, trotz totaler Medienkontrolle und ihrer Allmacht bei der ‚Erziehung‘ in Kindergarten und Schule und ihrer totalen Durchdringung der Gesellschaft geschafft, sich eine echte Basis zu schaffen?
    in 40 Jahren nicht!

    Parteien sind Manifestationen von gesellschaftlichen Stimmungen, Kinder der Gesellschaft und nicht Former.

    Natürlich gibt es Rückkopplungen, die dann von der Partei zurück auf die Gesellschaft wirken, doch sie sind sekundär, wenn auch manchmal sehr beeindruckend.
    Statt mit den Grünen und ihren Methoden zu hadern, sollte man eher den gesellschaftlichen Nährboden betrachten und daraus Schlüsse ziehen.
    Nch der ersten Aufbauphase des Witschaftswunders, als es um die Befriedigung der elementaren Bdürfnisse Nahrung und Wohnung ging, schauten sich die Menschen um und sie sahen tatsächlich eine verwüstete Umwelt, Smog, vergiftete Flüsse. Gleichzeitig wollten sie, ganz natürlich, ihren Wohlstand geniessen.
    Die Umweltschäden wurden jedoch nicht von den Grünen thematisiert, sondern zuerst von Willy Brandt, zu einer Zeit, als die Grünen noch in die Windeln kackten.
    Das zweite erscheint mir interessanter: Genuss des Wohlstands.
    Es bildete sich einen Biedermeier-Stimmung aus, das kleine Glück. Von grosser Politik hatte man seit den Nazis eigentlich immer noch die Nase voll, der Antikommunismus war zwar stark, aber es war ja keine Bewegung sondern das genaue gegenteil, eine Ablehnung ‚grossser‘ Politik. Dem Kommunismus stand keinen Gegenideologie gegenüber sondern nur der Unwille, sich schon wieder politisch zu engagieren.
    Dieses saturierte und selbstbescheidene Biedermeier (kennzeichnend ist ja die Haltung, mit dem Erreichten persönlich zufrieden zu sein, im Gegensatz zum ‚raffenden‘ Kapitalisten) wandte sich dann den kleinen Problemen zu, der Sauberkeit im Vorgarten -- Was zeigt das besser als die absurde Dosenpfandkampagne!
    Grün ist eigentlich keine Politik, sondern eine Verweigerung der Politik, Grün thematisiert keine gesellschaftlichen Probleme, sondern steht für einen Rückzug aus der Gesellscft, für die Absonderung in der privaten Nußschale. Grün ist gegen alle, was die private Biedermeier-Welt von aussen gefährden könnte:
    Grün ist soziale Kälte, sichewrlich die asozialste Partei von allen.
    Grün ist aussenpolitischer Isolationismus.
    Grün ist gegen Kapitalismus, weil der Macht konzentriert.
    Grün sucht persönliche Sicherheit in jeder Beziehung und wehrt sich gegen jeden Eindringling in die persönliche Blase: NIMBY Not in my backyard ist ihr Motto.
    Grün ist schon fast eine Karikatur der Spießigkeit und Kleinbürgerlichkeit.

    Es ist diese Grundhaltung, die man ausbeuten kann, wenn man dem Spiesser erklärt, dass da etwas in seine kleine Welt eindringen könnte: „Diese Typen werfen leere Bierdosen in deinen schönen sauberen Vorgarten, dagegen muss was getan werden!“

    Man sollte also wohl nicht so sehr auf ‚Neubraun‘ oder andere Erklärungsversuche setzen sondern Grün eher als Verweigerungshaltung und persönlichen Isolationismus begreifen, wenn man Grün erklären will.

  11. Zu guttenberg kehrt, wegen Windkraft und Photovoltaik dem BUND den Rücken.

    http://m.welt.de/article.do?id=%252Fpolitik%252Fdeutschland%252Farticle106298533%252FGuttenbergs-Vater-verlaesst-schweren-Herzens-BUND.html

  12. @ Tritium #10

    Ich glaube auch nicht, dass die Parteien sich ihre eigene Basis schaffen. Bestehende Strömung können die aufgreifen und verstärken, andere stigmatisieren, aber gänzlich aus dem ‚Nichts‘ eine Stimmung erzeugen geht wohl nicht. Oder aber auch latent vorhandene Wünsche und Bedürfnisse ausnutzen um das Gefühl zu vermitteln, man befriedige man diese Wünsche und Bedürfnisse.

    Und in diesem Zusammenhang bin ich eben auf Heimat gestoßen, etwas was im Zusammenhang mit dem Erfolg der Grünen noch kaum betrachtet wurde. Dabei müsste es naheliegend sein, war doch am Anfang Heimat- und Naturschutz eine Einheit.

    Ich habe letzte Nacht recht unruhig geschlafen, bin dann aufgestanden um den Nikotinspiegel wieder ins Lot zu bringen und habe zu Ablenkung die Glotze angeschaltet. Da lief, ich glaube im BR3 eine Sendung: „klingendes Österreich,“ oder so ähnlich, jedenfalls brachte ich es nicht fertig umzuschalten, gerade weil das Thema Heimat für mich so aktuell ist. Gefühle diesbezüglich habe ich nicht, auch wenn ich nach längerem Aufenthalt im Ausland, mein Elternhaus besuchte, kam kein ‚Heimatgefühl‘ bei mir auf, eher das Gegenteil. Aber da bin ich wohl sicher eine Ausnahme, und es ist davon auszugehen, dass fast jeder eine besondere Zuneigung zum Platz seiner Wiege hat. Das wurde mir bei dieser Volksmusiksendung noch mal überdeutlich. Ich selbst assoziiere damit eher Enge, Gruppendruck und mangelnde Entfaltungsmöglichkeiten, andere sicher Wärme und Geborgenheit.

    Meine Vorstellung ist, dass dieser Wunsch nach regionaler Identität zur Zeit am ehesten von rechtsaußen und den Grünen bedient wird. Damit werfe ich die beiden nicht in einen Topf, denn man mag zu den Grünen stehen wie man will, rassistisch und antisemitisch sind sie nicht, jedenfalls nicht mehr als andere Parteien auch. Aber sie sprechen das Heimatgefühl an, ein jeder auf seine Weise. Das wird bei den alternativen Listen in den Großstädten etwas anders sein, aber ich beobachte die Provinz, und da zählt Stuttgart eindeutig dazu.

    Und noch etwas zum völkischen Gedanke, der immer sofort mit den Nazis in Verbindung gebracht wird. Ich konnte dies auch bis vor kurzem kaum trennen, doch müssen wir die Zeit in der diese Bewegung entstand berücksichtigen. Was heute als rassistisch angesehen wird, einfach die Annahme der eigenen Höherwertigkeit, war damals nicht verpönt, sondern beinah gesellschaftlicher Konsens. Wenn wir uns aber aus der Heimatschutzbewegung des 19. Jahrhunderts den völkischen Aspekt ausblenden, dann treffen wir auf ein Gefühlsmix welches dem der heutigen Grünwähler sehr nahe kommt.

    Nun müssen wir uns nur noch fragen, warum die Grünen ein so linkes Image haben. Dies liegt, meines Erachtens daran, dass die linken Protestbewegungen das Thema Umweltschutz so attraktiv fanden, dass sie es sich vereinnahmt hatten und somit zwei Bewegungen zusammengeführt haben, welcher nun eine ganz neue Außendarstellung gelang. Dort wo das linke Image am meisten verblasst ist, haben sie nun auch die größte Zustimmung. Da bin ich ganz beim Bibliothekar:

    Unterm Strich könnte man zur Vermutung kommen, daß es den Grünen reichen würde, sich von umstrittenen Themen, wie Gender oder Multikulti, zurück zu ziehen und verstärkt Heimat und Region auf die Agenda zu heben, um Wahlerfolge dann als Volkspartei zu erzielen.

    Ich möchte aber auch noch ausdrücklich dir beipflichten vor allem hier:

    Grün ist soziale Kälte, sichewrlich die asozialste Partei von allen.
    Grün ist aussenpolitischer Isolationismus.
    Grün ist gegen Kapitalismus, weil der Macht konzentriert.
    Grün sucht persönliche Sicherheit in jeder Beziehung und wehrt sich gegen jeden Eindringling in die persönliche Blase: NIMBY Not in my backyard ist ihr Motto.
    Grün ist schon fast eine Karikatur der Spießigkeit und Kleinbürgerlichkeit.

  13. @Tritium #10

    Hat es die SED, trotz totaler Medienkontrolle und ihrer Allmacht bei der ‘Erziehung’ in Kindergarten und Schule und ihrer totalen Durchdringung der Gesellschaft geschafft, sich eine echte Basis zu schaffen?
    in 40 Jahren nicht!

    ….. nein, aber sie hat immerhin dafür gesorgt, dass der Arbeiter-und-Bauern-Paradies-Spuk 40 Jahre – also ein halbes Menschenleben – angehalten hat.

  14. #10
    An dieser Analyse des grünen Idylls ist sicherlich etwas dran. Jetzt aber kann es durchaus passieren, daß gerade der Ökologismus die Geborgenheit des In-Sich-Ruhens bedroht: Wenn sich einmal herumspricht, daß ausgerechnet die so gesunde Bio-Sprossenrohkost tödliche Keime trägt, wenn man sich einmal vor Augen hält, welche schwer entsorgbaren Quecksilber-Gefahrenquellen neuerdings statt der alten harmlosen Glühbirnen in der Kinderzimmerlampe hängen, wenn allem Daumendrücken zum Trotz (und obwohl der Basis-Grünwähler beim besten Willen nicht kapieren kann, daß zuviel Stromeinspeisung ins Netz ebenso schlecht ist wie zuwenig) doch einmal der Blackout passiert und die ganze bequeme und lebenserhaltende Infrastruktur von einem Moment zum andern ausfällt…

  15. …aber [die SED] hat immerhin dafür gesorgt, dass der Arbeiter-und-Bauern-Paradies-Spuk 40 Jahre – also ein halbes Menschenleben – angehalten hat.

    Nicht ganz.
    Ohne die sowjetischen Panzer wäre er am 17. Juni 1953 zu ende gewesen.

  16. @ Fluminist #14:

    Jetzt aber kann es durchaus passieren, daß gerade der Ökologismus die Geborgenheit des In-Sich-Ruhens bedroht:

    Ganz genau!
    Denn NIMBY ist eine Oppositionshaltung ohne konstruktiven Ansatz.
    Regieren kann man damit nicht.
    Die Grünen haben ausgesprochenes Pech, dass man ihre Politik nun tatsächlich praktisch ausprobiert, denn nun wird immer offensichtlicher dass der Kaiser nackt ist.

  17. Tritium,

    Die Grünen haben ausgesprochenes Pech, dass man ihre Politik nun tatsächlich praktisch ausprobiert, denn nun wird immer offensichtlicher dass der Kaiser nackt ist.

    da befürchte ich aber, in Deutschland ist der noch lange nicht nackt, der Kaiser. Nur der Bavarian hat keine Lederhose an.

    Z.Z. wird TC Boyle auf die grünvorgewaschene Masse losgelassen. Der EXjunkie ist wenigstens Realist.

    „Wenn das Schlachten vorbei ist“.

    Und mit all den Problemen, die wir zurzeit haben in dieser Depression mit der Rezession, dann nimmt den Naturschutz wieder keiner wahr, dann ist das wieder kein wichtiges Thema. Und es gibt sieben Milliarden Menschen auf der Erde, die diese Ressourcen brauchen. Und es sieht, ehrlich gesagt, ziemlich düster aus. Aber ich habe einen ganz persönlichen Plan. Ich werde einfach sterben.

    Na dann, abwarten, wieviele nützliche Idioten er überzeugen kann 😉

  18. Ebenfalls auf der Seite H-Soz-u-Kult ist eine Rezension über das Buch von Michael März, ‚Linker Protest nach dem Deutschen Herbst‚ erschienen, der ich in einigen Punkten beipflichten kann. Für M. März ist der im Januar 1978 abgehaltene TUNIX-Kongress ein entscheidender Punkt gewesen:

    Der TUNIX-Kongress holte „Spontis“ und „Alternativbewegung“ in einer erneuten Aufbruchsituation (Januar 1978) just dabei ab, als sie – ihrer eigenen Veranstaltungsankündigung folgend – aus dem in mehrfacher Hinsicht als repressiv empfundenen „Modell Deutschland“ auszuziehen gedachten.
    […]
    So konzentrierte sich die überwiegende Mehrzahl der Teilnehmer des TUNIX-Kongresses darauf, ihr eigenes Leben sofort vor Ort zu ändern und damit ganz praktische Auswege in eine „Alternativbewegung“ hinein zu eröffnen, die sich vermehrt erst ab Anfang der 1980er-Jahre für den Erhalt ihrer „Projekte“ (wieder) an staatliche Institutionen wandte.

    Die könnte tatsächlich der Punkt gewesen sein, ab dem linksalternative Gruppen sich dem Ökologismus zuwendeten begannen und es zu dieser Verschmelzung zwischen konservativen Natur- und Heimatschutzvorstellungen kam. Das heißt dann aber auch, dass jenes was zuerst da war, immer wichtiger ist, als die hinzugekommen Überzeugungen. Nur so lässt sich der Widerspruch der Grünen auflösen, wenn es darum geht zu verstehen, warum Naturschutz nur dann ein besonders herausragende Bedeutung bekommt, wenn er mit ‚Systemkritik‘ verbunden werden kann.

  19. Kann sein, dass die Ideen sich seit hundert Jahren nicht änderten. Den ersten sauren Regen gab es auch schon 1864. Der Kaiser hat schon alles erfunden und nach WKII wurde schnell der alte Naturschutz durch die Aristokraten wieder hergestellt.

    Dies ist eine kritische Betrachtung von Raymond H. Dominick III der Umweltbewegung in Deutschland: Propheten und Pioniere, 1871-1971.

    Die Russen suchten in den 50er Jahren auch nach einer neuen Idee für ihren Klassenkampf. Der Atomphysiker Sacharow untersuchte die Möglichkeiten zur Herrschaft per Umweltschutz und entdeckte damals schon die „Möglichkeiten“ des CO2.

    Putzig, die SPD redete ab 1959 nicht mehr vom Klassenkampf.
    Was passiert wirklich nach 1971. War die neue Ideologie des CoR so gut, dass die Genossen der K-Gruppen und die Spontis zu den Grünen überliefen? Oder wurden sie von ihren Führungsoffizieren in Marsch gesetzt ?

  20. FAZ Feuilleton: Ich trete aus dem BUND aus

    Vor 37 Jahren habe ich den BUND mitgegründet -- für eine schönere, gesündere Welt. Das Ziel wurde verfehlt, es geht nicht mehr um die Natur und ihren Schutz. Mir reicht es.

    Von Enoch zu Guttenberg

  21. Die Angstindustrie der NGOs müsste man ja Angst-und Schutzgelderpressungsindustrie nennen.Die ökologische Unbenklichkeitserklärung gibt es gegen einen großzügigen Beitrag und der kleine Mann bezahlt die Renditen.

    Enoch zu Guttenberg tritt aus BUND aus

  22. Fundstück:

    Jürgen Ehlers, WWF Deutschland, in SWR2-Forum zu der Frage: „Emissionshandel, ist das was, was tatsächlich auch ihre Anhängerschaft spaltet?“

    Nee, das ist so kompliziert, dass sie es die meisten nicht verstehen.

    Ja Klasse, der Emissionshandel ist zu hoch für die Damen und Herren Anhänger des WWF, doch wie die Welt zu retten ist, das wissen die ganz genau.