Ertappt: Eine kleine Nachlese zum Öko-Strom-Desaster

17. Juni 2008 | Von | Kategorie: "Erneuerbare Energien", Artikel, Blog, Politik
Auch 100 Prozent können manchmal nur 99,5 Prozent sein… Photo: Bernd Sterzl/via pixelio.de

Auch 100 Prozent können manchmal nur 99,5 Prozent sein… Photo: Bernd Sterzl/via pixelio.de

Sechs Tage, nachdem die “Finacial Times Deutschland” die Unregelmäßigkeiten im Stromhandel veröffentlicht hat, möchte ich die Reaktionen der ertappten Firma einmal etwas näher beleuchten. Die Firma “Lichtblick” hat folgende Stellungnahme auf ihrer Internetseite veröffentlicht.

“Der zukünftige Strombedarf eines Kunden ist grundsätzlich nicht exakt vorhersehbar, sondern muss prognostiziert werden. Die Prognosegenauigkeit verbessert sich, je mehr Kunden in einem Portfolio zusammengefasst werden. In groflen Portfolios wie bei LichtBlick beträgt die Abweichung zwischen Prognose und tatsächlichem Verbrauch nur noch bis zu 2 Prozent. In kleineren Portfolios ist die Abweichung höher. (…)

Bei LichtBlick beträgt der Fremdbezug, über alle hier beschriebenen Marktmechanismen derzeit 0,5 Prozent bezogen auf das gesamte Bezugsportfolio (ohne Berücksichtigung der Leitungsverluste, da von LichtBlick nicht kalkulierbar). Die verbleibenden 99,5 Prozent entfallen
auf den unter 1. erläuterten aktiven Einkauf von LichtBlick in ausschliefllich regenerativer Qualität. ”

Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist die Reaktion und Stellungnahme des TÜV Nord.

“Für nicht vorhersehbare Überschreitungen der geplanten Stromliefermengen ist es eine branchenübliche Praxis, die Abdeckung des sich tatsächlich einstellenden Bedarfs auf Kundenseite gegebenenfalls auch durch Zukauf von Strom sicherzustellen, der nicht auf regenerativer Basis erzeugt worden ist. Diese Praxis wird von unserer Seite toleriert, um auch von unserer Seite Kunden und Anbietern faire Preise für ‘grünen Strom’ zu ermöglichen.”

Sehr interessant ist auch das Interview, das der Lichtblick-Manager Gero Lücking der “Sueddeutschen” am 12.06.2008 gegeben hat:
sueddeutsche.de: Gleich mehrfach versichern Sie aber auf Ihrer Webseite, dass Lichtblick ‘vollständig auf Strom aus Atom-, Kohle- und Ölkraftwerken verzichtet’ und Sie darum besser als die Konkurrenz seien. Der Begriff ‘vollständig’ bietet normalerweise wenig Interpretationspielraum.

Lücking: Es gibt immer eine Restmenge, da Strom ein nicht speicherbares Gut ist. Das bedeutet: Wir müssen den Verbrauch unserer Kunden prognostizieren. Da passiert es zwangsläufig, dass es zwischen den tatsächlich verbrauchten Mengen und den zuvor gekauften Mengen eine Abweichung gibt. Mal haben wir Überschüsse an regenerativem Strom im Portfolio, mal haben wir zu wenig. Wenn wir zu viel haben, verkaufen wir die Menge über die Strombörse. Wenn wir zu wenig haben, kaufen wir dort Strom. Über die Börse bekommen sie aber nur sogenannte graue Qualität – keiner weiß genau, woher der Strom kommt. Andererseits liefern wir dorthin regenerativen Strom, wenn wir verkaufen.”

Das wiederum sind Tatsachen, die in der Energiewirtschaft allgemein bekannt sind. Warum aber erfahren ökologiebewusste Kunden das erst jetzt, ist diese Wahrheit so schrecklich, dass man es den Menschen da draußen nicht sagen durfte?

Im restlichen Interview wird der Ton sogar noch etwas schärfer.

sueddeutsche.de: Ihre Kunden erfuhren bislang nichts von den Börsengeschäften – Ihr Zertifizierer, der Tüv, aber schon. Haben die Verbraucher nicht das gleiche Recht auf Transparenz?

Lücking: Es ist bekannt, dass die Abweichungen ausgeglichen werden müssen. Bei uns sind es die 0,5 Prozent. Da sagt der Tüv: ‘Natürlich ist das vollständig regenerativ, besser kann man das nicht machen.’ Gemeinhin gilt schon eine Prognosegenauigkeit von drei bis fünf Prozent als sehr gut. Es war keine bewusste Entscheidung gewesen, das gegenüber unseren Kunden nicht zu erwähnen. Wir haben das gemacht, was branchenweit üblich ist.”

Aha, Branchenüblich ist diese Praxis und der TÜV weiß es und toleriert das sogar.

sueddeutsche.de: Der Rest der Branche sagt noch etwas anderes: Greenpeace Energy etwa betont, dass sie keinen Strom über die Börse kaufen müssten – daher allerdings etwas teurer seien.

Lücking: Diesen Zusammenhang gibt es nicht. Zudem war es so, dass wir, als wir 80.000 Kunden versorgt haben, auch noch nicht an der Börse tätig waren. Auch die viel zitierten offenen Lieferverträge lösen das Problem nicht. Abweichungen lassen sich nicht ganz vermeiden.

sueddeutsche.de: Der Unternehmensgründer Heiko von Tschischwitz wurde 2006 ‘Ökomanager des Jahres’. Was sagt der zu den Vorwürfen?

Lücking: Das Gleiche wie ich. Ich betone noch einmal: Wir machen das, was alle machen. Wir betrügen nicht.”

Was bleibt ist ein bitterer Nachgeschmack.

Was ich aber eigentlich vermisst habe, war eine Entschuldigung bei den eigenen Kunden für dieses “Missverständnis”. Gerade wenn man an die Moral und Ethik des Kunden appelliert, sollte man wenigsten so viel Courage haben, dafür persönlich gerade zu stehen. Die Stellungnahme von Lichtblick sagt eigentlich nur eins:

Der Kunde mit seinem unberechenbaren Verbrauchsverhalten ist Schuld, dem Versorger trifft diese ja nicht, er hatte ja genügend “Öko-Strom” eingekauft.

Eine weitere Lehre ziehen wir aus diesem Desaster. Auch 100 Prozent können manchmal nur 99,5 Prozent sein und ein TÜV Zertifikat kann daran nichts ändern. Wie heißt es so schön nach der Hauptuntersuchung des KFZ, es wurde der momentane Zustand beglaubigt, deswegen kann das KFZ nach drei Tagen trotzdem kaputt gehen…

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Zuerst erschienen auf Readers Edition am 17. Juni 2008

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