Hockeystick zum Meeresspiegelanstieg entzweit Forschergemeinde

22. Juni 2011 | Von | Kategorie: Artikel, Blog, Klimawandel, Meeresspiegel, Wissenschaft

Eine neue Rekonstruktion zum Meeresspiegelanstieg löste eine heftige Debatte in der Forschergemeinde aus. Die Kontroverse wird inzwischen über die Presse und in Internet-Blogs ausgetragen.

Seit Beginn der Industrialisierung ist der Meeresspiegel schneller gestiegen als in den rund zweitausend Jahren davor. Dies sagt eine Studie aus, welche kürzlich im Fachblatt “Proceedings of the National Academy of Sciences” unter dem Titel “Climate related sea-level variations over the past two millennia” erschienen ist.

Zu den Autoren der Studie zählen neben Stefan Rahmstorf (Potsdam Institut für Klimafolgenforschung) und Michael Mann (Pennsylvania State University, Urheber des sogenannten Hokeysticks) auch Benjamin Horton (University of Pennsylvania), Andrew Kemp (Yale University), Jeffrey Donnelly (Woods Hole Oceanographic Institution), Martin Vermeer (Aalto University School of Engineering, Finland). Die Untersuchung wurde unterstützt unter anderem von der US-amerikanischen National Science Foundation.

Die Forscher haben in Bohrkernen aus Salzwiesen an der nordamerikanischen Küste fossile Kalkschalen von Einzellern untersucht. Die Ablagerungen gelten als natürliches Archiv der Pegelstände des Ozeans. Sie zeigen den Wasserstand vergangener Jahrhunderte an, weil die Einzeller jeweils in einer ganz bestimmten Höhe im Gezeitenbereich lebten. Die in North Carolina gewonnenen Daten decken sich laut Aussage der Forscher mit Hafenpegeldaten, soweit diese zurückreichen, und sie wurden außerdem durch eine unabhängige Rekonstruktion aus Massachusetts bestätigt. Obwohl Meeresspiegelschwankungen örtlich in gewissem Rahmen vom Verlauf des globalen Meeresspiegels abwichen, so die Forscher, könnten die Daten im Großen und Ganzen die Veränderungen im globalen Meeresspiegel aufzeigen.

Zwar sei dies ein lokaler Befund, so die Forscher, weltweit liege die Höhe des Meeresspiegels aber ihren Annahmen zufolge höchstens zehn Zentimeter darüber oder darunter. Der Verlauf des globalen Meeresspiegelanstiegs sei daher wahrscheinlich ähnlich gewesen.

Die Wissenschaftler sind der Auffassung, vier Phasen rekonstruieren zu können: Von 200 vor Christus bis 1000 nach Christus war demnach der Meeresspiegel stabil. Ab dem 11. Jahrhundert stieg er 400 Jahre lang um etwa fünf Zentimeter pro Jahrhundert an. Dieser Anstieg soll der mittelalterlichen Warmperiode entsprechen. Gefolgt war der Anstieg von einer stabilen Periode mit kühlerem Klima bis ins späte 19. Jahrhundert. Seither ist der Meeresspiegel im Zuge der globalen Erwärmung um rund 20 Zentimeter angestiegen. Damit sei dieser Anstieg um ein Mehrfaches schneller als alles, was es in den vorangegangenen 2000 Jahren gegeben hat.

Zumindest in den letzten tausend Jahren kann das Auf und Ab der globalen Durchschnittstemperatur das Verhalten des Meeresspiegels erklären, schreibt das internationale Forscherteam in der Studie.

Stefan Rahmstorf erklärt: Bisher sei der Zusammenhang zwischen Lufttemperatur und Anstieg des Meeresspiegels nur für die vergangenen 130 Jahre belegt worden. Die neue Studie weise diesen Zusammenhang nun für 1.000 Jahre nach und erhärte die Annahme, dass der Meeresspiegel umso rascher steigt, je wärmer das globale Klima wird. „Die neue Untersuchung bestätigt unser Modell des Meeresspiegelanstiegs – die Daten der Vergangenheit schärfen damit unseren Blick in die Zukunft“. Das zeitliche Zusammentreffen der Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs mit dem Beginn der Industrialisierung sei, so Rahmstorf, ein deutlicher Hinweis: „Der Mensch heizt mit seinen Treibhausgasen das Klima immer weiter auf, daher schmilzt das Landeis immer rascher und der Meeresspiegel steigt immer schneller.“

Während die Untersuchung der Ablagerungen an der US-Atlantikküste unstrittig ist, stellen andere Forscher in Frage, ob sich Prognosen aus den Daten ableiten lassen. “Diese Studie eignet sich überhaupt nicht für Vorhersagen”, zitiert SpiegelOnline Dr. Jens Schröter vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI in Bremerhaven). Die Autoren hätten lediglich versucht, mit ihren Daten ein bereits bestehendes Modell zu bestätigen. “Nur die Daten aus North Carolina passen einigermaßen zur rekonstruierten Meeresspiegelentwicklung”, sagt Schröter. “Hätte man versucht, allein auf Basis der Daten eine Kurve zu entwickeln, wäre das wohl schwierig geworden.”

Ähnlich äußerte sich auch Prof. Dr. Mojib Latif vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-Geomar in Kiel). Was die Prognosen über die künftige Entwicklung angeht, hegt er ähnliche Zweifel wie Schröter: Wie viel Eis in der Arktis und der Antarktis in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten wirklich verloren gehe, wisse heute niemand genau. “Das”, meint Latif, “muss man ehrlich sagen.” Niemand könne wirklich sagen, wie viel Eis in den Polaregionen in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten verloren gehe.

Auch Prof. Dr. Michal Kucera von der Universität Tübingen hält die Frage, wie repräsentativ die Daten aus Nordamerika sind, für die “Achillesferse” der Studie. Wenigstens aber sei das Gebiet “eines der besten” für eine solche Untersuchung. Anderswo sei die Lage noch schwieriger.

Inzwischen wird die Kontroverse in diversen Internet-Blogs ausgetragen. Federführend in der KlimaLounge und auf RealClimate ist Stefan Rahmstorf. Die Kritik aus der Forschergemeinde und Abweichungen zu früheren Studien der Autoren werden dort heftig debattiert.

Abschließend seinen noch zwei Studien genannt, welche im Widerspruch zu der aktuellen Studie stehen.

Larsen und Clark 2006. A search for scale in sea-level studies. Journal of Coastal Research.

Holgate 2007. On the decadal rates of sea level change during the twentieth century. Geophysical Research Letters.

Quellen

Meeesspiegel-Studie entzweit Forschergemeinde

Meeresspiegel steigt heute schneller als je zuvor in den letzten 2000 Jahren

Meeresspiegel steigt schneller als je zuvor

Meeresspiegel: Seit 130 Jahren schnell gestiegen

2000 Jahre Meeresspiegel + Update

Climate related sea-level variations over the past two millennia

NSF Study: Fastest Sea-Level Rise in Two Millennia Linked to Increasing Global Temperatures

The Shiny-Side of Revkin on Sea Level Rise

2000 Years of Sea Level

Mike Mann’s new sea level hockey stick

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Ein Kommentar
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  1. So,

    der Meeresspiegel stieg auf Rekordhöhe, er ist mittlerweile um ca. 82 Millimeter höher als im Jahr 1993 ( ca. +3,5 mm im Jahr).

    Im weltweiten Durchschnitt lag die CO2-Konzentration bei ca. 403 ppm.

    2016 war, Weltweit betrachtet, das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen.

    Kann es sein das es einen zusammenhang zwischen der CO2-Konzentration und der Weltweiten Durchschnittstemperatur gibt ?

    Quelle z.B.
    http://www.kleinezeitung.at/politik/aussenpolitik/5268018/Klimawandel_Laut-USKlimabehoerde-war-2016-ein-Jahr-der-NegativRekorde
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    .

    Insgeheim glaubt auch Trump, dass es eine gefährliche Erderwärmung gibt und einen anstieg des Meeresspiegel.

    Hilfe, mein Golfplatz bröckelt die Wellen spülten einen ca. 8 Meter breiten Streifen vom Golfplatz ins Meer.
    Dies geht zumindest aus einem „Bauantrag“ hervor, den die zu seinem Imperium zählende Firma „Trump International Golf Links Ireland“ (TIGL) im irischen County Clare stellte.
    Begründet wird der Antrag explizit mit dem Hinweis auf die „globale Erwärmung und ihre Auswirkungen“: Durch den Anstieg des Meeresspiegels und häufigere Extremwetterereignisse sei eine verstärkte Erosion der Küste zu erwarten.

    Konkret geht es um eine ca. drei Kilometer lange Mauer aus mehr als 200.000 Tonnen Stein, die entlang der Küstenseite des Golfplatzes errichtet werden soll.
    Dem Antrag zufolge ist explizit auf die Erderwärmung verwiesen, dadurch sei in der Zukunft häufiger mit Erosionen zu rechnen, außerdem lasse der Klimawandel den Meeresspiegel ansteigen, ist die Argumentation im „Bauantrag“.

    Doch bei der irischen Regierung war Trump mit dem Vorhaben abgeblitzt.

    Daraufhin reichte TIGL Anfang Mai 2016 beim Rat der Grafschaft Clare einen neuen Antrag ein.
    Diesmal fügte die Firma ein Umweltgutachten bei, das darlegt, dass sich die Küstenerosion bei steigendem Meeresspiegel beschleunigt.

    Eine Studie der irischen Regierung war zuvor dagegen zu dem Ergebnis gekommen, der Landverlust erfolge bis 2050 gleichmäßig.

    Dagegen wandten Trump’s Gutachter ein, die Studie berücksichtige die Auswirkungen der globalen Erwärmung nicht.
    Durch diese würden die Dünen aber viel schneller abgetragen.
    Deshalb seien sofortige Maßnahmen unabdingbar, sonst gerate die Küstenfront des Golfplatzes in Gefahr.

    Donald Trump ist ja ein Mann der Taten und hat bereits im Vorfeld ohne Genehmigung an eben dieser Küste einige große Felsblöcke platziert.
    Der Platz am Doughmore Beach musste renoviert werden und Trump will jetzt zum Schutz eine Mauer errichten.
    Die Felsblöcke, die am Ufer von Doonbeg versenkt wurden, waren erst der Anfang – allerdings einer, der nicht genehmigt wurde.
    Das brachte ihm schon den ersten Unmut der irischen Behörden ein.

    MfG

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