Lesetipp: Die kalte Sonne zum Interview des IPCC-Berichts-Chef Thomas Stocker in der Weltwoche

14. April 2013 | Von | Kategorie: Blog

die-kalte-sonneDie Blogseite der Autoren des Buchs Die kalte Sonne hat sich eines Interviews angenommen, dass der Berner Universitätsprofessor und stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgruppe 1 des IPCC Thomas Stocker der Weltwoche gegeben hat. Wobei bereits dem Interviewer der Weltwoche ein großes Lob ausgesprochen werden muß. Er war offensichtlich exzellent vorbereitet und hat Stocker das eine oder andere mal durch kritisches Nachhaken in Schwierigkeiten gebracht. Also eine Art von Journalismus, wie er in Deutschland seit langem schmerzlich vermißt wird.

Sowohl das Interview, als auch die Kommentierung  im Blogbeitrag sind äußerst lesenswert. Hier ein Auszug:

WELTWOCHE: Wie erklären Sie den Leuten die kälteren Winter der letzten Jahre?

STOCKER: Es gibt in der Schweiz keine lange Serie von kalten Wintern, jeder war anders. Grundsätzlich sage ich den Leuten: «Sie dürfen nicht auf die Temperaturen in einem Winter und von einer Station schauen, sondern müssen die vielen Jahre von sehr präzisen Beobachtungen betrachten, wenn Sie den langfristigen Trend erkennen wollen.» Und spezifisch zu diesem Winter gibt es ja Erklärungsansätze in der Wissenschaft. 

Jeder Winter war anders? Schauen wir eben mal nach Deutschland hinüber. Irgendwie haben die letzten 5 Winter hier doch etwas gemeinsam. Diplom-Meteorologe Dominik Jung von wetter.net berichtete im Februar 2013: „Mit dem aktuellen Winter sind nun fünf Winter in Folge kälter als das langjährige Mittel ausgefallen!“ (siehe unseren Blogartikel „Diplom-Meteorologe Dominik Jung: Der fünfte zu kalte Winter in Deutschland in Folge – Rekord!“). Stocker ist dies sichtlich unangenehm, daher lässt er diesen Umstand einfach aus und hofft, dass es keiner merkt.

Einige Kollegen führen die hartnäckigen Bisenlagen [in der Schweiz kalte winterliche Winde aus Nordosteuropa] gerade auf das Abschmelzen des Eises in der Arktis zurück. 

Ja, es gibt Hinweise aus einzelnen Studien – ich würde noch nicht von robustem Wissen sprechen –, dass die geringere Eisbedeckung der Arktis die Statistik beeinflusst, wie häufig dort Hochdruckgebiete auftreten. Diese wirken sich ja stark auf das Witterungsgeschehen in unseren Breitengraden aus, wie wir täglich erleben.

Die deutschen Kollegen, die diese Hypothese entwickelt haben, verkünden sie in den Medien als Wahrheit.

Ich verfolge nicht, was diese Kollegen sagen, und es ist nicht an mir, das zu kommentieren. Klar ist einfach: Wir müssen das Kommunizieren des grossen Problems der Klimaerwärmung rational angehen, also faktenorientiert informieren – dies gilt für alle Beteiligten. Das ist heute eine grosse Herausforderung, da alles in die 140 Zeichen eines Tweets passen soll. Bei einem so komplexen Thema geht das nicht: Wir müssen einerseits die Fakten kommunizieren, anderseits aber gerade auch die Unsicherheiten.

Die Erkenntnis der Kollegen liess sich locker vertwittern: «Die kalten Winter kommen von der Klimaerwärmung.»

Das ist die Aussage von ein, zwei Publikationen, aber noch kein wissenschaftlicher Konsens; einen Konsens zu bilden, ist ein harter Job. Wir können beim IPCC nicht jede einzelne Studie von allen Instituten weltweit aufnehmen. Es ist möglich, dass es im kommenden Bericht eine Aussage dazu gibt, wie die Eisbedeckung der Arktis die Statistik von Hochdruckgebieten beeinflusst. Aber vorläufig sind wir da noch am Arbeiten.

Ein herber Schlag für die Kollegen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), die sich die Arktiseis-Theorie schnell ausgedacht hatten, nachdem die ersten Winter kälter als erlaubt ausfielen. Im Brustton der Überzeugung wurde der fragwürdige Repair-Patch dann in den Medien als Lösung des Winter-Paradoxons präsentiert. Nun ist es also amtlich: der IPCC Berichts-Chef sieht in der Potsdamer Idee kein robustes Wissen und keinen wissenschaftlichen Konsens.

Schön wäre an dieser Stelle gewesen, wenn Stocker auf eine andere Studie hingewiesen hätte, nämlich die von Mike Lockwood und Kollegen aus dem Jahre 2010. Diese hatten nämlich einen recht überzeugenden Mechanismus gefunden, bei dem kalte europäische Winter während solarer Schwächephasen entstehen können. Und was für ein Zufall, der aktuelle Sonnenzyklus ist der schwächste seit einhundert Jahren (siehe unseren Blogbeitrag „Wer ist Schuld am Kältewinter? MPI-Studie weist eher auf die schwache Sonne anstatt des arktischen Meereises hin. Die Sonne im März 2013“). Alles nur Theorie? Aus Stockers eigenem Institut, dem Oeschger-Zentrum für Klimaforschung in Bern kam im Januar 2014 eine Studie unter Leitung von Ulf Büntgen, die bestätigte, dass sich osteuropäische Kältephasen während der letzten 1000 Jahre in der Regel während solar inaktiver Zeiten ereigneten (siehe unseren Blogbeitrag „Osteuropäische Kälteperioden während solarer Schwächephasen“). Es ist schwer vorstellbar, dass sich Stocker plötzlich nicht einmal an die neuesten Forschungsergebnisse aus dem eigenen Hause erinnern kann, vermutlich eher nicht erinnern will. Passt halt nicht in Stockers Erzählstrang. Hier weiterlesen

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16 Kommentare
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  1. „kam im Januar 2014“?

  2. @ Kroll
    Gemeint ist der Januar 2013.

  3. Ein herber Schlag für die Kollegen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), die sich die Arktiseis-Theorie schnell ausgedacht hatten, nachdem die ersten Winter kälter als erlaubt ausfielen.

    Schön wäre an dieser Stelle gewesen, wenn Stocker auf eine andere Studie hingewiesen hätte, nämlich die von Mike Lockwood und Kollegen aus dem Jahre 2010.

    Wenn man bedenkt, dass beide Studien aus dem Jahre 2010 stammen, ist es etwas verwunderlich, dass die eine Studie mit „schnell ausgedacht“ betitelt wird, während die andere eher den touch des soliden bekommt. Ob das daran liegt, dass in der „soliden“ Studie die Sonne eine Hauptrolle spielt?

  4. @marvin #3

    da steht:

    Ein herber Schlag für die Kollegen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), die sich die Arktiseis-Theorie schnell ausgedacht hatten, nachdem die ersten Winter kälter als erlaubt ausfielen.

    Schön wäre an dieser Stelle gewesen, wenn Stocker auf eine andere Studie hingewiesen hätte, nämlich die von Mike Lockwood und Kollegen aus dem Jahre 2010.

    also ist besagte aussage richtig. 😉

  5. hallo, Herr @M.Müller, da Sie sich da offensichtlich auskennen, könnten Sie ja den Lesern mit einfachen Worten erklären,
    wie eine Erwärmung zu einer Abkühlung führt, wobei mich besonders das „Temperaturgedächtnis“ interessieren würde, da beides ja offensichtlich nicht gleichzeitig stattgefunden hat.
    Vielleicht könnte man dann ja sogar die 15 Jahre Abkühlung mit den 15 Jahren Erwärmung vorher kausal in Verbindung bringen,
    wobei sich dann allerdings das folgenschwere Problem ergeben könnte,
    dass man die „Klimasensivitivität“ wieder einmal neu berechnen müsste.

    Nun ja, davon lebt ja eine ganze Wissenschaftsindustrie. So gesehen also wieder ein großer Vorteil für die Klimawissenschaft, sozusagen permanente Hochkonjunktur.
    Allerdings schlecht für die armen Menschen.

    mfG

    p.s.
    meinen skandalösen Standpunkt kennen Sie ja:
    CO2 kann höchsten kühlen.
    Aber dann wäre diese „Treibhaustheorie-Wissenschafts-Industrie“ arbeitslos,
    es wäre allerdings besser für die armen Menschen

  6. Dr.Paul chrieb am 10. Mai 2013 08:09:

    hallo, Herr @M.Müller, da Sie sich da offensichtlich auskennen, könnten Sie ja den Lesern mit einfachen Worten erklären, wie eine Erwärmung zu einer Abkühlung führt,

    Wenn Sie wirklich mitlesen würden, wüßten Sie, was ich von der grob vereinfachenden und dabei verfälschenden Formulierung „Erwärmung führt zu Abkühlung“ halte. Und was hat das ganze mit diesem Thema hier zu tun?

    meinen skandalösen Standpunkt kennen Sie ja: CO2 kann höchsten kühlen.

    Skandalös… ich weiß nicht. Dämlich passt eher. Ich mag den lustigen Vergleich von Spencer zu diesem Standpunkt: „Wie kann es sein, dass Wärmedämmung das Haus warmhält, wenn es das Haus doch kühlt“ („How Can Home Insulation Keep Your House Warmer, When It Cools Your House?!“)

  7. Standpunkt: “Wie kann es sein, dass Wärmedämmung das Haus warmhält, wenn es das Haus doch kühlt” (“How Can Home Insulation Keep Your House Warmer, When It Cools Your House?!”)

    Das Zitat ist an dämlichkeit nicht zu überbieten, ist ja eine Bauwerksisolierung. So Richtung logischer Fehlschluss von dem Herren Spencer

  8. Andreas Baumann schrieb am 10. Mai 2013 20:17

    Ich mag den lustigen Vergleich von Spencer zu diesem Standpunkt: “Wie kann es sein, dass Wärmedämmung das Haus warmhält, wenn es das Haus doch kühlt” (“How Can Home Insulation Keep Your House Warmer, When It Cools Your House?!”)

    Das Zitat ist an dämlichkeit nicht zu überbieten, ist ja eine Bauwerksisolierung. So Richtung logischer Fehlschluss von dem Herren Spencer

    Haben Sie den Artikel überhaupt mal gelesen?

  9. Lieber Herr Müller,

    dann wird Ihnen auch dieser Artikel
    von Roy Spencer gefallen.
    Mit Zustimmung von Anthony Watts im 1. Kommentar. Schon interessant.

    Mit freundlichen Grüßen
    Günter Heß

  10. Günter Heß schrieb am 10. Mai 2013 21:27

    Lieber Herr Müller,

    dann wird Ihnen auch dieser Artikel
    von Roy Spencer gefallen.
    Mit Zustimmung von Anthony Watts im 1. Kommentar. Schon interessant.

    Naja, auch Antony Watts reagiert in letzter Zeit ziemlich allergisch auf Kommentare aus der Slayer Ecke (oder Principia Scientifica -- mir war völlig entgangen, dass das ein und derselbe Brei ist). Er liess sich ja sogar dazu hinreissen, das Unwort „Denier“ zu benutzen (ala wenn es jemand verdient hat, so genannt zu werden, dann sind es die Leute von Principia Scientifica). Den Artikel habe ich überflogen, für das Excel-Sheet muss ich mir aml ein wenig Zeit nehmen …

  11. Auch wenn es als Sarkasmus gekennzeichnet ist, soll was transportiert werden. Comment 6 sagts ja.

  12. Also jetzt nicht von ihm, nicht das du das falsch versteht.

  13. Andreas Baumann schrieb am 11. Mai 2013 14:51

    Also jetzt nicht von ihm, nicht das du das falsch versteht.

    Der letzte Satz in #11 war schon kryptisch genug, so dass ich gar nicht erst auf die Idee gekommen bin, darüber nachzudenken, was Sie denn meinen könnten. Wenn Sie meinen, dass Spencer mit seinem sarkastischen Beitrag falsch liegt, wäre es interessant, mal etwas ausführlicheres dazu zu lesen.

  14. Hallo Herr Müller,

    mal zum Artikel zurück.
    Stocker sagt:

    Ich verfolge nicht, was diese Kollegen sagen, und es ist nicht an mir, das zu kommentieren.

    Das hört sich für mich schon sehr an wie ein Politiker der seinen Parteifreunden vor der Wahl nicht widersprechen will.
    Fraktionszwang sozusagen.

    Selbstverständlich würde ein Naturwissenschaftler der anderer Meinung ist, seinen Kollegen widersprechen.

    Mir ist nach dem Interview zu mindestens eines klar. Da werden nicht nur Klimaforscher zum IPCC geschickt, sondern damit vermischt Klimapolitiker bzw. Klimalobbyisten. Gut war mir auch schon vorher klar, aus den Transformationsbulletins des WBGU.

    Allerdings haben diese Klimapolitiker kein Mandat irgendeines Wahlvolkes.

    Mit freundlichen Grüßen
    Günter Heß

  15. Günter Heß schrieb am 11. Mai 2013 18:22

    Hallo Herr Müller,

    mal zum Artikel zurück.
    Stocker sagt:

    Ich verfolge nicht, was diese Kollegen sagen, und es ist nicht an mir, das zu kommentieren.

    Das hört sich für mich schon sehr an wie ein Politiker der seinen Parteifreunden vor der Wahl nicht widersprechen will.
    Fraktionszwang sozusagen.

    Selbstverständlich würde ein Naturwissenschaftler der anderer Meinung ist, seinen Kollegen widersprechen.

    Würde er es tun, auch wenn es nicht sein Fachgebiet ist?

    Und ich würde auch nicht diesen einen Satz herauspicken, sondern Wert auf alles legen, was er sagt. Und über diesen einen herausgepickten Satz (ist irgendwie sonst nicht Ihre Art) sagt er ja, dass das momentan erst Hinweise und kein gesichertes Wissen ist. Das ist ja indirekt auch eine Kritik und die Leute von der „Kalten Sonne“ stürzten sich ja auch begeistert darauf.

    Ich finde die Art der Auseinandersetzung von Hern Lüning mit diesem Interview viel bedenklicher als das Interview selbst. Aber das ist vielleicht eine Sache der persöhnlichen Warnehmung und da unterscheiden wir uns vielleicht.

  16. Lieber Herr Müller,
    nun ja Stocker ist IPCC- Berichtschef und Klimaforscher, also wohl vom Fach, und zeigt sich als Politiker.
    Für mich ist das interessant, denn fachlich hat er der Weltwoche ja im Grunde nichts gesagt, was wir nicht eh schon aus diversen Foren wissen.
    Mein Eindruck ist, dass Klimaforscher immer mehr zu Politikern werden. Da geht es um WBGU-Posten, IPCC-Berichtschef und ähnliche Pöstchen. Grundlagenwissenschaft wird von denen wohl nicht mehr betrieben.
    Wann liest man schon was zu neuen Messungen der
    Wolkenbedeckung, Messungen der Argo-Bojen oder Messungen der Temperaturverteilung in der Stratosphäre. Immer nur Konjunktivaussagen zu irgendwelchen Modellen. Wer hat den schnellsten Rechner.
    Schade für die Naturwissenschaft. Die scheint mir völlig von der Politik und von Lobbyisten vereinnahmt.
    Klimaforscher machen Aussagen zur Energieversorgung oder Gesellschaftsmodellexperimenten wie der großen Transformation.

    Und da schreiben sie:

    Würde er es tun, auch wenn es nicht sein Fachgebiet ist?

    Manche Klimaforscher schon, vor allen wenn es um Fachgebiete geht wo sie keine Ahnung haben.
    Energieversorgung, Gesellschaftspolitik oder Subventionspolitik.
    Aber der Stocker hält seine Meinung gerade im eigenen Fachgebiet zurück.
    Das nenne ich Courage.
    Politiker eben.

    Mit freundlichen Grüßen
    Günter Heß

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