Michael Specter über die Wissenschaftsfeindlichkeit der modernen Gesellschaft

16. April 2010 | Von | Kategorie: Artikel, Blog, Wissenschaft

„Ein Kind, dass heute in Neu Dehli geboren wird kann erwarten so lange zu leben, wie der reichste Mann auf Erden vor 100 Jahren“ – Michael Specter

Michael Specter arbeitet als Journalist für den New Yorker. Er ist Autor des Buchs „Denialism: How Irrational Thinking Hinders Scientific Progress, Harms the Planet, and Threatens Our Lives „. Er vertritt darin die These, dass es in der heutigen Zeit eine irrationale Ablehnung von wissenschaftlichen Neuerungen gibt, während die Menschen für Jahrhunderte geglaubt haben, dass Wissenschaft weder gut noch schlecht ist, sondern lediglich neue Erkenntnisse beschert, und dass neue Erkenntnisse erst einmal etwas Gutes darstellen.

Heute jedoch würde Wissenschaft mehr als verlängerter Arm politischer Institutionen gesehen, die nicht immer im Dienste der Allgemeinheit tätig sind, woraus eine große Skepsis gegen jegliche wissenschaftliche Neuerung entstanden wäre. So würden etwa afrikanische Staatschefs eher ihre Bevölkerung  verhungern lassen, als genveränderte Nahrung ins Land zu lassen. Anders ist aus seiner Sicht auch nicht zu erklären, dass Maßnahmen wie die Impfung gegen Kinderkrankheiten, die nachweisbar und dramatisch zur Senkung der Kindersterblichkeit beigetragen haben, heute mehr denn je von breiten Bevölkerungsschichten abgelehnt werden.

Der Autor hat auf einer Veranstaltung der amerikanischen Organisation TED (Technology, Entertainment, Design) einige sehr interessante Gedanken vorgetragen. Er beginnt mit folgendem Gedankenexperiment:

Nehmen wir einmal an, wir hätten eine Zeitmaschine. Und jeder hier im Raum muss sie benutzen. Und Sie können rückwärts oder vorwärts in der Zeit gehen; Sie können nicht einfach bleiben. Und ich frage mich, was Sie wählen würden, weil ich diese Frage kürzlich vielen meiner Freunde gestellt habe, und alle wollten rückwärts in der Zeit gehen. Sie wollen zurück in eine Zeit bevor es Autos gab oder Twitter oder „American Idol“. Ich weiß nicht, aber ich bin überzeugt dass es eine Triebkraft zur Nostalgie gibt, zu einer Art Wunschdenken. Ich verstehe das. Ich gehöre nicht zu diesen Leuten, muss ich sagen. Ich möchte nicht zurück gehen, und das ist nicht so, weil ich abenteuerlustig wäre – es ist wegen der Möglichkeiten auf diesem Planeten, sie nehmen mit dem Fortschritt zu. Daher begebe ich mich in die Maschine und gehe in die Zukunft.

Let’s pretend right here we have a machine, a big machine, a cool TEDish machine, and it’s a time machine. And everyone in this room has to get into it. And you can go backwards, you can go forwards; you cannot stay where you are. And I wonder what you’d choose, because I’ve been asking my friends this question a lot lately, and they all want to go back. I don’t know. They want to go back before there were Automobiles or Twitter or „American Idol“. I don’t know. I’m convinced that there’s some sort of pull to nostalgia, to wishful thinking. And I understand that. I’m not part of that crowd, I have to say. I don’t want to go back, and it’s not because I’m adventurous – it’s because possibilities on this planet, they don’t go back, they go forward. So I get into the machine and I want to go forward.

Warum also wollen so viele Menschen glauben, in der Vergangenheit wäre vieles besser gewesen und die Zukunft wird uns hauptsächlich Negatives bescheren? Und das, obwohl wir nach allen messbaren Kriterien wie Gesundheit, Wohlstand, Sterblichkeit, Mobilität oder Entfaltungsmöglichkeiten, heute in einer besseren Welt leben als jemals zuvor. Und es auch keinen vernünftigen Grund gibt anzunehmen, dass sich diese Entwicklung nicht in die Zukunft fortsetzen wird. Michael Specter stellt sich genau dieser Frage und versucht Antworten zu finden.

Mit Dank an David Harnasch für den Hinweis auf dieses Video.

Ähnliche Beiträge (Automatisch generiert):

Print Friendly

2 Kommentare
Hinterlasse einen Kommentar »

  1. Ich würde „Wissenschaftsfeindlichkeit“ dem Wortsinn nach als „Überzeugung vom Nichtgebrauch/generelle Ablehnung der Wissenschaft“ übersetzen. Und genau das ist es ja auch, was die hartgesottenen Öko-Khmer/Faschisten ausmacht, die bekanntlich das „Heil der Menschheit“ NUR bei einem „zurück zur einstigen (Un-)Kultur der Jäger & Sammler“ verortet haben wollen – siehe dazu Georgia Guidestones!

    Im Zusammenhang mit dem Specter’schen Vortrag wäre das Schlagwort „Wissenschaftsfeindlichkeit“ also falsch, und ist bei genauerer Betrachtung auch klar zu sehen, versucht er doch nur dem geneigten Leser/Zuhörer die Angst vor „der (anderen) Wissenschaft“ der „Big Pharma & Gen-Nahrung-Bastel-Firmen“ zu nehmen…
    So bekommt das Ganze zunehmend ein gewisses „Geschmäckle“ und sieht mir doch verdächtig nach Lobbyismus aus, wie schon an anderer Stelle vorgetragen. http://www.science-skeptical.de/blog/in-eigener-sache-interview-mit-der-freien-welt/002240/#comment-2240

    Auch sticht das Argument „afrik. Staatschefs würden ihre Bevölkerung lieber verhungern lassen…“ nicht, da schon vor über 2 Jahren die in Malawi ansässigen Bauern ihre ganze Hoffnung mit einem einzigen Wort begründeten: Düngemittel.

    Die Vorstellung darüber, was in Afrika bei 2 -- 3 Ernten möglich wäre, läßt mich über die Verkommenheit dieser sog. westl. „Werte“-Gemeinschaft schaudern, die nach wie vor dem größten Teil der Weltbevölkerung als „angepaßte Technologie“ Hacke & Schaufel empfiehlt, und Kondome, statt Brot und andere Hilfsgüter zu liefern, bzw. verhindert, daß dort eine eigene Entwicklung in Gang kommt.

    Zu der profit- & impfgeilen Pharma-Branche wäre noch zu sagen, daß der Hype um die „Schweinegrippe“ hoffentlich noch jedem eigenständig denkenden Mitbürger in Erinnerung ist!

    mfg

  2. Specter ist ein ziemlicher Heuchler. Ich habe ihn gerade bei Colbert gesehen, wo er ziemlich selbstherrlich und wenig überzeugend rüberkam. Es arbeitet nach der einfachen Formel der Übertreibung. Er schiebt einfach einer nicht klar definierten Gruppe Worte in den Mund. Wer ist schon wirklich Wissenschaftsfeindlich ausser ein paar religiösen Fundamentalisten? Was er kritisiert sind Leute, die sich von Wissenschaft abwenden, da diese immer öfter auf Grund von Kommerzialisierung nicht mehr nach ihren eigenen Grundsätzen arbeitet. Die überpolitisierte Global Warming Debatte ist da symptomatisch. Ebenso symptomatisch ist sein einseitiges Impf-Abfeiern obwohl wir gerade die grösste Impf-Heuchelei aller Zeiten hinter uns haben, die wie viele „Pandemien“ davor nur mit maßloser unwissenschaftlicher Übertreibung funktioniert, die von den PR Schreiern im Robert Koch Institut etc. in der ersten Reihe getragen wurde
    Genau diese „Wissenschaftler“ sind es von denen man sich abwendet. Das bedeutet noch lange nicht daß man damit generell Wissenschaftsfeindlich ist.

    Ich bin aber der festen Überzeugung das Wissenschaftsgläubigkeit (und nichts anderes ist bei etlichen Gruppen von Pseudo-Experten die bei Nachfragen von Tuten und Blasen an sich überhaupt keine Ahnung haben der Fall) mindestens genauso gefährlich ist wie Wissenschaftsfeindlichkeit. Zu oft fehlt eine kritische Debatte und es wird einfach nach dem Mainstream geschielt. Alle labern das gleiche und wie an der Börse liegen dabei alle auffällig oft total daneben.
    Das ist wie mit der Demokratie… die Leute sind nicht von Demokratie oder Wissenschaft verdrossen sondern von dem aktuellen reallen Zustand beider und in beiden Punkten liegt die Ursache in der Deformation der Ideen durch massiven Kapitaleinsatz zum Zwecke der Selbstbereicherung einiger weniger.

    Wissenschaft ohne Skepsis und Zwang zur Argumentation ist tot und im Zuge von direkt bezahlten Studien bei denen vor Beginn schon das Ergebnis feststeht ist eine Prostituierung der Wissenschaft in Gange, die völlig logisch immer mehr Leute vergrault. Ich beobachte das umschwenken vieler intelligenter Menschen in dogmatisch-religiöse Richtungen oder New Age Hokuspuks mit Sorge (ein einfacher Blick auf unseren politischen Diskurs oder den Diskurs in der VWL oder auch das Thema Global Warming bei dem die Prostitution ja anschaulich öffentlich wurde sprechen Bände). Aber so wie die gesamte deutsche Parteienlandschaft die NSDAP erst ermöglicht hat sollte die Wissenschaft auch bemerken wie sie durch Verletzung ihrer eigenen Grundsätze, Lügen und Desinformation genau diese Entwicklung mit zu verantworten hat.

    Ein Mann der „Big Pharma is good“ sagt ohne sich anschliessend totzulachen ist für mich dann aber nicht akzeptabel, ebensowenig wie sein mangelndes Verständnis in der Zeitmaschinen-Geschichte für die natürlich Entscheidung von Menschen in die Vergangenheit zu reisen. Eine Vergangenheit, die sie kennen… die Zukunft ist eben ungewiss, lieber Herr Specter, genau wie der Tod und genau deshalb haben die meisten Menschen davor Angst, speziell wo sich die Wellenbewegungen gerade wieder ziemlich eindeutig nach unten einpendeln. Mit Wissenschaftsfeindlichkeit hat das überhaupt mal garnix zu tun. Wissenschaftler hatten wir auch in Auschwitz und im japanischen Unit 731, allein angesichts dessen und der Verbrechen der Psychologie im gesamten letzten jahrhundert ist Wissenschaftsskepsis unumgänglich, aus der einfachen Tatsache daß Wissenschaftler eben auch nur Menschen sind und Gruppen von Wissenschaftlern auffallend oft den gleichen Herdenmechanismen folgen wie der dumme August auf der Strasse.

Schreibe einen Kommentar