Mythos Ölpreis

14. März 2010 | Von | Kategorie: Artikel, Blog, Energieerzeugung, Erdöl, Politik

Der Frage nach der Verfügbarkeit von Erdöl bin ich ja bereits vor kurzem hier nachgegangen. Ich gelange dabei zum dem Schluß, daß über Planungshorizonte von 20 bis 25 Jahren Engpässe nicht zu erwarten und auch über längere Zeiträume (bis in etwa 100 Jahren) eher unwahrscheinlich sind.

Die gegenteilige Idee wird von den Ökologisten oft als zusätzliche Untermauerung für ihre Vorstellungen von der Zukunft der Energieerzeugung und insbesondere der Zukunft der Mobilität verwendet. Sie ist nicht nur in den Medien, sondern auch in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft weit verbreitet. Dabei gibt es keinerlei Hinweise auf den Wahrheitsgehalt dieser Spekulation. Keine reale Statistik, gleich, welche Daten betrachtet werden, kann derzeit als Begründung für die Angst vor dem Ende des Erdöls herangezogen werden. Seine Verknappung ist eine Phantasie von und über die Zukunft, sie findet vielleicht irgendwann statt, vielleicht auch nicht. Das Ende des Erdölzeitalters kann in der Gegenwart nicht ausgerufen werden.

Für die Bevölkerung ist es dabei nicht einmal erforderlich, sich in Verbrauchsdaten der Vergangenheit, in Fragen über Heizung und Verbrennungsmotoren, in Themen wie die Entwicklung der Mobilität oder den sozioökonomischen Wandel einzuarbeiten. Daß Erdöl nicht knapp ist, merkt man bei jeder Fahrt zur Tankstelle. Man kann seine Derivate, ob Benzin, Diesel oder Heizöl überall kaufen. In jeder beliebigen Menge. Es ist noch nicht eine einzige Tankstelle in Deutschland durch die Einstellung des Verkaufes von Treibstoffen mit der Begründung knapper werdender Ölvorräte aufgefallen. Und auch Kunststoffprodukte werden nicht seltener. Ebensowenig wie Asphalt beziehungsweise Bitumen. Alles ist ausreichend vorhanden. So zumindest unsere Alltagserfahrung.

Aber da gibt es ja noch die Alltagswahrnehmung. Die nicht nur beim Erdöl oft in einem merkwürdigen Gegensatz zur Realität steht. Die Alltagswahrnehmung ist für viele: Erdöl wird ständig teurer. Die Berichterstattung in den Medien, die Graphen mit den langfristig stetig nach oben laufenden Linien, die Debatten über den Benzinpreis, die mit schöner Regelmäßigkeit immer dann einsetzen, wenn er über 1,40 Euro klettert, tragen alle dazu bei. Man ist überzeugt: Erdöl wird weniger. Die Nachfrage steigt schneller als das Angebot. Und der Beweis dafür seien eindeutig steigende Rohöl- und in der Folge steigende Benzin-, Diesel- und Heizölpreise.

Der Mythos vom steigenden Ölpreis

Das ist ein Mythos. Das Diagramm enthält diesen in Form der roten Linie. Diese zeigt den Preis für ein Barrel Rohöl (jeweiliges Jahresmittel) in US$ für die Jahre 1950 bis 2009. Ja, tatsächlich, es scheint ja dramatisch zu sein. Da gab es Zeiten in den 1950ern, da kostete das Barrel gerade mal etwas mehr als 2 US$. Und heute? Irgendwo zwischen 75 und 80 US$ pendeln die aktuellen Preise. Die finale Ölkrise ist also eigentlich schon da. Die Zeiten des billigen Öls sind endgültig und für immer vorbei, werden viele Kommentatoren nicht müde zu betonen.

Da fragt man sich doch erstaunt, wie es sein kann, daß trotz dieses scheinbar eindeutigen Trends unser Wohlstand in den letzten Jahrzehnten so enorm gestiegen ist. Daß die Wirtschaft wächst, Gewinne realisiert, Wertschöpfung entsteht und Arbeitsplätze geschaffen werden. Daß wir tatsächlich immer noch mit dem Auto fahren. Und zwar mehr, als jemals zuvor. Daß wir immer noch leiden, an der Tankstelle, aber trotzdem immer wieder volltanken können.

Es ist so, weil die Realität eine andere ist. Denn erstens hat unser Geld an Wert verloren. Und zweitens bezahlen zumindest wir in Deutschland und Europa als Endverbraucher Erdölprodukte nicht in Dollar, sondern in Euro. Das Diagramm zeigt auch die Wahrheit, in Form der blauen Kurve. Sie gibt an, wieviel Euro pro Barrel wir mit unserem Geld gemäß heutiger Kaufkraft in der Vergangenheit hätten zahlen müssen. Für die Berechnung wurden die historischen Wechselkurse Euro in Dollar bzw. DM in Dollar im jeweiligen Jahresmittel eingesetzt. Die Quelle für die historischen Ölpreise, absolut und inflationsbereinigt, findet sich hier.

Die Alltagserfahrung stimmt zwar nicht mit der Alltagswahrnehmung, aber eben doch mit der Realität überein. Rohöl wurde –zumindest für uns in Europa – im Laufe der Zeit immer preiswerter. Es gibt tatsächlich keinen Preisanstieg, der irgendwie ein Indiz für eine Verknappung, für eine das Angebot übersteigende Nachfrage sein könnte. Es gibt tatsächlich auch keinen Preisanstieg, mit dem man die Notwendigkeit begründen könnte, zur Sicherung unseres Wachstums möglichst rasch Rohöl bzw. seine Derivate zu substituieren. Es gibt einfach gar keinen Trend eines langfristigen Preisanstieges.

Wir brauchen Benzin, nicht Öl

Man kann zu Recht einwenden, daß man ja nun als Endkunde nicht Rohöl kauft, sondern eben Benzin oder Diesel. Und da hatte tatsächlich Heiko Maas, SPD-Landesvorsitzender im Saarland, vor einigen Tagen einen lichten Moment, wie Spiegel-Online berichtete.

Er fordert nun staatlich festgelegte Höchstpreise bei Benzin, Öl und Gas nach dem Vorbild Luxemburgs. Denn dieses Land, so wird Maas zitiert, habe schon lange erkannt,

„daß die Energiepreise die Brotpreise des 21. Jahrhunderts sind“.

Und weiter

 „Wir brauchen bezahlbare Energiepreise.“

Angesichts der Bedeutung der Mobilität für eine prosperierende Volkswirtschaft und da bei uns der motorisierte Individualverkehr 75% des Mobilitätsbedarfes abdeckt (mit steigender Tendenz), kann man Heiko Maas zu seiner Erkenntnis nur gratulieren.

Leider aber ist es an dieser Stelle schon vorbei mit der Freude über einen realitätsbewußten Politiker. Denn Heiko Maas will ja nicht in erster Linie die Verbraucher entlasten und Mobilität möglich machen, er will den bösen Mineralölkonzernen ans Leder.

Uns wird ja eingeredet, steigende Rohölpreise wären wesentlich für steigende Benzinpreise. Dies ist aber nicht so. Der Staat bestimmt über die Mineralölsteuer (inklusive Ökosteuer) und die Mehrwertsteuer den Preis zu über 60%. Gerade mal 30% des Benzinpreises hängen direkt mit den Einkaufskosten für Rohöl zusammen. Wie sich das im Verlauf der letzten Jahre darstellt, kann man bei Esso sehr schön nachlesen.

Der Staat ist es, der über die wesentlichen Stellschrauben zur Steuerung der Treibstoffpreise verfügt. Selbst wenn man die Horrorszenarien von einer Verdreifachung der Rohölpreise in sein Kalkül miteinbezieht: Eine Bundesregierung, die Mobilität als wichtige Grundlage für das Wachstum unserer Volkswirtschaft ansieht, könnte einer solchen Entwicklung wirksam entgegensteuern.

Am Ende bleiben die Fakten: Die Entwicklung der Rohölpreise weist nicht nur keine dramatische Entwicklung auf, es gibt auch keinen Grund, am Langfristtrend einer stetigen Verbilligung zu zweifeln. Und selbst wenn man in einer möglichen Trendwende ein erhebliches Risiko erkennt, der Staat könnte die Folgen einfach über seine Steuerpolitik vermindern. Was uns ein paar weitere Jahre von dem Ende des Ölzeitalters entfernt. Jedwede lautstarke Forderung nach massiven, marktverzerrenden Subventionen für Alternativen im Bereich Wärmeerzeugung oder Mobilität, die mit der Erwartung extrem steigender Ölpreise begründet wird, ist daher alarmistisch und irrational.

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9 Kommentare
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  1. Zu diesem Thema wird es vielleicht ganz interessant sein was heute Abend um 18:30 Uhr die 3sat-Sendung NANO beiträgt, die wohl einen kleinen Vorgeschmack auf die Dokumentation um 21:30 Uhr sein soll.

    Und auch wenn ich mich wiederhole, jeder, der mit der der Drohungen um die „Endlichkeit der Ressourcen“ hausieren geht, sollte sich dessen bewußt sein, daß der berühmt berüchtigte „Milliardär-Club of Rome“ mit derlei Prognosen seinerzeit schon Schiffbruch erlitt – ihn aber wundersamer Weise nicht gleich wieder in der Versenkung verschwinden ließ!?

    Es war ein gewisser M. King Hubbert (1903-89), der schon 1956 in einem Aufsatz (Nuclear Energy and Fossil Fuels in: Drilling and Prodution Practice, Washington, American Petroleum Institute, S. 7-25), so etwas wie „peak oil“, d.h. den Wendepunkt der Ölförderung, richtig für das Jahr 1970 vorhergesagt hatte. Das betraf aber ausschließlich die USA und lag nicht an den natürlichen Ölvorkommen der USA, sondern daran, daß die Regierung diese Ölvorkommen in den USA aus strategischen Gründen als Reserve betrachtete und nicht weiter angreifen wollte! (Womit sich eigentlich auch die Mär des sogen. „freien Marktes“ erledigt hätte.)

    Für den Rest der Welt stimmten Hubberts Ankündigungen auf der ganzen Linie nicht; so sollte für Libyen der Rückgang der Ölproduktion schon 1970 eintreten; im Iran 1974; in Rumänien 1976; in Brunei 1979; in Rußland 1987… usw. Doch wieviel Öl tatsächlich in der Erdkruste verborgen ist, weiß bisher niemand so recht. Hierzu sehr aufschlußreich Biosphäre der heißen Tiefen & „Mit der Ölwaffe zur Weltmacht“ oder gleich beim Autor William Engdahl.

    Doch schon lange vor Hubbert, nämlich 1933, hatte Erich Zimmermann (1888-1961, World Resources and Industries, New York, Harper & Brothers) diese Denkweise ebenfalls sehr einfach und grundlegend widerlegt. Es gebe keine natürlichen Rohstoffe sagte er:

    „Rohstoffe sind eine recht dynamische, funktionale Vorstellung. Es gibt sie nicht, sie werden. Sie ergeben sich aus dem dreieinigen Zusammenwirken von Natur, Mensch und Kultur. Die Natur setzt zwar Grenzen, aber der Mensch und seine Kultur sind weitgehend für den Anteil an der physikalischen Totalität verantwortlich, die dem Menschen verfügbar ist.“

    Kurz gesagt: „Wissen ist die Mutter aller Ressourcen“.

    Nicht nur macht erst das Wissen um die Verwendbarkeit bestimmter Stoffe diese zu Rohstoffen, auch die Technik des Zugriffs auf sie bestimmt, wie viel davon zur Verfügung stehen. Unsere geldorientierte Zeit verkürzt diese Einsicht auf den Preis: die Höhe des Rohstoffpreises bestimmt den Umfang der verfügbaren Vorräte. Und selbst eine wahrhafte EU-Energie-Kommissarin, Loyola de Palacio, kam im Mai 2004 in Brüssel vor versammelter Medien-Meute nicht umhin zu erklären:

    „Es handelt sich um eine Spekulationsblase … Es gibt keine echte Verknappung auf den Märkten. Das ist die Wirklichkeit.“
    (Und im Radio konnte ich vor kurzem hören, daß sich die mit zukünftigem Steuergeld alimentierten Bankster schon wieder an den Rohstoffmärkten zu schaffen machten!!!)

    Wie mit dem Erdöl dürfte es bei allem anderen auch sein. Um sich einmal über die Dimensionen klar zu werden, um die es hier geht, und für jeden der noch über ein gewisses Maß an Vorstellungskraft verfügt, als Vorgabe:
    Das tiefste Bohrloch befindet sich mit über 12 Km in Russland; das, was einmal die „tiefste Bohrung“ werden sollte, wurde bei etwas über 10 Km in der Oberpfalz abgebrochen. Nachweislich graben die Menschen überall auf den 149.000.000 Km2 Fläche der Erde punktuell nach allerlei Mineralien; in Südafrika hat man sich dabei so um die 4 Km eingeschaufelt…usw.

    Dazu folgende Überlegung: nNachweislich beträgt der mittlere Erddurchmesser ca. 12.735 Km. Man zeichne mit einem Zirkel einen Kreis mit Radius 6,4 cm auf ein Blatt Papier und erhält folglich einen 12,8 cm Kreisdurchmesser. Die Linie die ihn umschreibt, dürfte im Verhältnis um ein mehrfaches dicker sein, als es menschliche Buddelei vermochte in die Erdkruste vorzudringen!

    Ergo: was dort alles noch auf Entdeckung wartet, enthält sich bisher hartnäckig anthropogener Schaffenskraft!
    In Ermangelung grundschultauglicher Utensilien tut’s auch eine handelsübliche Salat-Zwiebel. Die oberste braune Schale dürfte dem Vergleich nahe kommen.

    mfg

  2. Es wird für die Zukunft interessant sein, wie durch die Entwicklung neuer Technologien und auch durch steigende Marktpreise aus Ressourcen Reserven werden. Ein Beispiel dafür, wie durch diese Mechanismen auf einmal riesige Mengen an Erdgas zur Verfügung stehen, ist aktuell in Capital zu lesen:

    Energie
    Warum es Erdgas künftig im Überfluss gibt

    Neue Gasfunde machen die USA unabhängig von Russland. Dank modernster Technik wird auch in Europa nach unerschlossenen Vorkommen gebohrt. Der Markt steht vor einem historischen Umbruch – und einer ungeahnten Gasschwemme.

  3. Heiko Maas Aktion erinnert mich ein wenig an Michael Glos der nach Saudi-Arabien gereist ist -- als das Öl den Höchstpreis kurz vor der Wirtschaftskrise hatte – um die Scheichs drum zu beten, günstiger Öl zu gewinnen. Salopp gesagt. Für den Höchstpreis des Erdöls war die Börsenwelt verantwortlich. Für den hohen Benzinpreis der Staat. Aber politisch Korrekt muss der Schuldenbock die Araber sein und doch nicht unser Freunde aus den netten Westen und unter uns oder noch schlimmer, ausgerechnet unser Papa Staat.
    Ich raff das echt nicht. Die Prinzipien aus Luxemburg sind viel zu banal um sie nicht zu befolgen wie es bei uns schon seit Jahrzehnten der Fall ist.

    Btw:
    http://www.capital.de/politik/100028862.html

    Knapp ist anders.

  4. A-biotisches Erdöl -- zu diesem Thema war einiges höchst Interessantes zur erfahren in der 3Sat Hitec Sendung vom 15.3. (Öl und doch kein Ende).

    Danach beweisen experimentelle Versuche russischer Forscher die abiotische Entstehung von Erdöl (was die fossile Entstehung nicht ausschliesst). Die Kernaussage (Zitat):

    „Kohlenwasserstoffe und Öl können sich faktisch genauso im Erdmantel bilden. Ich würde sagen, Öl wurde und Öl wird bis in alle Ewigkeiten neu gebildet“.

    Es treffen sich hier verschieden Interessen: die der erdölfordernden Länder, die der Ölindustrie und die des ökologisch-industrielle Komplexes. Das erscheint mir sehr einleuchtend.

  5. Nachtrag -- letzter Satz nicht ganz klar. Deshalb umformuliert:

    Die Verweigerung der Anerkennung der abiotischen Theorie spiegelt die Interessen einflussreicher Interessengruppen: die der erdölfordernden Länder, die der Ölindustrie und die des ökologisch-industrielle Komplexes. Das erscheint mir sehr einleuchtend.

  6. @multiverus #5

    Du hast Interessen die Finanz-Mafia vergessen!!!

    mfg

  7. @zyniker
    Was soll die Finanz-Mafia für ein spezifisches(!) Interesse an der abiotischen Theorie haben? Das erkläre doch mal bitte.

  8. Wie ich mit dem Link unterstreichen wollte, denke da in Richtung „Unterstützung der Gegenseite“, also den „Endlichkeitspropheten“!!!

    So wie die 300 Mio. Alimentierung der Werbebranche zur Klima-Panik durch Al Gore…

    mfg

  9. Hallo,

    ich habe einige Analyseprogramme für den Energiesektor entwickelt und
    habe die Vermutung, dass Europa ab der Peiplein Einweihung vom heutigen Tag von Rußland nach China sehr schlechte Karten hat…

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