Nachts ist es kälter als draußen

21. Januar 2011 | Von | Kategorie: Artikel, Blog, Klimawandel, Medien

Das Sielhafenmuseum an der Nordseeküste in Carolinensiel ist einen Besuch wert. Es beeindruckt vor allem der Ausstellungsbereich, in dem die große Weihnachtsflut des Jahres 1717 beschrieben wird. Man kann sich ausmalen, wie sich die Menschen am Abend des 24.12. zusammenfanden, nichtsahnend, daß schon wenige Stunden später alles dahin sein würde. Einfach alles – die Felder, die Tiere, das Haus und vielleicht sogar das eigene Leben und das der geliebten Familie.

Mit furchtbarer Gewalt drückte an diesem Abend ein plötzlich einsetzender Sturm die in der Flut auflaufenden Wassermassen gegen die einfachen Deiche, die dieser Kraft nicht gewachsen waren. Sie brachen, nahezu entlang der gesamten Nordseeküste, von den Niederlanden bis Schleswig. Über 10.000 Menschen starben in jener Nacht, eine ungeheure Zahl angesichts der damaligen Bevölkerungsdichte, abertausende Tiere ertranken jämmerlich, ganze Landstriche wurden entvölkert und verwüstet. Die Felder auf Jahre hinaus versalzen, Vorräte und Saatgut dahin, die Behausungen vernichtet. Abbildung 1 zeigt das Ausmaß der Überflutung, die überschwemmten Gebiete sind dunkelgrau gezeichnet. Beeindruckend sind die Karten im Sielhafenmuseum. Hier kann man die Küstenlinie vor und nach der Flut betrachten und erkennen, daß der Blanke Hans sich all das Land, was die Menschen in Jahrhunderten dem Meer abtrotzten, in nur einer Nacht zurückholte. Städte, am 24.12.1717 noch kilometerweit im Landesinneren, waren nach der Flut auf einmal wieder Häfen. Und erst in der heutigen Zeit ist die Küste wieder dort zu finden, wo sie 1717 schon einmal war.

Abbildung 1: Ausmaß der Weihnachtsflut 1717

Was wäre heutzutage in den auf die Klimakatastrophe gepolten Medien los, würde sich eine solche Flut wiederholen, mit Pegelständen von mehr als 4 Metern über NN? Würde ein solches Ereignis zum letztendlichen Beweis für die drohenden Gefahren, als Menetekel des Untergangs hochstilisiert?

Nein, würde es wohl nicht. Man würde es nicht können. Denn in Wahrheit hat es heftigere und höhere Sturmfluten an der Nordsee längst gegeben. Den Rekord hält wahrscheinlich die Januarflut des Jahres 1976, als der Orkan Capella die Springtide zu davor und danach nicht wieder erreichten Pegelständen auftürmten (5 Meter und mehr). Die Bilanz: 26 Todesopfer. Davon allerdings 11 auf hoher See, deren Schiff sank. Natürlich, es brachen einige Deiche. Und ja, Capella hat große ökonomische Schäden angerichtet. Menschliches Leid schließlich kann man niemals gegeneinander aufrechnen, schon ein Todesopfer ist eines zuviel. Aber: 26 verglichen mit mehr als 10.000 ist ein Unterschied. Entvölkerte und auf Jahrzehnte hinaus verarmte und hungernde Landstriche hat Capella nicht zurückgelassen. Ebensowenig konnte sie die Küstenlinie in merklichem Umfang verändern.

Sinkende Verletzlichkeit

Die Datenbank des „Centre for Research on the Epidemiology of Disasters (CRED)“ ist ein Schatz an Informationen. Mehr als 18.000 Naturkatastrophen unterschiedlichsten Typus – von Erdbeben über Waldbrände bis hin zu Dürren, ja selbst größere Industrieunfälle – sind hier erfaßt – weltweit seit 1900. Natürlich kann man fragen, inwieweit eine solche Datenbank denn vollständig sein kann, vor allem bei Informationen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, bei Daten aus einer Zeit vor weltweit agierenden Massenmedien heutiger Prägung. Aber sie ist nun einmal das Beste in dieser Hinsicht, was zur Verfügung steht. Eine umfassendere und detailliertere Quelle gibt es nicht.  

Abbildung 2: Todesfälle durch Wetterereignisse global seit 1900

Man kann hier nach Ländern und Art der Katastrophe für jedes Jahr seit 1900 Todesfälle, Verletzte und Schäden herausfiltern. Klimawandelgläubige sollten besser nicht allzu genau hinsehen. Denn ihr Weltbild wird nicht bestätigt, es gibt kein Signal für ein sich wandelndes Klima in dieser Datenbank. Der Trend, den man schon aus dem Vergleich zwischen Weihnachtsflut 1717 und Januarflut 1976 ableiten kann, wird vielmehr bestätigt: Es sterben immer weniger Menschen durch wetterbedingte Extremereignisse. Abbildung 2 zeigt die Zeitreihe der globalen Daten für „Dürren“, „Temperaturextreme“, „Hochwasser“, „Stürme“ und „Wald- und Buschbrände“, wohl wissend, daß insbesondere letztere nicht immer natürliche Ursachen haben. Der Verlauf wird dominiert von einzelnen Extremereignissen, insbesondere Dürren und Hochwasser, im gewählten Maßstab sind die meisten Jahre nur ein kaum erkennbares Grundrauschen entlang der Nullinie. Von den etwa 20 Millionen Todesopfern, die in der Datenbank für die genannten Ereignisse seit 1900 gezählt werden, entfallen etwa 55% auf Dürren und weitere etwa 35% auf Hochwasser, die restlichen Kategorien, insbesondere die Brände, spielen im Vergleich nur eine geringe Rolle. Die regionale Verteilung ist ähnlich: Mehr als 85% aller Todesopfer sind den drei Ländern China, Indien und Bangladesch zuzuordnen (Abbildung 3). Für Deutschland weisen die Daten 9.655 Opfer aus, die fast alle auf die Hitzewelle im Sommer des Jahres 2003 zurückgeführt werden.    

Die Lückenhaftigkeit der Daten und ihre zeitliche und räumliche Verteilung gestatten den Versuch einer Trendermittlung eigentlich nicht. Aber da die Alarmisten so gerne Linien durch Punkte ziehen, um die Unvermeidlichkeit des Untergangs plakativ zu untermauern, soll dies hier auch geschehen. In Abbildung 2 steht die rechte Achse für die Anzahl der Opfer wetterbedingter Katastrophen je 100.000 Einwohner. Und die graue, gepunktete Linie bezieht sich auf diese Achse, sie beschreibt den linearen Trend für diesen Wert. Hatte die Welt im Jahr 1900 noch jährlich mehr als 15 Tote pro 100.000 Einwohner zu beklagen, so sind es heuer nur mehr 0,1. Trotz Bevölkerungszuwachs, trotz Ausweitung der Siedlungs- und sonstigen Nutzflächen: Die Welt steuert global gesehen auf eine Zeit zu, in der Wetterextreme aller Art schlicht unwichtig werden.

Kalt oder warm?

Ist nun warmes Wetter, ein im Durchschnitt wärmeres Klima, besser für die Menschen, oder schlechter? Diese alte Frage wurde jüngst durch einen Spiegel-Bericht über eine aktuelle Studie (die sich wie so oft hinter einer Paywall verbirgt und mir daher nicht zugänglich ist) angefacht. Die Studie scheint nahezulegen, ein wärmeres Klima wäre vorteilhaft für menschliche Zivilisationen, würde ökonomische und soziale Fortschritte befördern. Ein altes Skeptiker-Argument. Wie Pierre Gosselin so schön herausgearbeitet hat, tun sich die Medien, die doch so auf „warm ist böse“ gepolt sind, mit der Verbreitung dieser Botschaft schwer. Und auch auf der Klimazwiebel wird diskutiert, ob damit nun eine Umkehr in der Argumentation der Alarmisten verbunden sein muß. Ist es nun doch wieder die Eiszeit, die wir zu fürchten haben und nicht mehr das mutmaßlich wärmende Kohlendioxid?

Abbildung 3: Todesfälle durch Wetterkatastrophen in China, Indien und Bangladesh

Die Antwort ist leider kein einfaches Ja oder Nein.

Die beachtlichen Anpassungsleistungen, zu denen der Mensch fähig ist, zeugen von den komplexen Wechselwirkungen zwischen ihm und seiner Umwelt. Und hinsichtlich der Umwelt ist das Wetter respektive das Klima nur ein Faktor von vielen. Geographie und Ökosphäre sind weit bedeutender und grundlegender. Man denke an die Inuit, die sich im ewigen Eis wohlfühlen und sich als reine Jägerkultur im Gegensatz zu aktuellen Scheindebatten westlicher Dekadenz überhaupt nicht vorstellen können, irgendetwas anderes als Fleisch oder Fisch zu sich zu nehmen. Man denke an Araber, Berber und andere Wüstenvölker, deren nomadische, auf Tierzucht angelegte Lebensweise die Möglichkeiten der Wüste ideal ausschöpft. Man denke an Urwaldbewohner von Asien bis Amazonien. Was sollten diese wohl mit Landwirtschaft anfangen, wenn ihnen doch der Urwald ganz von selbst ein überreiches Nahrungsangebot macht? Wer will entscheiden, welche dieser drei beispielhaft genannten Kulturen nun die „bessere“ ist? Wer will entscheiden, in welchem der drei Klimata es nun günstiger ist?

Die moderne Zivilisation hat sich letztendlich nicht in den Tropen entwickelt, aus denen wir Menschen stammen und in denen ganzjährig Landwirtschaft unter optimalen Bedingungen stattfinden kann, sondern in den beiden Schwerpunkten Europa (inkl. Mittlerer Osten) und China. Hier wird eine positive Form von Gier als wesentliches Moment erkennbar. Gier nach Wohlstand und Freiheit, die vor allem durch den Handel mit Waren und Ideen befriedigt werden kann. Die Landmasse Eurasiens lieferte ganz unabhängig von klimatischen Bedingungen die Voraussetzungen für lange Handelswege über Land, durch die Innovationen in vielerlei Hinsicht unterstützt wurden. Und daß die industrielle Revolution am Ende in Europa stattfand, und nicht in China, ist dem glücklichen Umstand unserer Nähe zu Amerika zu verdanken. Der Atlantik ist kleiner als der Pazifik und die Passatwinde ermöglichen eine im Vergleich leichtere Überquerung. Die Kolonisation der neuen Welt, der Zugang zu Rohstoffen, die Schaffung neuer Absatzmärkte und die Entstehung transozeanischer Handelsrouten verschafften der Gier neue Möglichkeiten, neuen Entfaltungsraum.

Wind und Wetter, Regen, Schnee oder Sonnenschein haben damit nicht sehr viel zu tun.  Die Wechselwirkung von Geographie (inkl. Ökosphäre, also dem Zugang zu nutzbaren Tier- und Pflanzenarten) mit der sozialen Entwicklung ist die Basis, auf der sich Geschichte abspielt. Das Klima kann Entwicklungen nur beschleunigen oder verlangsamen, es verursacht sie nicht und macht sie auch nicht unmöglich.

Letztendlich zeigt die neue Studie also nur auf, wie das Klima neue Möglichkeiten schafft. Eine wärmere Welt ist nicht notwendig für eine positive Entwicklung, aber hilfreich. Kalt ist sicher großer Mist, aber warm ist auch nur dann gut, wenn man es zu nutzen versteht.

Die Folgen der Anpassung

Das Klima hat die menschliche Geschichte nicht determiniert. Nicht in der Vergangenheit, nicht in der Gegenwart und es wird auch in Zukunft kein wesentlicher Faktor sein. Es ist uninteressant, ob es auf dem Planeten im Mittel wärmer oder kälter wird. Die Fixierung wesentlicher Teile der Wissenschaft auf das Klima als bestimmenden Faktor für die Zukunft, in der man mit Kohlendioxid „Klimaflüchtlinge“, „Klimakriege“, viele Todesopfer und große ökonomische Schäden verbindet, ist allein einem Mangel an (Denk-)Möglichkeiten geschuldet. Die Zukunft ist eben unbestimmt und in keiner Weise vorhersehbar. Lediglich Teile der naturwissenschaftlichen Klimaforschung gaukeln uns vor, mittels einer komplizierten Form des Ratens (denn nichts anderes ist ein Klimamodell) konkrete Aussagen über die Zukunft  treffen zu können. Was wundert es da, wenn sich die Geisteswissenschaftler daran festbeißen. Eine andere Leitplanke steht ihnen schlicht nicht zur Verfügung.

Eine wärmere Welt als eine schlechtere Welt voller Risiken und ohne Vorteile darzustellen, ist eine durch die Geschichte nicht belegbare Vermutung. Genauso verfehlt wäre es aber, in einer wärmeren Welt grundsätzlich etwas Erstrebenswertes zu sehen. Denn auch dies beruht auf der falschen Annahme, das Klima würde unsere ökonomische und soziale Entwicklung bestimmen. Mensch und Umwelt, mit dem Klima als vergleichsweise unwichtigem Teilaspekt, beeinflussen sich gegenseitig. Es kommt immer darauf an, ob man dazu in der Lage ist, die Vorteile seiner Umwelt zu nutzen und die Nachteile durch seine Lebensweise zu marginalisieren. Selbst Extremereignisse können statt zu Katastrophen zu lebensspendenden Notwendigkeiten werden, wie die antike ägyptische Hochkultur durch ihre symbiotische Beziehung zur jährlichen Nilflut zeigt. Und es gibt eben keine Orangen und Zitronen im Norden Kanadas. Was soll’s, mit Seehundfleisch läßt sich offensichtlich auch ganz gesund leben.

Westeuropas Versinken im Dämmerschlaf nach Ende des weströmischen Reiches hatte viel eher etwas mit der Randlage, als mit witterungsbedingten Ernteausfällen zu tun. Auf der einen Seite ein wenig nützlicher, unüberbrückbarer Ozean, die mächtigen Reiche Ostroms, Persiens und der aufkommenden Araber im Süden und Südosten, die militärisch überlegenen Steppenvölker im Osten. Die neue Achse Arabien-China verschob die Gewichte in der Welt für viele Jahrhunderte, bis dann endlich der Zugang zum Atlantik mit neuer Technologie genutzt werden konnte und sich die nachteilige Randlage in den Vorteil Amerika verwandelte.   

Durch Anpassung konnten die Menschen ein breites Spektrum von Lebensräumen in unterschiedlichen Klimazonen für sich in Anspruch nehmen, sie konnten diese Räume formen und deren spezifische Nachteile in Vorteile verwandeln. Dadurch veränderte sich stetig die Bedeutung der Geographie (und des Klimas) für die jeweiligen Gesellschaften. Schlußendlich ist die Geschichte der Menschheit auch charakterisierbar als eine durch diesen Prozeß ständig zunehmende Emanzipation von den Randbedingungen der Natur.

Und heute, knapp dreihundert Jahre nach der Katastrophe des Jahres 1717, sprechen die Daten zumindest für die westliche Welt eine eindeutige Sprache: Wir können unsere Entwicklung in Zukunft nahezu unabhängig von geographischen und klimatischen Randbedingungen gestalten. Sie werden uns nicht mehr stören, nicht mehr behindern. Bald wird dies auch für den Rest des Planeten der Fall sein. Das Klima hatte nie einen bestimmenden, einen determinierenden, sondern nur einen zusätzlichen Einfluß. Und auch diesen wird es verlieren.

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9 Kommentare
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  1. @ Peter Heller

    Ein Artikel in Scinexx titelt: Klima beeinflusste europäische Geschichte. Da denkt man natürlich als erstes an die oft geäußerte Vermutung, dass zum Beispiel die Völkerwanderung durch klimatische Veränderungen, hier Abkühlung, ausgelöst worden sein soll. Auf den ersten Blick ist das auch einleuchtend, doch bei genauerer Betrachtung sind solche monokausale Erklärungen nicht ausreichend. Höhere Kulturen haben eine starke Anziehungskraft auf die Völker an der Peripherie, man möchte seinem tristen Dasein entfliehen und erhofft sich im gelobten Land eine deutliche Verbesserung seiner Lebensumstände. Das ist auch bei den Völkerwanderungen heute nicht viel anders.

    Wenn denn also die klimatischen Veränderungen in der Vergangenheit nicht der Hauptgrund für kulturelle Veränderungen war, lokal mag das durchaus manchmal anders gelaufen sein, so wird es in Zukunft noch viel weniger ein Grund für den Niedergang von Kulturen sein. Entscheidend wird sein, mit welchen Mitteln man den technischen Fortschritt fördert, oder auch nicht, oder welche Prioritäten gesetzt werden. Nicht unerwähnt soll bleiben, von großer Bedeutung ist auch, wie sich die politische Situation darstellt. Welche Freiheiten dem Individuum bleiben.

    Ein wie auch immer gearteter Klimawandel, er wird die Menschheit nicht vor große Probleme stellen, selbst in der von Scinexx vorgestellten Studie heißt es: „Obwohl die moderne Zivilisation potenziell weniger anfällig auf Klimafluktuationen reagiert als frühere Gesellschaften, ist auch sie mit Sicherheit nicht immun gegenüber den prognostizierten Temperatur- und Niederschlagsveränderungen“.

    Für jemanden wie mich, der in der ExDDR gelernt hat zwischen den Zeilen zu lesen, hört sich das dann so an: „Selbst wenn die prognostizierten Veränderungen eintreten, werden sie gegenüber anderen Faktoren in den Hintergrund treten.“

  2. Hallo Herr Heller,

    danke für diesen zusammenfassenden Artikel. Ein wenig nachdenken musste ich nur über den letzten Absatz.

    Es gibt im US-Bundesstaat Arizone einen Ort namens Sun City, eine zu 100% künstliche Oase mitten in der Wüste. Dort leben ausschließlich Pensionäre (und -innen). Sie leben gegen das dort herrschende (normale!) Wüstenklima, gegen Natur und Umwelt. Diese werden ohne jede Rücksicht ausgeblendet und mit immer neuen Techniken ausgeblendet.
    Daran fühlte ich mich nach der Lektüre des letzten Absatzes erinnert. Das Verhalten der Leute von SunCity führt zu einer Zerstörung und Vergiftung der Umwelt, denen mit immer teureren Maßnahmen zu Leibe gerückt wird. Auf Dauer kann das aber m . E. nicht gut gehen.
    Vor diesem Hintergrund: Den ersten Teil des letzten Satzes kann ich unterschreiben. Beim zweiten… glauben Sie wirklich, dass man irgendwann einfach gegen das Klima leben wird? Oder habe ich das nur falsch verstanden?

    Vorbehaltlos unterstützen kann ich dann wieder den letzten Satz im Kommentar von Herrn Quencher (#1).

    Chris Frey

  3. @Chris Frey
    Natürlich kann man „gegen das Klima“ leben.
    Dort, wo unter normalen Umständen kein Leben möglich wäre ( Neumayer Station Antarktis) oder in der Hitze, klimatisiert, kann man doch heute schon relativ problemlos leben, oder?

  4. Abbildung 1 zeigt das Ausmaß der Überflutung, die überschwemmten Gebiete sind dunkelgrau gezeichnet. Beeindruckend sind die Karten im Sielhafenmuseum. Hier kann man die Küstenlinie vor und nach der Flut betrachten und erkennen, daß der Blanke Hans sich all das Land, was die Menschen in Jahrhunderten dem Meer abtrotzten, in nur einer Nacht zurückholte. Städte, am 24.12.1717 noch kilometerweit im Landesinneren, waren nach der Flut auf einmal wieder Häfen. Und erst in der heutigen Zeit ist die Küste wieder dort zu finden, wo sie 1717 schon einmal war.

    Da ich mich sehr für die Nordsee und die Entwicklungsgeschichte der norddeutschen Küstenlinie/ Inseln interessiere habe ich ein paar Anmerkungen/ Ergänzungen zu dieser Beschreibung:

    Die gezeigte Karte von Johann Baptist Homann nach der Jahrhundertflut vom 24. und 25. Dezember 1717 (aufgrund des Datums auch Weihnachtsflut genannt) ist kartographisch teils unrichtig. So die Darstellung der Insel Nordstrand, oder die Darstellung der Ostfriesischen Inseln, z.B. Juist und Borkum (welche nicht vorhanden sind).

    In den Jahrhunderten vor der Weihnachtsflut von 1717 wurde dem Meer, weitaus weniger Land abgetrotzt, als in der Weihnachtsflut von 1717 überschwemmt wurde. Schon kurze Zeit später war die Küstenlinie wieder hergestellt, wie diese Karten zeigen.

  5. @ Krüger:

    Danke für die Korrektur. Der Verlauf der Küstenlinie vor und nach der Weihnachtsflut 1717 und der Vergleich zur heutigen Küstenlinie sind im Sielhafenmuseum dargestellt (allerdings anhand moderner, rekonstruierter Karten). Allerdings war ich vor 5 Jahren dort, es mag sein, daß ich nicht alles richtig in Erinnerung habe.

    Falls Sie Gelegenheit haben, das Museum zu besuchen, könnten Sie das ja dokumentieren und hier einstellen. Ich werde in nächster Zeit leider keine Gelegenheit dazu haben. Aber mich interessiert das auch sehr. (Vielleicht wohnt ja auch irgendein anderer Leser in der Nähe von Carolinensiel…)

    @ Frey:

    Der Text ist natürlich eine Provokation für beide Seiten. Denn ich glaube einfach nicht an den Einfluß des Klimas auf die Menschheitsgeschichte, wie er oft dargestellt wird. Weder im Guten, noch im Schlechten. Welchen Einfluß bspw. Wetterextreme auf eine Gesellschaft haben (können), hängt primär nicht von den Extremen, sondern von der Gesellschaft ab. Und deren Entwicklung wiederum wird durch ökonomische, soziale und technologische Faktoren determiniert, nicht durch das Klima. Meine Kritik geht von daher an beide Seiten: Weder wird ein warmes Klima in der Zukunft für uns besonders vorteilhaft sein, noch besonders nachteilhaft. Es wird schlicht und ergreifend irrelevant sein.

    (Ein kälteres Klima wäre allerdings schwieriger zu marginalisieren.)

    Das gilt nicht nur für klimatisch bedingte Extremereignisse. Man vergleiche etwa das Erdbeben von Kobe 1995 (Stärke 6,9, 6.400 Tote) und vor allem seine langfristigen Folgen mit dem von Haiti 2010 (Stärke 7,0, 316.000 Tote nach offiziellen Angaben).

    Im Vorfeld der aktuellen Elbeflut, bei der sich die erwarteten Rekordpegelstände eingestellt haben, habe ich letzte Woche einen interessanten Bericht im Radio gehört. Die betroffenen Landkreise freuten sich darin auf die Flut (!). Man erwartete insbesondere viele Schaulustige und einen positiven Effekt auf Hotels und Gaststätten. Man hat spezielle Aussichtspunkte mit Zufahrten und Parkplätzen eingerichtet bzw.definiert. Von „einzigartigen Bildern“ war die Rede, etwa von „Enten und Gänsen, die zwischen Baumwipfeln umherschwimmen“. Betreffend der ngeativen Aspekte eines solchen Hochwassers äußerte man sich extrem gelassen. Man sei ja vorbereitet. Und gemäß der aktuellen Nachrichtenlage ist diese Gelassenheit wohl auch berechtigt.

    Ich denke, das ist die Aussicht für die Zukunft. Wir werden nicht „gegen“ das Klima leben, sondern mit ihm.Ohne, daß uns das sonderlich betrifft. Wir sind hier in Deutschland bereits dazu in der Lage, etwas, was noch vor wenigen Jahren Wahlen entschieden hat, als Freizeitvergnügen zu instrumentalisieren.

    (Wer weiß, vielleicht freut man sich irgendwann sogar auf ein Erdbeben. Weil es Infrastrukturen kostenlos zerstört, die man ohnehin neu errichten wollte…)

    Und das geht nicht, in dem man sich in Kunstwelten zurückzieht und sich gegen die Natur abschottet. Das geht nur, wenn man sich so anpaßt, daß die Vorgänge in der Natur vorteilhaft genutzt werden können.

  6. @Peter Heller

    Carolinensiel kenne ich, ich lag mit meinem Segelboot dort einmal (1995) im Binnenhafen. Das Sielhafenmuseum ist mir aber leider entgangen. Den Besuch muss ich irgendwann einmal nachholen.

    Zur Weihnachtsflut von 1717 habe ich in meinem Buchbestand noch eine neuere Abbildung gefunden.

    Quelle: Die Deutsche Küste/ Frank Grube & Gerhard Richter/ Weltbild Verlag 1990

  7. Lieber Herr Heller!
    Vielen Dank für diesen schönen Artikel!
    Wie ist es aber mit „Isaacs Storm“ im Jahre 1900 in Galveston mit ca. 6.000 Toten lt. der von Ihnen zitierten Datenbank? Sollte man den nicht in Ihrer Abbildung 2 wiederfinden?
    Oder haben Sie ihn fortlassen müssen, weil das entsprechende Säulchen keinen Platz neben der gelben Dürre-Säule hätte?

  8. @Albert Krause

    Wie ist es aber mit “Isaacs Storm” im Jahre 1900 in Galveston mit ca. 6.000 Toten lt. der von Ihnen zitierten Datenbank? Sollte man den nicht in Ihrer Abbildung 2 wiederfinden?

    Wenn Sie auf der rechten Seite der Graphik „Tote pro 100.000 EW“ lesen und die Einwohnerzahl von Galveston um 1900 (ca. 40.000) betrachten -- sollte man den “Isaacs Storm” nicht wiederfinden in der Graphik.
    MfG
    Karl Rannseyer

  9. @ Krause:

    Sollte man den nicht in Ihrer Abbildung 2 wiederfinden?

    Für das Jahr 1900 weist die CRED-Datenbank 1.261.000 Tote durch Dürren, 300 durch Hochwasser und 6.000 durch den von Ihnen benannten Sturm aus. Sie finden diese 6.000 als kleine dünne Linie auf der „Dürren-Säule“ (wenn man ganz, ganz genau hinschaut). Beachten Sie den Maßstab. Ich hatte im Artikel extra darauf hingewiesen. Angesichts der wirklich großen Katastrophen in Asien verschwinden in dem gewählten Maßstab die „kleineren“ Unglücke einfach aus der Sicht. In die Berechnung des Trends wurden diese aber einbezogen.

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