Öko-Institut beweist: Laufzeitverlängerungen der KKW sinnlos

21. Juli 2008 | Von | Kategorie: Artikel, Blog, Kernenergie, Politik

Wozu brauchen wir die Kernkraft denn überhaupt noch? Photo: Gerd Altmann/via pixelio.de

Gestern wurde ich auf eine Studie des Öko-Instituts aufmerksam gemacht, die ich heute zum Anlass nehmen möchte, mir diese etwas genauer anzusehen (PDF).

Als erstes möchte ich hier das Fazit dieser Studie zitieren:

“Die Effekte von Laufzeitverlängerungen für das künftige Strompreisniveau sind mit hoher Wahrscheinlichkeit quantitativ gering bzw. im Lichte der anderen Determinanten für die Entwicklung des Kraftwerksparks und des Erzeugungsmix in Deutschland bzw. im
europäischen Binnenmarkt für Elektrizität keineswegs richtungssicher zu bewerten. Spekulative und keineswegs richtungssichere Effekte für die Großhandelspreise können damit eher nicht als belastbare Grundlage für ein Laufzeitverlängerungsmodell herangezogen werden.

Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass ein Abschöpfungs- und Umverteilungsmechanismus für die Zusatzgewinne der KKW-Betreiber vor einer Vielzahl grundsätzlicher und praktischer Probleme stehen wird, die im Ergebnis entweder dazu führen werden, dass die Mechanismen nicht oder nur unter hohen (rechtlichen und
politischen) Risiken umsetzbar wären oder dass die effektiven Umverteilungsvolumina wegen der Vielzahl von realen und behaupteten Risiken sehr gering ausfallen und damit durch die Laufzeitverlängerungen im Wesentlichen doch nur Zusatzgewinne für die KKW-Betreiber verbleiben würden.”

Mit anderen Worten, rein rechnerisch bringt eine Verlängerung der Laufzeiten sowieso nichts, da die Konzerne bloß die Mehrgewinne einstecken und andererseits die Handhabungen der Subventionen zu aufwendig sind und teilweise gegen das EU-Recht verstoßen.

Sehen wir uns einmal den Anteil der Kernkraft an unserer Stromrechnung an. Dazu eignet sich der Wiki-Artikel “Strompreise” ausgezeichnet.

Anhand der Tortengrafik lässt sich gut erkennen, das der eigentliche Erzeugerpreis mit 23 Prozent im Arbeitspreis des Stromkunden enthalten ist. In diesen 23 Prozent sind die 20 Prozent Kernkraft enthalten, was am Ende mit 4,6 Prozent auf den Arbeitspreis durchschlägt. Beachtet man weiterhin, dass sich der Haushaltsstrom aus den beiden Komponenten Arbeitspreis und Grundgebühren zusammensetzt, dürfte die Kernkraft rein rechnerisch nur noch knapp drei Prozent Einfluss auf die zu zahlende Stromrechnung haben.

Da stellt sich mir jetzt die Frage, wozu brauchen wir die Kernkraft denn überhaupt noch? Schalten wir diese Dinger doch einfach sofort ab…

Einige Punkte habe ich in dieser Studie allerdings stark vermisst. Es fehlen die eigentlichen Preistreiber im Stromgewerbe, die EEG und KWK Zwangseinspeisungen, die Öko-Steuer und die gestiegene Mehrwertsteuer. Diese Position schlägt sich nämlich schon mit über 41 Prozent auf unsere Stromrechnung nieder. Verschwiegen wird auch, dass dieser Anteil immer mehr steigen wird, je mehr solche Anlagen in die Landschaft gebaut werden.

Zur Verdeutlichung dieser Summen, hier ein kleines Rechenbeispiel:

Nehmen wir einen Standard-Vier-Personen-Haushalt mit einen Jahresverbrauch von 3500 KWh im Jahr. Weiterhin die derzeitige Anteile der EEG mit 1,35 Cent/KWh und der voraussichtlichen KWK Einspeisung von 0,4 Cent/KWh plus der Mehrwertsteuer, macht das eine Mehrbelastung dieses Haushaltes von 72,89 Euro pro Jahr aus.
Sie sehen also, die knapp drei Prozent der Kernenergie können überhaupt keinen großen Einfluss auf Ihre Stromrechnung haben, dazu muss man nichteinmal eine 29 Seiten lange Kurzstudie machen.
Das eigentliche Problem, diese knapp 150 TWh physikalische Strommenge mit anderen Energieerzeugungsanlagen zu ersetzen, wird natürlich nicht angesprochen, das sollen bis dahin ja die EE und rigorose Energieeinsparungen ersetzen.

Ein Betriebswirt hat mir das Handelssystem im Zusammenhang mit der Windkraft an der EEX folgendermaßen erklärt:

“Als Betriebswirt erlebe ich oft, dass jeder ökonomische Verstand aussetzt, wenn es um Ökothemen geht. Dann halten sogar Ökonomen den CO2-Handel für ein marktwirtschaftliches Steuerungsinstrument, obwohl offensichtlich ist, dass staatliche Zwangsrationierung etwa so viel mit Markt zu tun hat, wie Nordkorea mit Demokratie.

Ein schönes Beispiel ist die Behauptung, Strom werde durch die Windräder billiger, da wird dann das ‘Merrit-order’-Modell vom HWWA (Institut für Wirtschaftsforschung in Hamburg) als vermeintlicher Nachweis dafür angeführt. Kurz gesagt ist die These, billiger Windstrom substituiere teure Kraftwerke und spare so Geld. Aber wie kommt man darauf, dass Windstrom so billig ist? Ganz einfach, im Modell werden die Kosten für (zusätzlichen) Windstrom mit 0 (!) angesetzt, weil Windstrom annähernd keine Grenzkosten habe. Das stimmte sogar, wenn es keine Einspeisevergütungen gäbe. Dass das mit der Realität nichts zu tun hat, ist wohl offensichtlich, denn für die Netzbetreiber sind die Grenzkosten für Windstrom natürlich nicht null, sondern mindestens die Einspeisevergütungen und ohne die Einspeisevergütungen wären die Windräder nie gebaut worden. Allein schon durch diesen fundamentalen Fehler ist das schicke Modell total unrealistisch, aber es wird noch abstruser. Das Modell geht davon aus, dass aller Strom an einer (einzigen) Strombörse gehandelt werde und die EVUs dort immer den billigsten zur Verfügung stehenden Strom einkauften. Daran ist natürlich schon falsch, dass in der Realität nur ein kleiner Teil überhaupt gehandelt wird. Und die implizite Unterstellung, die Kosten seien das ausschließliche Kriterium für den Energiemix, die ist natürlich auch falsch. Wenn das so wäre, dürfte es z.B. die teuren Gasturbinen gar nicht geben. Es gibt sie aber, weil es noch andere Kriterien gibt.

Noch peinlicher aber ist für Ökonomen ein weiterer fundamentaler Denkfehler. Der Spotpreis kann tatsächlich sehr stark sinken bei hoher Windkrafteinspeisung und das ist natürlich gut, wenn man gerade Strom nachfragt. Das Modell betrachtet ausschließlich die Nachfrageseite. Man kann aber nur etwas kaufen, wenn ein anderer es verkauft. Diese ebenso banale wie grundlegende Tatsache wird schlicht ignoriert. Die EVUs sind natürlich nicht nur Nachfrager, sondern auch Anbieter, gerade wenn sie hohe WKA-Einspeisung haben, und wenn man Anbieter ist, dann ist ein abschmierender Marktpreis natürlich schlecht. Wenn Netzbetreiber gerade extrem hohe Windkrafteinspeisung haben und den überschüssigen Strom über EEX verkaufen wollen, dann geht der Preis natürlich ins Bodenlose, den WKA-Betreibern müssen sie aber trotzdem die viel höheren Einspeisevergütungen zahlen und machen so Verlust.

Darüber hinaus werden natürlich auch Folgekosten der EEG-Praxis, wie für zusätzliche Leitungen oder kürzere Lebensdauer der Kraftwerke durch zunehmende Lastwechsel, gar nicht berücksichtigt, erst recht nicht, dass es in der Realität eben nicht so ist, dass WKAs die teuersten Kraftwerke substituieren würden.

Fazit: ökonomischer Unsinn, aber es wird natürlich willig und ohne Nachfrage geglaubt.”

Zuerst erschienen auf Readers Edition am 21. Juli 2008

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Ein Kommentar
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  1. Heinz Eng veröffentlicht am 21. Juli 2008
    „Das eigentliche Problem, diese knapp 150 TWh physikalische Strommenge mit anderen Energieerzeugungsanlagen zu ersetzen, wird natürlich nicht angesprochen, das sollen bis dahin ja die EE und rigorose Energieeinsparungen ersetzen.“

    Nun,
    2018 haben die Kernkraftwerke in Deutschland nur noch ca. 76 TWh abgeliefert und die EE ca. 228 TWh.

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