Ökologistische Mythen (Teil 2): „Einskommadrei Erden“

12. Juli 2010 | Von | Kategorie: Artikel, Blog, Klimawandel, Ökologismus, Ökologistische Mythen, Profiteure

Heutzutage muß man sich schon etwas einfallen lassen, um sein Unternehmen gegenüber speziellen Zielgruppen zu vermarkten. Siemens beispielsweise hat das Bedürfnis, sein Image in den Augen der „hochrangigen Entscheidungsträger“ zu verbessern. Und hat sich für diese etwas Passendes überlegt. Einen „Zukunftsdialog“. Einen Tag mit der Möglichkeit für die geladenen Gäste, mit noch hochrangigeren „Meinungsmachern“ und „Entscheidern“ zusammenzutreffen. Ein Tag in einem luxuriösen Ambiente, mit tollen Vorträgen, spannenden Diskussionen, leckerem Essen, bei dem man sich schon aufgrund seiner persönlichen Einladung als Bestandteil der Menschengruppe „Wichtig“ fühlen kann. Ein Tag mit nur einer Botschaft: Die Welt geht unter. Aber Siemens wird uns retten. So schön und anspruchsvoll kann man die Angst vor der Katastrophe eben auch zelebrieren.

Als Marketing-Maßnahme für die besondere Zielgruppe: Durchaus gelungen. Die Diskussionsrunden waren sehr gut besetzt und die Präsentationen der Hauptredner ansprechend und anspruchsvoll. Eine wirklich interessante Veranstaltung.

Und so beschreibt Siemens seinen Event selbst:

Dennis Meadows, Hauptredner der Veranstaltung, läßt seinen Blick über das Auditorium schweifen. Der Raum ist mit 500 Entscheidungsträgern aus der Politik, den Wissenschaften und der Welt der Wirtschaft gefüllt. Sie kamen aus der ganzen Welt, um in Berlin einige der dringendsten Fragen überhaupt zu diskutieren: den Klimawandel, den fortschreitenden Ressourcenverbrauch und wie sich Megatrends – die zunehmende Urbanisierung oder der demografische Wandel etwa – in diesem Zusammenhang auswirken.“

Und was waren die bleibenden Eindrücke aus Berlin, jetzt, mit dem Abstand von einigen Monaten? Schellnhubers Werben für die Kernenergie, Joschka Fischers Bekenntnis zum schweren und schnellen Automobil (und seine launige Attacke auf die mittlere Spur blockierende Autofahrerinnen), und Meadows Beispiel des „Mont-Blanc-Füllers“. Das Luxus-Schreibgerät, das tatsächlich eine bessere Ökobilanz aufweisen kann, als der Wegwerfkuli. Eben, weil man es nicht wegwirft. Die Transferleistung vom Stift hin zum Auto oder zum Flugzeug (oder auch zum Kraftwerk) hat Dennis Meadows dann allerdings nicht mehr vollzogen. Stattdessen begann er seinen Vortrag mit:

„Unsere Grenzen haben wir längst überschritten. Unser Verbrauch entspricht dem Regenerationspotential von 1,3 Planeten Erde. Die Verhaltensmuster, die uns in der Vergangenheit Wachstum und Fortschritt brachten, werden uns in der Zukunft nichts von alledem bescheren können. Stattdessen werden wir in den kommenden 20 Jahren größere Umwälzungen erleben als im ganzen letzten Jahrhundert.“

Und dies war das Leitmotiv für die gesamte Veranstaltung: Wir Menschen beuten unsere Erde aus. Über deren natürliche Grenzen hinweg. So steuern wir langsam aber sicher dem Kollaps entgegen. Wir entnehmen unserer Umwelt mehr, als diese leisten kann. Und vernichten damit unwiederbringlich Natur und Lebensräume.

Das ist einer der zentralen Mythen des Ökologismus. Und er ist, bei rationaler Betrachtung, falsch. Allein durch eine eher esoterische Interpretation der Faktenlage kann die Idee von den „1,3 Erden“ Bestand haben.

Der ökologische Fußabdruck

Der sogenannte „ökologische Fußabdruck“ ist ein Konzept zur Berechnung der Fläche, die die Menschheit zur Stillung ihrer Bedürfnisse beansprucht. Dabei wird in sogenannten „globalen Hektar“ gedacht, die für folgende Kategorien bestimmt werden:

  • Flächenbedarf für Infrastrukturen (Straßen, Gebäude)
  • Fischerei
  • Wald (als Lieferant für Bauholz)
  • Weideland (Viehhaltung und Fleischkonsum)
  • Ackerland (Produktion und Verbrauch an Getreide)

Nun darf man den „globalen Hektar (gha)“ nicht als reale Fläche mißverstehen. In Wahrheit ist er ein Maß für die weltweit durchschnittliche Biokapazität (Ertragsstärke) aller Flächen. Weitere Erläuterungen und aktuelle, global aggregierte Daten sind im „Living Planet Report“ des WWF aus dem Jahr 2008 enthalten. Sie beschreiben die Entwicklung des ökologischen Fußabdruckes der Menschheit zwischen 1960 und 2005.

Und die Auswertung dieser Daten führt überraschendes zu Tage. Keinesfalls überfordern wir die natürliche Produktivität des Planeten. Diese wird für 2005 mit 13,4 Milliarden gha angegeben. Zur Stillung unserer Bedürfnisse waren in diesem Jahr aber lediglich 8,34 Milliarden gha erforderlich. Das sind 0,6 Erden. Und nicht 1,3.

Bild 1: Der ökologische Fußabdruck der Menschheit, wie man ihn gelten lassen könnte...

Das Diagramm zeigt das Potential der Erde (schwarze Linie) und die Entwicklung der Bedarfe der Menschheit in den einzelnen Kategorien. Zusätzlich ist eine rote Linie eingezeichnet, die man in dem WWF-Report vergeblich sucht. Diese zeigt, wie viele globale Hektar pro Person benötigt werden. Und hier erkennt man, was der Weg, den wir gegangen sind, und den Dennis Meadows als so fehlgeleitet betrachtet, in Wahrheit gebracht hat. Effizienz und technischer Fortschritt führten zu einer deutlichen Reduzierung dieses Parameters: Statt 2 globaler Hektar, wie im Jahr 1960, sind heute nur noch 1,3 globale Hektar pro Person erforderlich.

Wenn man trotz aller Kritik an Definitionen und Berechnungsverfahren den „ökologischen Fußabdruck“ als taugliches Konzept akzeptiert, zeigt er uns nur den Weg auf, den wir weiterhin gehen müssen: Die Natur dabei zu unterstützen, ihre Produktivität pro Hektar, gleich in welcher Kategorie, zu steigern. Oder, anders gedacht: Mit immer weniger natürlichen Ressourcen immer mehr erreichen. Dann muß uns vor dem Weltuntergang nicht bange sein, denn wir verschieben den Zeitpunkt, zu dem wir die Biokapazität überdehnen, immer weiter in die Zukunft.

Aber wie gelangen nun die Ökologisten zu dem Statement, dieser Zeitpunkt wäre bereits in den 1980er Jahren erreicht gewesen und heute würden wir eben 1,3 Erden plündern? Durch einen einfachen esoterischen Trick. Man vermischt Quellen (das eigentliche Konzept des Fußabdruckes) mit Senken und definiert letztere in „fehlende Quellen“ um. Man addiert, im Klartext, den Kohlendioxid-Ausstoß der Menschheit hinzu und definiert als „globalen Hektar“ diejenige Waldfläche, die man zur Bindung dieses Gases aus der Atmosphäre pflanzen müßte (Abbildung 2).

Bild 2: Der ökologische Fußabdruck, wie ihn die Ökologisten sehen...

Und das ist irrational konstruiert. Ja, wir entnehmen der Natur Fläche. Indem wir sie bebauen, in Acker- oder Weideland umwandeln. Aber wir entnehmen der Natur genau nicht die Fläche, die man für das Binden des Kohlendioxids durch Wälder benötigen würde. Nein, wir belassen dieses Gas einfach in der Atmosphäre. Warum auch nicht? Es gibt keinen Grund für die Annahme, bei einer Konzentration von ca. 280 ppm („vorindustriell“) wäre die Bioproduktivität besser gewesen als heute (ca. 385 ppm). Mit großer Sicherheit ist das Gegenteil der Fall.

Natürlich, man kann auch Umweltgifte in das Kalkül einbeziehen und sich Gedanken darüber machen, welche Menge an diesen Stoffen die Natur aufnehmen und verarbeiten kann, ohne an Biokapazität zu verlieren. Aber Kohlendioxid ist kein solches Gift. Es ist Nahrung, Rohstoff, Dünger – ganz, wie man es betrachten will.

Sicher, man kann die Angst vor der kommenden Klimakatastrophe geltend machen. Und die Befürchtung, dadurch würde die Biokapazität der Natur in Mitleidenschaft gezogen. Erstens: Wenn ich das richtig verstanden habe, besteht das Gefahrenpotential der Klimakatastrophe eher im großflächigen Aussterben der Menschheit (und damit ginge der ökologische Fußabdruck auf einen Wert sehr nahe an Null zurück). Zweitens:  Der bisherige Anstieg der Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre hat die Klimakatastrophe genau nicht hervorgerufen. Es kann also auch nicht als eine Schuld des Menschen gegenüber den natürlichen Aufnahmefähigkeiten gewertet werden. Selbst wenn man den ökologischen Fußabdruck und die Klimakatastrophe ernst nimmt, dürfte der Kohlendioxid-Ausstoß erst ab dem Grenzwert der Atmosphärenkonzentration gewertet werden, ab dem irreversibler Schaden an der natürlichen Produktivität entstehen würde. Und wo ist diese Grenze? In der Annahme, jedes Teilchen mehr als „280“ pro Million Luftmoleküle wäre gefährlich, steckt der eigentliche Mythos des ökologischen Fußabdruckes.

Angst als regionaler Marketingfaktor

Abbildung 3 zeigt, wie der ökologische Fußabdruck in der Regel präsentiert wird. Nämlich nur als Summe über alles – ohne weitere Erläuterung.  So hat auch Dennis Meadows seine Präsentation bei der Siemens-Veranstaltung in Berlin begonnen. Und damit die Basis für die weiteren Debatten und Vorträge des Tages gelegt.

Bild 3: Und mit diesem Bild wird in der Regel gearbeitet...

Deutschland, so konnte man dabei lernen, ist ein Land der Angst. Angst vor der künftigen Entwicklung des Klimas, vor dem demographischen Wandel, vor den Folgen von Verstädterung und Landflucht. In Deutschland muß man als Unternehmen, auch gegenüber einer kritischen und informierten Zielgruppe, diese Furcht vor Veränderungen thematisieren und sich als Beschützer für die Zukunft anbieten. Auf dieser Basis kann man hier erfolgreich Marketing betreiben.

Der ökologische Fußabdruck eignet sich offenbar besonders, um Angst (und Schuld) zu transportieren. Dabei ist er bei näherem Hinsehen genau für das Gegenteil gut. In Wahrheit zeigt der ökologische Fußabdruck, wie erfolgreich die Menschheit in den vergangenen Jahrzehnten mit dem globalen Bevölkerungswachstum umgegangen ist. Es können heute mehr als doppelt so viele Menschen ernährt und versorgt werden, wie noch in den 1960er Jahren. Eben ohne die natürliche Bioproduktivität zu überfordern. Der ökologische Fußabdruck zeigt keine Grenzen. Er zeigt Möglichkeiten.

China, so kann man vermuten, ist kein Land der Angst. Sondern eines des Aufbruches und der Hoffnung. Die Einladung für den zweiten Siemens-Zukunftsdialog liegt auf meinem Schreibtisch. Dieser findet im September in Peking statt. Und die Marketing-Strategen von Siemens haben das Programm für diese Region entsprechend angepaßt: Kernenergie, Nanotechnologie, Bio- und Gentechnologie werden zentrale Themen sein. In China zeigt sich Siemens nicht als Nachtwächter einer dunklen Zukunft. Hier geht es allein um den Wunsch nach mehr Energie. Für alle, zu jedem Zeitpunkt und überall.

In Deutschland dürfen die Pessimisten auf das Podium, die Warner und Mahner. In China dagegen die Optimisten, die Macher, die Visionäre. In China wird man nicht über 1,3 Erden fabulieren. Sondern über Gigawatt. In Deutschland wirbt Siemens mit Problemen. In China mit Lösungen.

Es gibt noch mehr Argumente, die gegen Konzept, Verwendung und Instrumentalisierung des „ökologischen Fußabdruckes“ angeführt werden können. Thilo Spahl hat in der aktuellen Novo (Nr. 107) eine entsprechende Analyse veröffentlicht. Sein Text ist auch online verfügbar (Lesetip!). Obiger Artikel sollte als Ergänzung zu und Unterstützung für Spahls Argumentation aufgefaßt werden.

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4 Kommentare
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  1. Danke, Herr Heller, für die weitere Entzauberung eines ökologistischen Mythos.

    Aber Eins will mir partout nicht in den Kopf hinein. Wieso rennen in einem hochgebildeten Land, wie Deutschland, ganze Heerscharen seit Jahrzehnten den Meadows hinterher? Ist der Stolz auf die eigenen Leistungen in Scham für den erreichten Wohlstand umgeschlagen oder hat die linke These, daß großer Wohlstand nur durch Ausbeutung erreichbar ist die Oberhand im ideologischen Gefüge gewonnen?

    Wo ist denn eigentlich das „immer schlechter“? Ist es Einigen nur unbequem und fühlen sie sich vielleicht überfordert den Fortschritt zu wollen und zu meistern oder hat man einfach nur Angst ideologische Dogmen über Bord werfen zu müssen?Leider fürchte ich das Letzere.
    Warum soll denn Nachhaltigkeit stets nur auf Enthaltsamkeit gegründet sein? Warum darf denn Nachhaltigkeit nicht bedeuten die Welt immer mit neuen und besseren Möglichkeiten zu hinterlassen? Wird Dies denn nicht schon praktiziert, obwohl ständig das Gegenteil behauptet wird?

    Ich glaube, es ist eher ein misanthropisches Weltbild, das den menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten eine Grenze auferlegen will, weil Fortschritt stets auch Freiheit gebiert.

  2. Lieber Bibliothekar,

    ich glaube, Misanthropen waren bei dem Siemens-Event eher in der Minderheit. Letztendlich handelte es sich hier um eine Klientel, die sich bei Schreckensszenarien immer auch deswegen wohlfühlt und einbringt, weil diese Geschäfte ermöglichen.

    Ich beobachte aber auch eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft. Nicht in „Arm“ und „Reich“, nicht in „Migranten“ und „Deutsche“, nicht in „Bürgerliche“ und „Hartz IV“. Hier mag überall sozialer Sprengstoff stecken -- aber was uns in Wahrheit auseinanderreißt, ist der unterschiedliche Umgang mit Risiken.

    Die „Risikovermeider“ tragen natürlich misanthropische Züge, aber diese sind erstens nicht ihr Ausgangspunkt und sie sind sich zweitens dessen oft nicht bewußt. Ich arbeite an einem Text hierzu, deswegen will ich dabei einmal belassen. Dauert noch ein bißchen…

  3. @Bibliothekar
    die Frage ist knifflig, aber die Antwort ist einfach: Die Deutschen haben ihre Religion verloren. Sie glauben nicht mehr an Gott -- und darum fallen Sie geistig rasant ab. Es kommt ihnen vielleicht schräg vor wovon ich rede und was das mit dem ganzen zu tun hat -- aber der Ökologismus ist ein Kult, eine Primitive Form der Religion.

    In Deutschland wirken zwei Faktoren sehr stark: hohe Bildung und hohe Durchschnittsintelligenz. Salopp gesagt: Je klüger, desto eher merkt ein Mensch wie (scheinbar) sinnlos alles ist und das man am Ende sterben wird. Marx und Nietzsche waren da Vorreiter. Man wird verrückt weil der natürliche Überlebenstrieb dank Erkentnissfähigkeit mit dem Tod konfrontiert ist, aber der Flucht- oder Verteidigungsreflex nichts am Sachverhalt ändert. Daher auch die hohen Depressionsraten. Je höher die Intelligenz, destö stärker wirkt dieser „Selbstzerstöungsmechanismus“. Und desto höherrangiger sind die Menschen, welche am eindeutigsten dem Gefühl Worte geben können -- Untergangspropheten.

    Zusammen mit dem verlorenen Krieg und dem Selbsthass der Deutschen -- voila!

    Unsere gesamte Zivilisation wurde mit und durch Christen aufgebaut. Jemand der nur sinnliche Gelüste erfüllen will, baut keine Bibliotheken. Am Verhalten und Denken der alten Griechen und Römer kann man diesen Sachverhalt nachvollziehen -- man schaue sich Marc Aurels (Römischer Kaiser) Buch „Wege zu sich selbst“ an und wie depressiv es ist. Wer wollte dem schon folgen -- also ging man in die Bordelle, feierte Fressorgien und so weiter.

    Aber es ist zu komplex all das zu beschreiben, dazu braucht es Bücher. Einfacher ist es einen gegenteiligen Lebensentwurf zu leben und ein Vorbild zu sein. Zeigen dass es anders geht. Genau dass ist während der Christianisierung geschehen. „Schaut her wie sie sich lieben“ war ein Vorwurf.^^

    Gott sei dank,

    Templarii -- recognoscere.wordpress.com

  4. @Templer,

    wer nicht mehr an Gott glaubt, glaubt an alles mögliche? Die Erklärung hat was für sich, aber es gibt auch unter uns Zukunftsoptimisten einige, die sich als Agnostiker oder Atheisten begreifen -- ich meine, Herr Heller gehört zu den letzteren. Den Glauben an Kernkraft und fliegende Autos würde ich nun nicht gerade zur „Ersatzreligion“ verklären -- es fehlt der überemprische Akteur, der Wohlverhalten belohnt und Sünden bestraft. Bei den Ökologisten ist es „die Natur“, „die Erde“ oder teilweise sogar „Gaia“, die der Menschheit insgesamt eine Kollektivstrafe für ihr lasterhaftes Luxusleben androht…

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