Relativ gedacht ist absolut daneben…

28. Mai 2011 | Von | Kategorie: "Erneuerbare Energien", Artikel, Blog, Energieerzeugung, Erdgas, Erdöl, Kernenergie, Kohle, Politik

Die Siemens-Postille „Pictures of the Future“ schaue ich immer wieder gerne durch. Weil der krampfhafte Versuch, über das nicht zu berichten, mit dem man wirklich Geld verdient, mittlerweile absurd-komische Züge annimmt. Auf der Hannover-Messe ist man wenigstens ehrlich und zeigt die Anlagen- und Kraftwerkstechnik für den konventionellen Bereich, sprich vor allem für die Gewinnung und Nutzung fossiler und sonstiger mineralischer Ressourcen aller Art. In „Pictures of the Future“ dagegen ist alles nur noch Öko. In den kommenden 30 Jahren, so die Botschaft, schafft sich Siemens einfach ab. Die PR-Abteilung würde natürlich sagen „Wir erfinden uns immer neu!“. Tja, wenn PR-Leute etwas erfinden, ist es eben meistens unbelastet von jeglichem Bezug zur Realität.

An der aktuellen Ausgabe hat mich zumindest eines positiv überrascht: Die Ausrufung des „Stromzeitalters“. Klar ist das im Sinne des Konzerns, denn viele Komponenten für die Regelung und Verteilung von Elektrizität sind unabhängig von der Art der Stromerzeugung. Aber angesichts der gegenwärtigen Debatten um die „Energiewende“ verwundert es dann doch, wenn endlich einmal aus der Wirtschaft offen und deutlich die Aussage getroffen wird, daß wir in Zukunft einen höheren Elektrizitätsbedarf haben könnten, und nicht etwa sicher von einem sinkenden auszugehen ist. Siemens benennt drei wesentliche Argumente:

  • Effizienzsteigerungen im produzierenden Gewerbe sind fast immer auf den verstärkten Einsatz elektrischer Systeme (Roboter, Laser, Steuer- und Regelungstechnik, Mikrowellen, u.v.m.) zurückzuführen.
  • Unsere Umwelt „intelligent“ und „kommunizierend“ zu gestalten, das „Smarte Haus“ ebenso wie das „Kooperative Verkehrssystem“, das „Internet der Dinge“ ebenso wie das „Ambient Assisted Living“ wird den Strombedarf deutlich erhöhen.
  • Eine zunehmende Elektrifizierung von Fahrzeugen aller Art sollte ebenfalls in Rechnung gestellt werden, es ist zwar mitunter dämlich, aber immerhin erklärtes politisches Ziel.

In allen drei Punkten gebe ich der Siemens-PR unumwunden recht. Ich habe ja nun hier in gleicher Weise argumentiert. Aber leider verschweigt man auch in dieser Postille wieder einen entscheidenden Punkt für die aktuelle Diskussion: Keines der Konzepte, nach dem die „Energiewende“ möglich erscheint, funktioniert bei einem steigenden Strombedarf. Alle Ideen, auch das alte Konzept der Bundesregierung, und es wird bei dem neuen nicht anders sein, beinhalten als notwendige Bedingung eine sinkende Nachfrage in Deutschland.

Siemens auf der HMI: Klare Botschaft...

Siemens sieht sich durch die aktuellen Szenarien der Internationalen Energie Agentur IEA bestätigt. Zitiert wird die neue Projektion 2035e mit einem Anstieg des Primärenergieumsatzes bis 2035 von 36%. Und einem Anstieg der Stromproduktion gar um 70%.   

Natürlich muß man sich immer wieder verdeutlichen, wie denn solche Aussagen zu werten sind, denn es handelt sich um modellbasierte Szenarien, keinesfalls um Prognosen. Eine denkbare Entwicklung ökonomischer und sozialer Faktoren wird verwendet, um hochgerechnet eine Aussage der Form „das Eintreten dieser Zukunft ist nicht auszuschließen“ zu gewinnen. Die Zukunft kann man nicht vorhersehen, aber die IEA empfiehlt der Politik, neben allen anderen auch die  Möglichkeit steigenden Strombedarfs in ihren Überlegungen zu berücksichtigen. Eine Aussage über die Wahrscheinlichkeit des Eintretens oder gar eine in der Form „genau so wird es kommen“ ist in Szenarien prinzipiell nicht enthalten. „Es kann so kommen“ ist die einzige Botschaft.

Die IEA geht noch weiter und gibt der Politik Hinweise, wie man dem steigenden Bedarf begegnen kann. Dazu werden weitere Szenarien aufgestellt, die die mögliche technische Entwicklung des Kraftwerkparks in Abhängigkeit bestimmter politischer Strategien aufzeigen. Die Projektion „2035e“, die Siemens so gefällt, ist nun eine, in der die Energiewende hin zu den NIEs durch entsprechende Subventionen massiv forciert wird.

Dann, so die Aussage der IEA, würde der Anteil von Öl, Kohle und Gas an der Elektrizitätsproduktion weltweit von heute 67%  auf nur mehr 55% sinken.

Und genau an dieser Stelle bejubeln die Siemens-PR-Strategen die Dekarbonisierung. Heissa, wir subventionieren die NIEs und schon sinkt der Kohlendioxid-Ausstoß. Sagt ja auch die IEA.

Tja nun, das sagt sie eben nicht. Eigentlich sagt sie genau das Gegenteil. Sorry, liebe simensianische Kommunikatoren, 55% von 170 sind eben deutlich mehr als 67% von 100. Eine beliebte Form von Desinformation, die leider nur zu oft ihr Ziel erreicht: Relative Bewertungen sind absolut betrachtet eigentlich immer falsch. Tatsächlich ist das Resultat: Selbst wenn man die NIEs politisch erzwingt, um den möglichen Strombedarf von 2035 zu decken, müsse man die Verstromung von Kohle, Öl und Gas um 40% steigern. Wenn das Dekarbonisierung ist, werde ich Klimaschützer…

Und was sagt die IEA zur Kernenergie? Im Szenario 2035e ist deren Anteil gleich dem heutigen, 14% global gesehen. Also ist ein Ausbau um 70% erforderlich. Darauf geht Siemens natürlich nicht weiter ein. Aber die G7 wissen es. Wie Angela Merkel als achte Teilnehmerin am Katzentisch beim jüngsten Gipfel in Deauville schmerzhaft erfahren mußte. Einmal mehr folgt die Welt nicht Deutschland. Niemand schaltet ab. Viele bauen neu. Und die Chinesen freuen sich schon auf einige tausend deutsche Ingenieure, die dabei helfen. Hätte ich doch Reaktortechnik studiert, ich könnte jetzt richtig Geld scheffeln.

relative Interpretationen sind absolut falsch...

Natürlich, das IEA-Szenario bezieht sich auf die ganze Welt und beinhaltet nicht nur die oben genannten Faktoren des technischen Fortschritts, sondern auch die Aufholjagd der Schwellenländer. Die Berechnungen verbergen sich noch hinter einer Paywall, daher kann ich sie im Detail nicht einsehen. Aber das Vorgängerszenario (bis 2030) ist auf den IEA-Webseiten frei verfügbar. Und dieses projizierte eben auch einen steigenden Strombedarf in der EU. Von etwa einem Prozent pro Jahr, das macht hochgerechnet bis 2035 satte 28%. Die neuen Kalkulation werden nicht wesentlich davon abweichen.

Siemens freut sich darüber. Regierung, Opposition und Medien ignorieren es. Verantwortung wahrzunehmen bedeutet aber, sich auf alle möglichen Zukünfte einzustellen. Und wenn der Strombedarf weltweit in diesem Ausmaß steigt, wird jedes Land genug damit zu tun haben, seine eigene Bevölkerung zu versorgen. Auf die Möglichkeit von Importen dürfen wir dann nicht setzen. Und daran scheitert die „Energiewende“ eben schon jetzt.

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3 Kommentare
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  1. Sehr geehrter Herr Heller,

    was die globale Entwicklung betrifft, so haben Sie gewiss recht. In Deutschland allerdings könnte es tatsächlich zu einer erheblichen Verringerung der Stromnachfrage kommen. Der Grund ist, dass wegen der deutschen Energiepolitik der Exodus der Industrie bereits begonnen hat und sich vermutlich wohl noch beschleunigen wird.

    Die Deindustrialisierung Deutschlands ist ja längst im Gange. Nur ein paar Beispiele: Die Aluminiumhütte in Neuss ist stillgelegt. Thyssen-Krupp baut neue Stahlwerke in Brasilien und den USA, gewiss nicht in Deutschland. Seine Edelstahlsparte will das Unternehmen abstoßen. Da sich so schnell kein Käufer finden dürfte, der die Produktion weiterführt -- dafür sind die Energiekosten bereits heute zu hoch -- wird es wohl, so vermute ich, auf den Verkauf an einen Finanzinvestor mit anschließender Abwicklung hinauslaufen. Weiter: Die Raffinerie in Wilhelmshaven wird stillgelegt. RWE beteiligt sich an einem Kernkraftwerk in den Niederlanden. Ganz gewiss werden sich andere Unternehmen diesem begonnenen Exodus anschließen. Wenn erst nach Auslaufen des Atommoratoriums klar wird, dass die Politik endgültig an ihrem energiepolitischen Crashkurs festhält, dürfte sich dieser Exodus lawinenartig verstärken.

    Da vor allem große Stromverbraucher Deutschland den Rücken kehren und weiter den Rücken kehren werden, könnte es gut sein, dass in 10-15 Jahren tatsächlich in Deutschland weniger Strom benötigt wird. Die Politiker und Unternehmer, die sich heute für den an und für sich vollkommen überflüssigen Ausbau des Stromnetzes und die nicht minder überflüssige milliardenschwere Investition in ganz neue Leitungstrassen stark machen, könnten es dann erleben, dass die industriellen Großverbraucher in Süddeutschland, für die diese Leitungen errichtet werden, den extrem teuern und unzuverlässigen Windstrom aus den Offshore-Anlagen dann nicht mehr abnehmen, weil sie längst nicht mehr da sind. Dann geht das Energiekonzept der Bundesregierung doch noch auf. Ein weitgehend deinustrialisiertes Argrarland kann man mit ein paar Windmühlen, Solardächern und Biogasanlagen und für den Notfall ein paar Gaskraftwerken versorgen.

  2. Passend dazu im Handelsblatt:

    Die Strategie der EU zu Reduktion von Treibhausgasemissionen sieht Voser skeptisch. Die EU könnte ihre Ziele zu einem wesentlich geringeren Preis erreichen, sagte er. Bis 2030 ließen sich bis zu 500 Milliarden Euro einsparen, wenn man verstärkt auf Gas setzt, etwa für den Ersatz von Kohle und indem man neuen Technologien mehr Zeit zur Reife gewährt. Die Photovoltaik etwa brauche möglicherweise noch zehn bis 15 Jahre. „Ich halte auch die Offshore-Windkraft für noch nicht ausgereift und für zu teuer.“

  3. Auch eine andere Brochüre macht sich Gedanken darüber, dass wir ja auch in Zukunft noch kontinuierlich Strom brauchen werden. Bis 2050 müssen wir die Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien spätestens haben, schreibt Dirk Becker (stellvertretender energiepolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion). Wie das gehen soll. stellt er in einer Beilage Alternative Energien im neuesten Vorwärts folgendermassen dar:

    Weht beispielsweise der Wind besonders stark, wird der so erzeugte Strom direkt in das Netz eingespeist und eine angeschlossene Biogasanlage speichert ihre Energie in einer Gas-Blase. Herrscht Flaute, wandelt die Biogasanlage das zuvor gespeicherte Gas in Strom um und speist diesen ein. So erzeugen wir kontinuierlich Strom, und fossile Kraftwerke werden schliesslich überflüssig.

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