Schellnhuber und die Demokratie

17. August 2010 | Von | Kategorie: Artikel, Blog, Klimawandel, Medien, Ökologismus, Politik, Profiteure, Wissenschaft

Der Wolf hat nicht nur Kreide gefressen. Er erscheint tatsächlich auch in Verkleidung der gütigen und weisen alten Großmutter.

Hans-Joachim Schellnhuber, seines Zeichens Leiter des „Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung PIK“ und als Vorsitzender des „Wissenschaftlichen Beirates Globale Umweltveränderungen (WBGU)“ Berater der Bundesregierung in Klimafragen, ist jedenfalls bislang nicht gerade für ausgewogene, nachdenkliche und zurückhaltende Äußerungen bekannt. Um so bemerkenswerter, welche Veränderungen in seiner Kommunikationsstrategie das aktuelle Interview im Spiegel (Print-Ausgabe 33/2010) dokumentiert.

Oh nein, unter die Skeptiker ist er wirklich nicht gegangen. Aber ein arg verklausuliertes Gesprächsangebot an unsere Seite macht er doch. Er ließe sich gerne durch neue Studien korrigieren, selbst, wenn dies eine „intellektuelle Niederlage“ darstelle. Würde sich eine Erwärmung von 5 Grad oder mehr als beherrschbar herausstellen, würde er sich sogar freuen, sagt er.

In letzter Zeit häuft sich das Schwenken der weißen Fahne. Auch wenn es noch nicht das Eingeständnis einer Niederlage ist, so doch zumindest das Angebot zu Verhandlungen.

  • So sagt Hans von Storch in einem Interview mit der Zeit:

Wir müssen die Herausforderung durch die Skeptiker annehmen und in die Auseinandersetzung mit ihnen einsteigen, um sie zu gewinnen. Viele Physiker, Chemiker, Ingenieure oder Geologen haben offene Fragen zum Klimawandel, die sie noch nicht beantwortet sehen. Hier ist ein erhebliches und sehr berechtigtes Fragepotenzial vorhanden, auf das leider zu selten eingegangen wird. Stattdessen werden sie teilweise als Skeptiker beschimpft, was sie verärgert. Dadurch bauen wir kein Vertrauen auf. Wir müssen zu einer anständigen Gesprächskultur zurückkommen.

  • Das niederländische Rathenau-Institut schreibt in einer aktuellen Analyse sinngemäß, man müsse die Klimaskeptiker in den IPCC-Prozeß und in die Gestaltung von Klimapolitik einbinden. Dies könne einen „Selbstreinigungsprozeß“ innerhalb der skeptischen Szene auslösen und helfen, gute Argumente und nützliche Konzepte herauszuarbeiten.
  • Jonathan Foley, Direktor des Umweltinstituts an der Universität von Minnesota, forderte auf einer Veranstaltung, Klimaschutz im Rahmen einer Politik, die den Menschen unmittelbaren Nutzen bringt und ihre wirklichen Probleme anspricht, eher als Nebeneffekt zu versuchen. Was wesentlichen Aussagen im Hartwell-Papier entspricht.

Und jetzt also Schellnhuber. Die Kritik, Klimaforscher hätten zu intensiv mit Katastrophenszenarien gearbeitet, akzeptiert er. Auch erkennt er an: Katastrophen, wie sie derzeit in Rußland oder Pakistan geschehen, sind Folge eines niedrigen Schutzniveaus und miesen Managements. Oha! Setzt sich tatsächlich langsam die Erkenntnis durch, schlechtem Wetter idealerweise durch Anpassung begegnen zu können? Schellnhuber greift sogar die andere Seite auf und spricht offen über mögliche Vorteile einer wärmeren Welt, über Profiteure des Klimawandels.

Das „Zwei-Grad-Ziel“? Ach, der arme Mann war ein Getriebener der Ansprüche von Politikern, die ein einfach zu kommunizierendes, simplifiziertes Ziel eingefordert haben sollen. Nach seiner Meinung könnte „man vielleicht auch mit einer Erwärmung zwischen 2 und 3 Grad leben“.

Und die revolutionären, geradezu ketzerischen, ja im Kern skeptischen Ansichten nehmen scheinbar kein Ende. Fehler im IPCC-Bericht? Wörtlich: „Wir haben einen Tritt in den Hintern bekommen, der wahrscheinlich ganz heilsam war.“ Und er ist tatsächlich bereit, deswegen einer alten Skeptikerforderung nachzukommen. Das IPCC solle jedenfalls nach seiner Auffassung den „allumfassenden Anspruch zu allen Klimafragen summarische Antworten zu liefern“ aufgeben. Und stattdessen „gelegentlich gar nichts sagen“.

Ja, das wäre wohltuend.

Und es wäre noch viel wohltuender, wenn er selbst damit beginnen könnte. Durch Geoengineering eine Abkühlung bis in Temperaturbereiche der Jungsteinzeit vorzunehmen, wäre seiner Meinung nach sinnvoll. Geschmackssache, keine Frage. Alles, was ich auf die Schnelle finden konnte, sagt mir allerdings: Keinesfalls waren die Temperaturen in der Zeit zwischen 10.000 und 5.000 v.Chr. niedriger als heute. Eher vergleichbar hoch, so jedenfalls zeigt es das Diagramm aus der Wikipedia.

Wenn Schellnhuber derlei Phantasien mit der Forderung nach mehr Geld für seine Disziplin verbindet (die „Klimafolgenforschung“, nicht die „Klimaforschung“, er macht hier eine interessante Unterscheidung), so könnte man darüber noch lächelnd hinwegsehen. Großmutter wird halt alt und wunderlich. Aber wenn er dann im letzten Abschnitt des Interviews auch noch über die Demokratie sinniert, dann läßt er doch für einen Moment die Maske wieder fallen.

Natürlich könnten nur demokratische Gesellschaften die Herausforderungen in der Klimafrage meistern. Doch Vorsicht, Schellnhubers Begriff von Demokratie ist nicht der, den die weitaus meisten Menschen teilen. Er fordert vielmehr eine „innovative Weiterentwicklung“. „Zehn Prozent aller Parlamentssitze“ sollen in dieser Vorstellung an „Ombudsleute“ vergeben werden, die „ausschließlich die Interessen zukünftiger Generationen vertreten“.

Welchen Politikunterricht hat Schellnhuber eigentlich genossen? Eine kleine Nachhilfe meinerseits: Demokratie ist, wenn alle Sitze in allen Parlamenten (also in der Legislative) durch freie, geheime und gleiche Wahl vergeben werden. Und die Parlamentarier dementsprechend ihren Wählern verantwortlich sind und diesen Rede und Antwort stehen müssen. Eine „90%-Demokratie“ kann es nicht geben. Es kann auch keine Demokratie geben, in der die Interessen von Wählern vertreten werden, die noch gar nicht existieren. Und die dementsprechend auch gar nicht äußern können, was sie denn wollen. Eine Demokratie, in der diese Interessen antizipiert und vorweggenommen werden, in der also die Freiheit künftiger Generationen eingeschränkt wird, ihre Welt selbst zu gestalten, ist keine solche.

Sondern eine Diktatur. Schellnhuber akzeptiert „quälende Entscheidungsprozesse“ in unserem heutigen Staatswesen also nur, wenn sie sich der Diktatur der Nachhaltigkeit unterwerfen. Freiheit, Recht und Gleichheit sind nachgeordnete Werte in der „90%-Demokratie“, Nachhaltigkeit steht über allem.

Von zu vielen Menschen leider noch unerkannt, reifen auf diese Weise totalitäre Ideen unter der Maske „Klimaschutz“. Am Ende ist es eben doch nicht Großmutter, sondern nur der böse Wolf in Verkleidung.

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8 Kommentare
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  1. Mein Kommentar aus der Klimazwiebel:
    Merkwürdiges Demokratieverständnis. Vielleicht sollten alle mal das Grundgesetz lesen, Spiegel und Prof. Schellnhuber:
    Artikel 38 GG 2. Satz zu den Abgeordneten: Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.
    Der Bundestag ist doch kein Lobbyistenverein, auch nicht für zukünftige Generationen.
    Ich denke mal wir können das ganz gut an der DDR studieren. Dort wurden angeblich die Interessen der Arbeiter und Bauern vertreten. Das scheint mir so ähnlich zu sein wie: „Das Interesse zukünftiger Generationen“. Interessant, dass immer wieder diese Bauernfängertricks probiert werden.
    Wer definiert denn das Interesse zukünftiger Generationen und wie wird das demokratisch kontrolliert.
    Wer widerlegt den folgenden Satz: Es ist im Interesse zukünftiger Generation billige Energie zur Verfügung zu haben, um den Wohlstand der zukünftigen Generationen zu steigern, ihre Gesundheit zu verbessern und Sie vor extremen Wetterereignissen zu schützen, auch wenn das bedeutet, dass Erdgas verbrannt wird bis die Atomenergie die Versorgung überwiegend sichert.
    Schließlich hätten wir ohne fossile Energiequellen das Bevölkerungswachstum im 20. Jahrhundert nicht gehabt.
    Kein Mensch kann in die Zukunft schauen. Wer das behauptet überschätzt sich oder ist ein Scharlatan.
    Mit freundlichen Grüßen
    Günter Heß

  2. Alles Blödsinn,
    die „Klimafrage“ kann nur eine Diktatur lösen, also marsch!
    Die Frage nach dem, was zukünftige Generationen wollen, will jeder beantworten und dabei seine scheiß Ideologie unterbringen. Was sie sicher nicht wollen ist, eine Sklaverei zu erben, in eine unfreie Gesellschaft geboren zu werden. Und selbst das ist nicht sicher. Sind Ameisen unglücklich?

    Wie wäre es mit der Herangehensweise, erstmal den Einfluß des CO2 nachzuweisen, statt ihn nur zu behaupten?

    Carsten

    http://farm2.static.flickr.com/1262/585756335_610a59f94c.jpg?v=0

  3. Carl Christian von Weizsäcker zum Spannungsverhältnis zwischen Demokratie und Nachhaltigkeit:

    Es widerspräche dem Gedanken der Volkssouveränität, angewendet auf künftige
    Generationen, wenn die gegenwärtige Generation ihren Nachfolgern vorschreiben würde,
    welche Klimapolitik sie zu betreiben haben. Dies wäre, wenn es denn überhaupt gelänge, eine
    Usurpation von Entscheidungsrechten der Nachfolger durch die heutigen Entscheidungsträger.
    Eine Politik der Nachhaltigkeit, die künftige Generationen bindet, widerspricht somit dem
    Demokratieprinzip.

  4. http://www.coll.mpg.de/download/weizsaecker/CCvW_Nachhaltigkeit.pdf

  5. Was für nachfolgende Generationen?

    Die dies am lautesten fordern haben meist keine Kinder oder machen den kinderreichen Familien das Leben per Gesetzgebung zur Hölle.

    In einem Lande, wo man Kindergärten wegen Kinderlärm verklagen kann und auch noch mit seiner Klage durch kommt ,sollte wahrlich nicht so auf den Pansen hauen.
    Eine Generation die lieber Krötentunnel baut als hungernden Kindern in der 3. Welt eine bessere Perspektive zu bieten sollte bitte nicht vom Schutz „zukünftigen Generationen“ labern, nur um sich heute etwas das schlechte Gewissen zu erleichtern

    Diese ganze Diskussion ist an Verlogenheit nicht mehr zu überbieten, während man ernsthaft darüber nachdenkt Hartz 4 Kindern eine Chipkarte zu verpassen will man erst den Enkeln eventuell eine irgendwie geartete bessere Erde übergeben.

    DDR 2.0 ist mit mir nicht zu machen lieber Herr Schellnhuber, nach 2 Diktaturen haben die Deutschen die Nase gestrichen voll von „Weltenrettern“ mit akademischen Firlefanzgedankengut, lasst uns endlich in Ruhe mit euerm Schwachsinn, wir wollen einfach nur nach unserem eigenen Prämissen leben.

    PS. Wer heute noch nicht mal in der Lage ist seine Bevölkerung vor einem popeligen Hochwasser zu schützen, dem spreche ich die Fähigkeit ab, ein irgendwie geartetes Klima für die nächsten 100 Jahre schützen zu können.

    Ende der Ansage!

    Heinz Eng

  6. Danke für den Hinweis, Herr Mueller. Ein sehr lesenswerter Text.

  7. Der WDR berichtete heute (17.08.) in seiner Regional-TV-Ausgabe aus Dortmund (http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/rueckschau/2010/08/17/lokalzeit_dortmund.xml) über die Städte Witten und Dortmund, die schon jetzt Streusalz horten für den kommenden Winter, nach den Erfahrungen des Winters 2009/2010 und auch davor waren die Winter lang und kalt (mit Ausnahme 2006/2007). In derselben Sendung berichtet der WDR über Kommunen, die die Straßenbeleuchtung ausschalten, weil die zu teuer geworden. „Vergessen“ aber zu sagen, dass die Energiepreise in die Höhe schießen als Folge des mörderischen EEG zur Rettung des sich angeblich durch den Menschen angeblich katastrophal erwärmenden Klimas . Nach Logik fragen die ÖR-Alarmisten schon lange nicht mehr. Brauchen sie auch nicht, denn das dumme Volk nimmt eh jeden medialen Schwachsinn für bare Münze.

  8. Gehen wir doch mal in die Vergangenheit und stellen uns vor, vor 100 Jahren hätte es eine Zukunftskommission nach Schellenhubers Vorstellungen gegeben. Was hätten die wohl empfohlen, oder welche Gesetze hätten die angeregt, welche fiskalischen Entscheidungen wären getätigt worden?

    Die Sektsteuer darf hier mal als Beispiel gelten. Kaiser Willhelm II sah die Zukunft Deutschlands auf dem Meer, die Sektsteuer sollte zur Finanzierung der Kriegsmarine beitragen. In der Zwischenzeit sind die Pötte schon zwei mal abgesoffen, doch die Sektsteuer gibt es immer noch.

    Heute sieht man die Zukunft in „erneuerbaren Energien“. Steuern werden erhoben, Abgaben und Umlagen kreiert um den Weg in diese Zukunft zu ebnen. Dabei wissen wir nicht, welche Chancen und Möglichkeiten zukünftige Generationen haben. Nur, nach allen Erfahrungen mit Entscheidungen aus der Vergangenheit, eins scheint wahrscheinlich, einmal eingeführte Steuern werden nicht mehr abgeschafft.

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