Vom Vorurteil der Überbevölkerung
7. August 2010 | Von Fabian Heinzel | Kategorie: Artikel, Blog, Kommentare, Medien, Ökologismus, Ökologistische Mythen, Politik
Gastbeitrag von Fabian Heinzel, Ökowatch, Freie Welt
„Wenn die Menschheit nicht aufhört, sich auszubreiten, so steht ihr ein vorzeitiger Untergang bevor. Hungersnöte, Epidemien und Seuchen werden sie heimsuchen.“
Um das Jahr 1790 herum warnte der britische Ökonom Thomas Malthus mit diesen drastischen Worten vor den Gefahren der Überbevölkerung. Zu diesem Zeitpunkt hatte der gesamte Planet ca. 980 Millionen Einwohner. Diese Zahl hat sich bis heute nahezu versiebenfacht. Und obwohl es immer noch Hunger und Armut in vielen Ländern der Erde gibt, haben sich der Lebensstandard und die Lebenserwartung in den letzten zwei Jahrhunderten überall auf der Welt deutlich erhöht.
In China leben im Jahre 2010 beispielsweise mehr Menschen als zu Malthus’ Lebzeiten in allen Ländern der Erde zusammen. Dennoch leben sie weit besser als in den 1790er Jahren. Die deutlichste Veränderung der Lebensumstände hat dabei erst im 20. Jahrhundert stattgefunden. 1949 betrug die Bevölkerungszahl in China 540 Millionen, die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei 36,5 Jahren. Heute beträgt die Bevölkerungszahl 1,3 Milliarden – die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 73,4 Jahren.
Die Annahme, dass Überbevölkerung der Menschheit zahlreiche Probleme beschere, basiert nicht auf Fakten, stellt Brendan O ‘Neill in der britischen Internetzeitschrift Spiked klar. Den Ansatz der Studie zur Weltbevölkerung, die die Royal Society of London innerhalb der nächsten zwei Jahre erstellen will, betrachtet er daher mit Skepsis. Denn das Ergebnis scheint schon vorher festzustehen: Es gibt zu viele Menschen, die Überbevölkerung ist verantwortlich für zahlreiche Umwelt- und Armutsprobleme.
Die Daten sprechen jedoch eine andere Sprache. Die Menschheit hat in den letzten 200 Jahren mehr Fortschritte hinsichtlich ihres Lebensstandards gemacht als in den 20.000 davor – allen Bevölkerungsexplosionen zum Trotz. Oder vielleicht gerade wegen dieser Explosionen. Denn der Austausch von immer mehr Ideen dürfte dabei eine entscheidende Rolle gespielt haben.
Anmerkung: Unser neuer Gastautor Fabian Heinzel ist Diplom-Umweltwissenschaftler und freier Journalist (“Die Welt”, “Westfälische Rundschau”). Er ist einer der Köpfe hinter den Portalen “Freie Welt” und “Ökowatch”. Sein Beitrag ist dementsprechend auch dort erschienen (Ökowatch, Freie Welt). Wie vielleicht schon einige Leser gemerkt haben, kooperiert Science Skeptical seit einigen Wochen mit diesen Webmedien. Wir werden dies durch gegenseitige Artikelübernahme auch weiterhin fortsetzen.
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Es gibt sie schon, die mahnenden Stimmen, die vor dem Bevölkerungsrückgang warnen. In 10 spätestens 20 Jahren, wenn es kaum noch Länder mit positiver Bevölkerungsentwicklung gibt, werden wir nichts mehr von den Gefahren der “Bevölkerungsexplosion” hören. Im Gegenteil, die wahre Katastrophe wird dann der Bevölkerungsrückgang sein und die Auswirkungen wie Mangel, Armut, Hunger, Ungleichheit, usw. werden denen der “Bevölkerungsexplosion” in nichts nachstehen. Man wird dann erkannt haben, dass man Menschen braucht, um Produkte herzustellen. Das es Menschen sind, die Rohstoffe fördern und verarbeiten, um den Reichtum zu erzeugen, in dem wir und immer mehr Menschen, heute leben.
So wird es passieren, dass wenn die heute so allseits gefürchtet “Bevölkerungsexplosion” sich ins Gegenteil verkehrt, wir nicht plötzlich weniger, sonder vermutlich noch mehr echte und vermeintliche Probleme haben werden. Jedenfalls werden uns die Katastrophenszenarien nicht ausgehen.
Ich denke, Überbevölkerung ist ein relatives Problem, und kein absolutes.
Das antike Rom mit einigen hunderttausend Einwohnern erschien den Zeitgenossen wahrscheinlich ebenso überbevölkert, wie uns heute Mexiko City mit -- je nach Grenzziehung -- 9 bis 20 Mio. Einwohnern.
Man muß also die Bevölkerungsdichte immer in Bezug setzen zum technologischen Entwicklungsstand. Um letzteren zu messen, eignen sich vielleicht Parameter wie die Energieeffizienz (Energieumsatz pro Einheit BIP) oder die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit (BIP pro Einwohner).
Überbevölkerung ist damit schon einmal auf bestimmte Räume und Ballungszentren begrenzt. Und ganz sicher kein globales Phänomen.
Steigerungen der Energieeffizienz und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, ob durch institutionelle Reformen ausgelöst (das antike Rom) oder durch technische Fortschritte (im Verbund mit institutionellen Reformen, industrielle Revolution) waren bislang offensichtlich direkt mit der Bevölkerungszunahme gekoppelt. Ich bin aber nicht ganz so sicher, was hier Henne und was Ei ist. Möglicherweise können wir in einer Welt, in der wesentliche Wertschöpfung durch Maschinen erbracht wird, trotz fallender Bevölkerungszahlen immer weiter wachsen -- mit immer geringeren negativen Folgen…
Hallo,
Ich rate jedem von euch einmal eine Reise per Google Maps über den Globus zu machen. Seht euch z.B. einmal die “unberührte” Wildnis Alaskas an.
Die Rasse Mensch will doch sicherlich noch ein paar Jahrmillionen hier verbringen? M.e. ist die Überbevölkerung das einzige Problem für diesen Planeten.
Ja, ich bin der hartnäckige Klimaskeptiker beim Georg …
MfG
Eddy
Hallo Eddy,
nur leider ist die Bevölkerungsdichte nicht korreliert mit Armut und auch nicht mit dem Zustand der Umwelt.
Allerdings korrelieren Armut und Umweltzerstörung sehr gut.
Warum also soll die Bevölkerungsdichte (was wäre in dem Fall das Kriterium für “zu hoch”?) ein Problem sein? Ist es nicht eher Armut?
@Heller
da es sich um ein med. Thema handelt, würde ich gern etwas ergänzen. Die alleinige Betrachtung der Geburtenrate führt nicht weiter. Eine Kultur/Nation hat dann ein Bevölkerungsproblem, wenn ihre Fruchtbarkeitsrate (= die Anzahl der lebendgeborenen Kinder, die eine Frau hat) unter etwa 2,3 sinkt. Bei 2 Kindern pro Frau bleibt die Familie lediglich auf dem Stand der Vermehrung stehen (weil zwei Kinder beide Eltern ersetzen werden), bei Werten darunter sinkt auf lange Sicht die Gesamtbevölkerung. 2,3 Kinder müssen es sein, weil nicht alle Kinder, die geboren werden, selbst Kinder haben werden (z.B. wegen Homosexualität, Versterben vor eigenem Kinderkriegen, Sterilität, usw.). Sieht man sich die aktuellen Fruchtbarkeitsraten auf diesem Globus an, so liegen für das Jahr 2009 für 244 Länder solche Daten für das Jahr 2009, 2008 und 2007 vor. In 115 dieser Staaten liegt die Fruchtbarkeitsrate bei bis zu 2,30. In 149 der 223 für 2009 und 2008 direkt vergleichbaren Ländern ist die Fruchtbarkeitsrate gesunken, dazu zählen z.B. auch mit Ausnahme Äthiopiens alle anderen arabisch geprägten Staaten und sogar Afghanistan. Was uns epidemiologisch beschäftigen sollte, ist die indische Fruchtbarkeitsrate (2009: 2,72; 2008: 2,81), denn die ist weiterhin hoch, wenn auch langsam abnehmend. Die Chinesen liegen seit längerem bei unter 2,0 (aktuell 1,79), so dass die Chinesen derzeit erheblich überaltern. Summa sumarum. Die Geburtenrate zeigt eher den aktuellen Stand der Dinge, die Fruchtbarkeitsrate hingegen die zukünftige Entwicklung.
Viele Grüße, Upjohn
Klar, Upjohn, da haben Sie völlig Recht.
Ich hatte allerdings über die Bevölkerungsdichte gesprochen, nicht über die Geburtenrate.
Ich denke auch, daß wir uns dem Höhepunkt nähern und ab Mitte des Jahrtausends die Bevölkerungszahlen zurückgehen werden. Nur muß das meiner Meinung nach eben nicht mit Schwierigkeiten verbunden sein, wie greenpies etwas pessimistisch oben anmerkte.
Es ist doch wohl Fakt, dass eine Milliarde Menschen (kurz nach 1800) weniger Umweltbelastung verursachen, als sieben Mal so viele Menschen (etwa 2011). Besonders stark nahm und nimmt die Bevölkerung in Asien und Afrika zu. Diese Kontinente sind bezüglich der Infratruktur im Vergleich zu Nordamerika und Europa wenig erschlossen. Weite Gebiete sind unbewohnbar oder nur dünn besiedelt. In den fruchtbaren Gebieten siedeln hingegen Massen von Menschen. Entsprechend hoch ist dort der Verbrauch von Wasser, die Verbrennung fossiler Brennstoffe zur Energiegewinnung und das Entstehen von riesigen Mengen an Abwässern und Müll aller Art. Eine Entsorgung der Abwässer und des Mülls ist praktisch nicht vorhanden. Die Lebensqualität ist entsprechend gering in diesen Ballungsgebieten. Noch dazu wird die bestehende Natur immer weiter zurückgedrängt, um der wachsenden Bevölkerung weiteren Lebensraum, Anbaugebiete für Nahrungsmittel und Abbaugebiete für die Rohstoffgewinnung zu schaffen. Dazu kommt ein geringer Bildungsgrad der Bevölkerung, woraus sich die grosse Armut vieler Menschen ableiten lässt. Diese können eben nur Rohstoffe oder sehr einfache Produkte herstellen und zu entsprechen geringem Preis verkaufen. Würden weniger Menschen in Asien und Afrika leben so wären diese auch leichter von den Industrienationen mit moderner Technik, Schulausbildung unterstützbar und die Lebensqualität würde zunehmen und die Armut abnehmen. In den sogenannten Industrieländern ist die Versorgung dank moderner Technik, guter Infrastruktur und Schulausbildung auch für grosse Bevölkerungsdichten gesichert ist. Allerdings führt das wieder zu einem extrem hohen Verbrauch an Wasser, Energie und Rohstoffen. Würden in den Industrieländern weniger Menschen leben, würde sich dieser Verbrauch an Ressourcen und die Belastung der Umwelt direkt proportional verringern und die Lebensqualität würde zunehmen.
@realkontrol:
Hätten Sie dafür ein (ggf. historisches) Beispiel?
Auch hierfür wäre ein Beispiel nicht schlecht…
@realkontrol.
Weniger Menschen benötigen in der Regel stets weniger Ressourcen als viele Menschen -- zumal, wenn Sie historisch völlig unterschiedliche Populationen vergleichen. Wenn Sie sich bitte unter Zuhilfenahme der Schlagworte “Fruchtbarkeitsrate” oder “altersstandardisierter Fertilitätsrate” die in China und Indien abnehmende Fruchtbarkeit ansehen (lediglich in muslimischen Staaten ist jene hoch, sinkt aber auch dort langsam ab), dann würden Sie erkennen, dass die Menschheit langfristig abnehmen wird und zwar drastisch. Und das liegt nicht an grünem Getue, sondern am steigenden Wohlstand, medizinischem Fortschritt und sinkender Kindersterblichkeit.
Im übrigen ist der Ressourcenverbrauch eines Europäers derzeit (noch) deutlich höher als jener eines Inders oder Asiaten. Wenn Sie also den globalen Ressourcenverbrauch reduzieren wollten, müssten weniger die Inder/Asiaten sondern Europäer/US-Amerikaner ihre Populationsdichte reduzieren. Und jetzt wirft man einen kleinen simplen Google-Blick in die Fruchtbarkeitsrate, die Geburtenziffer und die Migrationsberichte exakt dieser EU-/US-Gesellschaften und was findet man? Eine deutliche Reduktion der dortigen Bevölkerung trotz Zuwanderung auf lange Sicht. Welch Wunder, wie haben das Problem also schon längst gelöst. Wozu also die alte Panik des Club of Rom zelebrieren, der sowieso nur pseudowissenschaftlichen Bullshit publizierte?
Noch’n kleiner Tipp: wer sich über Bevölkerungsepidemiologie einen taktischen Vorteil in der Klimadiskussion erarbeiten möchte, sollte wissen, dass die Fruchtbarkeitsrate in Deutschland 2,1 betragen müsste, um die Bevölkerung stabil zu halten (derzeit liegt sie bei 1,3). In Ländern mit erheblich höherer Kindersterblichkeit (z.B. Afghanistan mit 15%) muss die Fruchtbarkeitsrate erheblich höher als 2,1 sein, damit die Bevölkerung stabil bleibt. Bei uns beträgt jene Sterblichkeit übrigens nur 4 Promille.
Ansonsten würde ich einen Blick auf den Human Development Index werfen. In den USA liegt er bei 0,956, in der BRD bei 0,947, in China bei 0,772 und in Indien bei 0,612 sowie in Afghanistan bei 0,332. Die Inder und Chinesen werden bei einer Steigerungsrate des Index von 0,008-0,009 Einheiten pro Jahr natürlich blitzartig mit uns gleichziehen und wir werden alle stäääääärbäääään……. endlich mal wieder Weltuntergang. Ist das nicht schön?
Ansonsten kleiner Tipp: mal die deutsch untertitelte Church of Global Warming ansehen unter http://www.climatereview.net.
Meine Bitte an alle Leser: Film (1 GByte) downloaden, auf DVD brennen und mindestens 10 mal in andere Briefkasten werfen. Free Distribution ist nämlich explizit erlaubt.
Lieber Upjohn,
Vielen Dank for mentioning my movie. The forum readers here may be interested to know that I’ve just posted today a version mit deutschen Untertiteln.
Dein,
James (www.climatereview.net)