Warum ist Öko-Strom eigentlich so billig?

16. Juni 2008 | Von | Kategorie: "Erneuerbare Energien", Artikel, Blog, Politik
Was kommt eigentlich aus unserer Steckdose? Photo: BirgitH/via pixelio.de

Was kommt eigentlich aus unserer Steckdose? Photo: BirgitH/via pixelio.de

… Diese Frage beschäftigt mich eigentlich schon seit Monaten. Nach zwei Tagen intensiver Recherche in den unendlichen Weiten des Internets und mit Hilfe von Google Earth habe ich jetzt die Antwort.

Hier erst einmal die Zusammenfassung

Man nehme 67 bis 100 Prozent Wasserkraft aus dem Ausland, gebe den staatlich festgeschriebenen EEG-Anteil von knapp 14 Prozent dazu und würze das Ganze mit KWK-Anlagen, Wind, Bio und Solar und zum Abschluss kommt ein TÜV-Zertifikat für garantierten 100 Prozent Ökostrom als Sahnehäubchen oben drauf. Das Ganze kann man dann zum sensationellen Preis von 19,80 bis 19,99 Cent/kWh an den werten Kunden verkaufen.

Toll, doch wo liegt der Haken, wo wir doch wissen, das Windstrom mit 7,9 Cent und Solar mit 50 Cent in Deutschland vergütet werden?

Im Vergleich dazu haben die nachgenannten Öko-Stromanbieter nur einen Einkaufspreis von rund fünf Cent/kWh.

Nun wollte ich es endlich genauer wissen und habe mir drei Öko-Stromhändler aus der Nähe betrachtet. Dabei handelt es sich um die Unternehmen “Greenpeace Energy“, “Lichtblick” und die “Elektrizitätswerke Schönau“. Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich hier den Internetauftritt von “Greenpeace Energy” besonders lobend erwähnen. Es ist alles da, was man braucht, einschließlich aller Stromerzeuger, Energiemix und Preise. Bei den anderen beiden Anbietern musste ich über “Nebenstraßen ” an die Informationen kommen. Sämtliche verwendeten Links sind im Anschluss dieses Artikels als Anlage noch einmal hinzugefügt.

So, jetzt geht es erst einmal zu den Zahlen und Fakten:

Beginnen möchte ich mit den “Elektrizitätswerken Schönau”. Diese Firma bezieht zu 95 Prozent regenerative Energie, davon sind 80 Prozent Wasserkraft und 15,77 Prozent EEG-Strom. Die restlichen fünf Prozent werden aus KWK- Anlagen bezogen. Die EWS beziehen ihren Strom im Jahr 2007 aus vier Wasserkraftanlagen in Norwegen.
Vikessa, Stoltskraft, Follafoss Kraftstasjon und Tyin Kraftverk. Die Anlagen der Kraft-Wärme-Kopplung sind im Besitz der Stadtwerke Tübingen.

“Lichtblick”: Hier gestaltete sich die Suche schon etwas schwerer, weil auf deren Internetseite dazu sehr wenig zu finden war. Eine Liste der Anlagen liegt ROBIN WOOD vor, aus betriebswirtschaftlichen Gründen legt LichtBlick wert darauf, dass diese Liste nicht veröffentlicht wird.
Ich habe nur zwei Anlagen gefunden, Wasserkraft aus Freudenau in Österreich und Graubünden in der Schweitz, die circa 67 Prozent des gehandelten Stromes abdecken. Weitere zehn Prozent werden per Biomasseheizkraftwerk (ca. 100 MW) in Sachsen-Anhalt erzeugt.
Der anrechenbare EEG-Anteil wird mit 16 Prozent angegeben.

“Greenpeace Energy”: Hier sind alle Erzeugungsanlagen wunderbar auf der Internetseite angegeben und das sogar mit der jeweiligen Leistung. Als Strommix gibt Greenpeace folgendes an: 75 Prozent Wasserkraft (durchweg aus dem Ausland), acht Prozent Windkraft und 17 Prozent EEG-Strom. Im Einzelnen bezieht Greenpeace Wasserkraftstrom aus Norwegen und Österreich, Bio-Energie aus Österreich und Windkraft aus Dänemark.

Na lieber Leser, ist Ihnen schon der entscheidende Punkt aufgefallen? Der Löwenanteil des Strommixes ist billiger Strom aus Wasserkraftanlagen im Ausland. Diese Länder, aus denen die oben genannten Firmen ihren Wasserstrom beziehen haben allesamt eine Besonderheit, nämlich bei der Wasserkraft keine EEG-Regelungen.

Dazu möchte ich einen Satz aus einen Greenpeace Dokument zitieren:
“Das EEG hat sich als besonders wirksames Förderinstrument zur Einführung und zum Ausbau der Erneuerbaren Energien erwiesen. Inzwischen gibt es ähnliche Regelungen zur Einspeiseregelung in der EU in den Ländern: Belgien, Bulgarien, Dänemark, Estland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Portugal, Slowenien, Spanien, Tschechien, Türkei, Ungarn und Zypern.”

Ein anderes Zitat von “Infra Fürth” sollte das auch sinnvoll ergänzen:
“Warum kommt der Strom nicht aus deutschen Kraftwerken?
In Deutschland wird Strom aus Wasserkraftanlagen nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz vergütet. Die Kosten für deutschen Wasserkraftstrom liegen damit deutlich über dem Marktpreis.”

Aha, aufgrund der EEG in Deutschland holt man seinen Strom aus dem Ausland…

Zum Abschluss noch ein paar physikalisch Betrachtungen.

Die angegebenen Wasserkraftwerke sind vom geografischen Mittelpunkt Deutschlands zwischen 600 bis 1200 km Luftlinie entfernt. Bei einem durchschnittlichen Leitungsverlust von einem Prozent pro 100 km dürfte jedem klar sein, das sechs bis zwölf Prozent des erzeugten Stroms in Deutschland nicht mehr ankommt und als Wärme in die Atmosphäre abgegeben wird. Noch erhellender ist folgender Satz von “Infra Fürth”:

“Zwar ist es physikalisch nicht möglich, dass der Strom aus einem österreichischen Wasserkraftwerk bei Ihnen direkt in Fürth aus der Steckdose kommt. Je mehr Kunden infra natur bestellen, umso höher werden unsere Bestellmengen für Wasserkraftstrom sein.”

In diesen wenigen lapidar hingeworfenen Worten liegt aber die ganze Brisanz des Öko-Stroms aus dem Ausland, der kommt nämlich physikalisch garnicht hier an, bis auf einige kleine Ausgleichsströme.
Wenn man sich dann noch einige Aussagen von “Lichtblick” ansieht, sollte es nun jedem klar sein, was hier wirklich abläuft. Zitat:
“Leitungsverluste im Stromnetz (marginaler Einfluss auf Strommix):
Die bei der Stromversorgung auftretenden Netzverluste werden gesetzlich vorgeschrieben durch die Netzbetreiber ebenfalls in nicht regenerativer Qualität ausgeglichen. Die Kompensation von Leitungsverlusten durch regenerativen Strom bietet derzeit kein Netzbetreiber an.”

“Schwankungen des Jahresstrombedarfs von Haushalten und fehlende Kenntnis der Verbrauchshistorie von Neukunden (marginaler Einfluss auf Strommix): Die Schwankungen des Jahresstrombedarfs von Haushalten sowie die fehlende Kenntnis der Verbrauchshistorie der Neukunden, werden über finanzielle Ausgleichszahlungen an die Netzbetreiber ausgeglichen (sogenannte Mehr- und Mindermengen). Physikalisch werden diese Mengen durch die Netzbetreiber bereitgestellt. Dabei handelt es sich immer um Strom undefinierter Herkunft, Grünstromangebote gibt es derzeit von keinem Netzbetreiber.”

Tja, kommen wir nun zum Fazit.

Ach wissen Sie was, ziehen Sie Ihr Fazit am besten selbst. Ich habe hier nur die Faktenlage dargestellt, um Ihnen einen Denkanstoss zu geben.

Höchstens noch eine Frage an Sie. Wenn wir jetzt den grünen Strom verbrauchen, welchen Strom haben denn nun die Liefernationen in Ihrer Steckdose?

Weiterführendes:

www.greenpeace-energy.de/strom_standorte.php
lichtblick.de/unserstrom/strommitzukunft
www.ews-schoenau.de/
infra-natur.de/
robinwood.de/german/energie/oekostrom/
greenpeace.de/themen/energie/energiepolitik

Zuerst erschienen auf Readers Edition am 16. Juni 2008

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7 Kommentare
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  1. Ok, aber was ist der Punkt?
    Dass es bei (Öko)strom grundsätzlich um eine Bilanzbetrachtung geht ist doch nichts Neues..?
    Wenn ich z.B. für „Brot für die Welt“ spende, erwarte ich ja auch nicht, dass meine Geldscheine vor Ort wieder ausgegeben werden. Oder dass mir meine Bank genau die Scheine wiedergibt, die ich irgendwann einemal dort eingezahlt habe.

    Die letzte Frage -- obwohl vermutlich rhetorisch gemeint -- ist aber tatsächlich ganz gut, um die erwünschte Dynamik und die Probleme des Stroms darszustellen. Natürlich senkt der Verkauf von Wasserstrom nach D den Anteil im Lieferland. Zumindest so lange, wie dort nicht ebenfalls genau Menschen explizit danach verlangen. Dann würde eine Verknappung eintreten und der Preis steigt oder das Angebot wird durch Zubau neuer Kraftwerke erweitert.
    Um eben diesen Neubau zu fördern, ist es daher sinnvoll, Anbieter zu wählen, die eine Neubaugarantie geben (macht MWn. z.B. Greenpeace Energy).

  2. Interessanter und gut recherchierter informativer Artikel.

  3. Echt gut zu wissen. Danke für den sehr ausführlichen Bericht!

  4. Sehr geehrte Damen und Herren!
    Sehr geehrte Verantwortungsträger, Vertreter der OÖ Bevölkerung!
    Sehr geehrte Damen und Herren, die für OÖ das Beste wollen, in volkswirtschaftlicher und Ökonomischer Hinsicht!
    Sehr geehrte Meinungsbildner!

    Nachdem in Schenkenfelden die Befragung der Bevölkerung hinsichtlich dem weiteren Ausbau und der Finanzierung durch die stromabnehmende und steuerzahlende Bevölkerung (Mittelschicht) erfolgt, erscheint es doch nicht richtig, von einer vollen Akzeptanz der Windkraft durch die Bevölkerung zu sprechen und ihnen die Verantwortung für das „Geld verbrennen“ sowie das nur mit betriebswirtschaftlichen Zielen verbundene nicht nötige Beschädigen der Natur für die Produktion von nicht mehr bezahlbarem „ÜBERSCHUSSSTROM“ zuschieben zu wollen.

    Inzwischen ist es nicht mehr eine Handvoll von Personen, die dagegen sich aussprechen, sondern es werden immer mehr, die sich die zum Teil aus der fehelenden politischen Bringschuld Information über die Windkraft teils selbst erarbeiten und zuordnen müssen.

    Der Zusammenhang mit Atomkraft lindert objektiv anscheinend nur die psychische Belastung durch Angst, er ist aber unzutreffend, weil Windstrom reine Überschussproduktion ist und sich langsam nicht mehr als bedeutender Atomstromersatz verkaufen lässt. Damit erweist sich wieder einmal: Geschäfte mit der Angst haben nur sehr kurze Beine. Sie überstehen nicht sehr lange, lassen aber gewaltige Geldvernichtung und Schäden zurück.

    Der ehemalige Genrealdirektor Dr. Erwin Wenzel, das heißt, seine technischen und neutralen wissenschaftlichen Berater hatten doch recht! Als Verantwortungsträger erklärte er, nachdem mehrere Testwindräder analysiert worden waren: Aufhören, aufhören, da ruinieren wir die Wirtschaft.

    Bedenkt man die Entwicklung weltweit, dann ergeben sich die Bestätigungen insofern, als viele Firmen in Konkurs gehen, die Aktien in den Keller fallen und man das Kraftwerk Temelin erweitern wird müssen, um den angrenzenden Ländern mit Windstrom, wenn die teuren Räder stehen und bloß Geld verbrennen, aushelfen zu können.

    In jedem Fall bezahlen die Privatgeschäfte die Pflichtstromabnehmer mit 104% Aufschlag für Abgaben und Steuern. Man stelle sich vor, dass die Kilowattstunde ohne diese Abgaben nach Wien nur die Hälfte kosten würde und dies einen mächtigen Impuls für die Wirtschaft, bei der Abschaffung dieser 104% Abgaben darstellen würde. Die Menschen könnte sich Photovoltaikanlagen ohne Förderung locker leisten und selbst bezahlen.

  5. >>Toll, doch wo liegt der Haken, wo wir doch wissen, das Windstrom mit 7,9 Cent und Solar mit 50 Cent in Deutschland vergütet werden?<<

    Toll bei Windstrom gibt es die ersten Ausschreibungen die genau 0,00 Cent/kWh EEG-Vergütung bekommen.
    http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/energiewende-offshore-windstrom-bald-ohne-subventionen-a-1143274.html

    Toll bei PV sind jetzt die ersten Ausschreibungen mit 5,38 Cent/kWh Vergütung vom EEG vergeben.
    https://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2016/161128_PVDK.html

    Toll PV-Strom aus meiner 20 Jahre alten PV-Anlage kostet mich gerade noch 1 bis 2 Cent/kWh und der ist auch gleich an meiner Steckdose, nix mit Netzdurchleitung u.s.w.

    Toll bei AKW-Strom z.B. in England (Hinkley Point C) sind ca. 11 Cent/kWh fällig + Inflationsausleich + 35 Jahre Einspeisevergütung + staatliche Bürgschaften.
    OK der Strom aus den neuen AKWs sind nun mal die „günstigsten“.

    MfG

  6. Mir war eh klar, dass das alles eine Mogelpackung ist: Ich habe keine Ahnung, was Menschen bewegt, sich auf derartige Tarife einzulassen. Denn zum Einen ist ja die Stromerzeugung, im Besonderen bei der Wasserkraft, in keiner Weise von den Marktpreisen abhängig. Die Standorte, an denen Talsperren gebaut werden, sind selten, erfordern jahrzehntelange Planung und sind hinsichtlich der Produktionsmenge vom Zufluss abhängig. Daran ändert sich nichts durch den Markt.

    Der Bezug von Strom aus Wasserkraftwerken verändert nur das Gefüge bei den sonstigen Verbrauchern. Die können dann den Wasser-Strom nicht mehr in ihrem Strom-Mix verwursten und steigern ihren Anteil aus Kohle und Kernkraft -- und wem oder was soll das nutzen?

  7. Warum ist Öko-Strom eigentlich so billig?

    Da ist man in 2008 bei ca. 8 Milliarden PV investiert und man bekam ca. 1,95 GWp dafür, macht einen Preis von ca. 4.100 €/kWp in 2008.

    2016, also mach 7-8 Jahren stehen noch 1,58 Milliarden die in PV investiert wurde und man bekam ca. 1,5 GWp dafür, macht einen Preis von ca. 1060 €/kWp in 2016.

    Also, der Preis für PV-Anlagen ist innerhalb von nur 8 Jahren um ca. -74% gefallen für 1 kWp.

    Man bekommt heute mit den selben Kapitaleinsatz die 4 fache Modulleistung und somit auch die 4 fache Menge an kWh, so sehen Erfolgsgeschichten aus.

    Noch besser, der Netz-Strompreis ist seit 2008 auch noch gestiegen bis 2018, nie war Solarstrom so günstig wie heute zu bekommen.

    MfG

    Quelle, die Bildchen 2 und 3
    http://www.science-skeptical.de/blog/die-solarwende-in-deutschland-steht-vor-dem-aus/0016532/#comment-2108461

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