Wird es in Grönland wärmer? Nein – kälter

6. November 2009 | Von | Kategorie: Artikel, Blog, Klimawandel, Wissenschaft

Greenland NASAWenn man die Meldungen von Seiten der Wissenschaft und in der Presse über den Klimawandel verfolgt, dann drängt sich einem der Eindruck auf die Welt stünde kurz vor einem Kollaps, vor allem ausgelöst durch die globale Erwärmung. Mutter aller Schreckensszenarien ist der Anstieg der Meeresspiegel durch ein Abschmelzen der Gletscher und Eiskappen. Damit wird eine menschliche Ur-Angst bedient, die schon in den Sintflutmythen vieler Kulturen überall auf der Welt zum Ausdruck kommt.

Verschwindet der Grönländische Eisschild?

Besonders gut (oder besonders laut) spielt Ex-Präsidentschaftskandidat und seitdem selbsterkorener Weltenretter Al Gore die Klaviatur des Schreckens. Wo immer er auftaucht wiederholt er die Warnung vor der kommenden Katastrophe in eindringlichen Worten. Zuletzt ließ er seine warnende Stimme in Dubai vernehmen, wo er seinem Publikum folgendes mitteilte [1]:

„Grönland und die Westantarktis enthalten so gewaltige Eismengen dass jede von ihnen, wenn sie abschmilzt, zu einem Anstieg des Meeresspiegels von 6-7 Metern führen würde. Und Grönland und die Westantarktis beginnen zu schmelzen.”

Die Botschaft ist eindeutig und wird von vielen Medien gerne immer wieder verkündet. Durch steigende Temperaturen schmilzt das Eis in Grönland immer schneller. Was dabei unerwähnt bleibt ist, dass das Abschmelzen Grönlands wohl Jahrtausende in Anspruch nehmen würde. Außerdem müssten die Temperaturen dafür dauerhaft auf ein ungewöhnlich hohes Niveau steigen und da auch bleiben. Wenden wir uns also dem ersten Teil der Aussage zu. Steigen die Temperaturen in Grönland tatsächlich? Und sind sie heute wirklich ungewöhnlich hoch?

Erwärmung oder Abkühlung?

Eine erste Suche in der Wissenschaftsdatenbank WolframAlpha [2] zeigt eine ganz andere Entwicklung (Danke an Bloggerin Huén Ten für diesen Hinweis). Danach ist die Temperatur an der Südwestküste Grönlands seit Mitte der 90er Jahre dramatisch gefallen. Kein Anstieg also.

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Allerdings könnte man jetzt zu Recht einwenden, dass es sich hierbei um eine einzelne Quelle handelt und die Temperaturen an einem einzelnen Ort nicht repräsentativ für eine Insel dieser Größe sein können. Außerdem gehen die Messungen nur bis 1983 zurück. Aber zum Glück gibt es noch weitere Quellen, wo sich direkt gemessene Temperaturen für weitere Orte auf Grönland finden lassen. Eine solche ist das Goddard Institute for Space Studies der NASA (GISS) [3]. Sucht man dort nach längeren Temperaturreihen, so findet man die Messstationen Godthab Nuuk an der Westküste und Angmagssalik an der Ostküste der Insel. Beide Stationen zeigen Messdaten die mehr als 100 Jahre zurück reichen. Und beide Stationen zeigen dass die Temperaturen in Grönland starken Schwankungen unterworfen sind. Ebenfalls gemeinsam ist diesen Stationen, dass die wärmste Periode im Beobachtungszeitraum in den 30er und 40er Jahren lag. Ein ungewöhnlicher Anstieg in jüngster Vergangenheit? Fehlanzeige. Stattdessen scheint es seit einigen Jahren eher kälter zu werden. Diese Abkühlung in jüngster Zeit beschränkt sich nach Satellitenmessungen nicht nur auf Grönland, sondern betrifft die gesamte Arktis [4].

Angmagssalik

Godthab Nuuk

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Zusammenfassend kann man also sagen, dass nach diesen Ergebnissen die heutigen Temperaturen in Grönland weder außergewöhnlich, noch besonders hoch sind.

Dieser Befund wird auch vom Klimawissenschaftler Bo Vinther von der Universität Kopenhagen bestätigt. Im Rahmen einer Studie untersuchte er die Temperaturentwicklung in Grönland anhand historischer Messungen und konnte so eine Klimageschichte aufzeichnen, die bis ins Jahr 1784 zurückreicht [5]. Der Forscher verglich Daten von insgesamt 13 Messstationen auf der Insel und folgerte aus seinen Untersuchungen:

„Das wärmste Jahr in dieser erweiterten Temperaturaufzeichnung Grönlands war 1941, während die wärmsten Jahrzehnte die 1930er und 1940er Jahre waren. “

„The warmest year in the extended Greenland temperature record is 1941, while the 1930s and 1940s are the warmest decades.“

Das Eis erzählt die Temperaturgeschichte Grönlands

Eine sogar noch weiter zurückreichende Klimageschichte Grönlands lässt sich aus den Eisbohrkernen rekonstruieren. Durch direkte Messung der Temperatur in den Bohrlöchern kann man Temperaturen aus der Vergangenheit wesentlich genauer bestimmen als das mit sogenannten Proxy-Messungen der Fall ist, wo Temperaturen indirekt aus anderen Parametern abgeleitet werden. Eine solche direkte Temperaturbestimmung ist von der dänischen Forscherin Dorte Dahl-Jensen an Eisbohrkernen von 2 unterschiedlichen Stationen (GRIP und DYE-3) durchgeführt worden [6].

Eiskern

Das Ergebnis war eine Rekonstruktion der Temperaturgeschichte Grönlands die 50.000 Jahre zurückreicht. In der jüngeren Vergangenheit, dem Holozän das vor etwa 10.000 Jahren begann, fand Dahl-Jensen zwei Perioden, in denen die Temperaturen deutlich höher waren als heute. Vor 1000 Jahren lagen diese etwa 1 °C über denen heutiger Tage und für den Zeitraum von vor 5000 bis 8000 Jahren wurden sogar um 2,5 °C höhere Temperaturen gefunden.

Grönland wird kälter, nicht wärmer

Wenn man all diese Befunde zusammen betrachtet kann man Aussagen, nach denen Grönland sich in unserer Zeit außergewöhnlich erwärmt, getrost  in die Kategorie der Sagen und Mythen einordnen. Seit dem Ende der letzten Eiszeit gab es mindestens 3 Perioden in denen die Temperaturen zum Teil deutlich höher lagen als heute. Während des Holozän-Optimums, während der Mittelalterlichen-Wärmeperiode und zuletzt in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts. Seitdem ist es also kälter geworden. Aussagen die diese Befunde unterschlagen oder ihnen sogar widersprechen dienen in erster Linie wohl der Panikmache. Bedenken Sie dies bitte, wenn Ihnen das nächste mal jemand mit der Begründung einer außergewöhnlichen Erwärmung an den Geldbeutel oder an die Freiheitsrechte will.

[1] Maktoob.com

[2] Grönland Temperatur auf WolframAlpha (im pulldown-menue “all” wählen)

[3] Goddard Institute for Space Studies

[4] Klimanews: Die Arktis zeigt seit 2005 eine Tendenz zur Abkühlung

[5] Journal of Geophysical Research: Extending Greenland temperature records into the late eighteenth century

[6] Science: Past Temperatures Directly from the Greenland Ice Sheet

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13 Kommentare
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  1. Da gibt es einen anderen recht interessanten Artikel zum Norden
    http://www.klima2009.net/en/papers/2/5
    Die üblichen Verdächtigen werden wieder die Messer wetzen ob des wieder guten Artikels ;.)

  2. @ Krishna

    Den Artikel habe ich auch schon auf Watts Up With That gelesen. Nicht die böse Erwärmung, sondern Meeresströmungen lassen das Eis verschwinden oder mehr werden.

    Auch die Kommentare sind durchweg positiv:

    arctic sea ice extent Arman Nyilas 2009-11-03 14:54:37
    The paper presented by Dr. Arnd Bernaerts confirms that arctic sea had rapid climate changes nearly a century ago. In fact, today’s changes are not an exception. Science should focus on natural variability as one of the main reason of sudden warming trends. Reliable satellite data on sea ice extent is well presented between the years 2002 and 2009 in http://www.ijis.iarc.uaf.edu/en/home/seaice_extent.htm.
    Dr. Arman Nyilas

    Wenn ich diesen Artikel und den von Massen und Beck sehe bin ich begeistert, dass bei dieser „virtuellen Konferenz“ auch Stimmen ein Forum finden, die nicht Mainstream sind. Ich muss mir dringend den Rest der Beiträge ansehen.

  3. Lieber Herr Kipp,

    Vielen Dank für diesen tollen Artikel.

    Ich denke, die Daten sprechen für sich und die um sich greifende Dramatisierung der Lage ist unangebracht.

  4. Sagenhaft. Also im Zentrum von Groenland (~3000Meter Hoehe, ~70°N) liegt die Maximaltemperatur bei +21°C und es gab eine Abkuehlung von ca -20°C in den letzen 20 Jahren. Sagt Wolfram, eine Bloggerin und der Rudolf Kipp.

  5. @ Georg Hoffmann

    Wenn Sie bei Wolfram Alpha etwas genauer hingesehen hätten, dann wäre Ihnen vielleicht diese Zeile aufgefallen:

    relative position: 500 km WSW (from center of Greenland)
    relative elevation: 3007 m (below center of Greenland)

    oder Sie hätten dem Link zur Kartenansicht folgen können. Dann hätte sich auch Ihnen erschlossen, dass der Ort der Messstelle an der Westküste Grönlands auf einer kleinen Insel liegt. Aber Sie haben schon Recht wenn Sie sagen, dass der Temperaturanstieg ungewöhnlich wirkt. Daher ist es besser, mehrere Quellen zu vergleichen, wie ich es hier auch getan habe.

    Sonst kann es einem passieren , dass ein Ausreißer die gesamte Aussage verändert, wie etwa hier:

    YAD06 -- the Most Influential Tree in the World

  6. Es ist voellig wurscht, wo die Station liegen soll (3007 Meter unter dem Eis, interessante Messtelle). Es gibt keine einzige Stelle auf der Erde die 20 Grad Abkuehlung erfahren haette. Noch ein wenig absurder [Edit -- Am besten Sie schauen auch mal in den Knigge…]

  7. Am besten Sie schauen nicht nur in DEN Knigge, sondern auch mal in eine Anfaengervorlesung der Klimatologie. Gell?

  8. Immer schön, wenn einem die Kommentatoren helfen, noch etwas dazu zu lernen…Ist berichtigt.

  9. Fein gemacht. Jetzt brauchen Sie nur noch die Station finden….. und da bleiben.

  10. @Rudolf Kipp
    Massen / Beck kamen auf Platz 1 der Wertung, Bernaerts auf 2.
    Damit werden die Papers, die auch schon vom wissenschaftlichen Beirat P-R wurden vor der Zulassung dort noch im Buch und div. Journalen offiziell veröffentlicht.

  11. Es ist immer wieder ergötzlich zu sehen, wie die Klimatisten und Hardcore AGWisten den Schaum vor dem Mund nicht beherrschen können ;.)

  12. […] Das Mittelalter war die Zeit der Hochkultur der Wikinger. In diese Periode fiel deren Expansion bis ins heutige Russland und die Besiedlung Islands, Grönlands sowie Teilen von Kanada und Neufundland. In Grönland konnte zu dieser Zeit sogar Getreide angebaut werden. Mit dem Ende der Mittelalterlichen Warmzeit endete dann die Blütezeit der Wikinger. Die Siedlungen in Grönland mussten aufgegeben werden und auch im Stammland Norwegen wurden in dieser Zeit viele nördliche oder in größeren Höhen gelegene Siedlungen verlassen [10]. Die Geschichte der Wikinger ist auch sehr gut mit den Temperaturrekonstruktionen aus Grönland in Einklang zu bringen, die mit Hilfe von Eiskernbohrungen durchgeführt wurden. Demnach war es in Grönland zur Zeit der Wikinger mindestens ein Grad wärmer als in der modernen Warmzeit [11]. […]

  13. http://polarmet.osu.edu/jbox/pubs/Box_2002_Greenland_Temperature_Analysis.pdf

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