Zukunftsdialog: Tausend für Thorium

18. Februar 2012 | Von | Kategorie: Artikel, Blog, Energieerzeugung, Innovationspolitik, Kernenergie, Politik, Wirtschaftsförderung

Irgendwann im Herbst werden also 30-40 Menschen in einem Sitzungssaal des Kanzleramtes Platz nehmen und auf die Kanzlerin warten. Zwanzig davon sind Bürger, die einen Vorschlag auf dem Portal “Zukunftsdialog” eingereicht haben. Zehn repräsentieren die Ideen, die den höchsten Zuspruch erlangten, zehn weitere die, welche seitens des Expertengremiums als aussichtsreich angesehen werden. Die Kanzlerin wird eintreten, ihre Gäste freundlich begrüßen und die Sitzungsleitung irgendeinem PR-Verantwortlichen übergeben.

Eines nur hat die Kanzlerin nicht. Zeit und Lust, sich mit dem, was Ihr die Bürger so empfehlen, näher zu befassen. Pro Idee stehen vielleicht zwei bis drei Minuten zur Verfügung, um eine mündliche Stellungnahme abzugeben.

Von meinen drei Empfehlungen, Thorium, Mondflug und fliegendes Auto, wird keine bei diesem Termin im Kanzleramt auftauchen.

Aber angesichts der eintausendsten Stimme, die am Freitagabend eingegangen ist, habe ich schon einmal formuliert, was ich vortragen würde.

“Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, sehr geehrte Damen und Herren,

ich empfehle ein Forschungsprogramm mit der Zielstellung, einen Thorium-Flüssigsalzreaktor prototypisch zu entwickeln und seinen Betrieb zu erproben.

Die Argumente, die gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie angeführt werden, sind für die Kombination des Thorium-Brennstoffkreislaufes mit der Flüssigsalztechnologie nicht relevant:

  • Die Gefahr einer Kernschmelze durch Überhitzung des Reaktorkerns mit anschließender Freisetzung radioaktiven Materials in die Umwelt besteht nicht.
  • Die Gefahr der Verteilung radioaktiven Materials über größere Landstriche bei einer physischen Beschädigung des Reaktors besteht nicht.
  • Die Notwendigkeit, Kernbrennstoff anzureichern, Brennstäbe zu produzieren und zu transportieren – mit allen verbundenen Risiken – ist nicht gegeben.
  • Es entstehen keine langlebigen und toxischen Transurane, eine Endlagerung radioaktiver Abfälle ist nicht erforderlich.
  • Die Gefahr der Verbreitung waffenfähigen Materials besteht nicht.
  • Hohe Anfangsinvestitionen in den Bau entsprechender Anlagen – vergleichbar zu denen herkömmlicher Kernkraftwerke – sind nicht erforderlich.

Der Thorium-Flüssigsalzreaktor, nach dem englischen Akronym auch eingängig als Lifter bezeichnet, kann elektrische Energie und Prozesswärme für die Industrie zu Kosten unterhalb derer von Kohle produzieren. Er benötigt nur kleine Flächen, erzeugt keine schädlichen Emissionen und setzt auch kein Kohlendioxid frei. Thorium als Brennstoff ist ausreichend vorhanden. Die Flüssigsalztechnologie ist auch außerhalb des Einsatzes in einer nuklearen Anlage geeignet, zahlreiche Produktionsprozesse in der Chemie und im Hüttenwesen effizienter zu gestalten. Mit dem Lifter können die bereits vorhandenen radioaktiven Abfälle zur Energiegewinnung eingesetzt und dabei auf effiziente Weise vernichtet werden.

Der Prototyp eines Thorium-Flüssigsalzreaktors wurde bereits in den 1960er Jahren am Oak-Ridge-National-Laboratorium in den USA entwickelt und für mehrere Jahre erprobt. Das Programm wurde eingestellt, da man sich für den Uran-Plutonium-Brennstoffkreislauf als Zukunftsmodell entschied. Die Technologie ist seitdem weitgehend in Vergessenheit geraten. In den letzten Jahren entstanden allerdings Netzwerke aus Wissenschaftlern und Ingenieuren in den USA, in Großbritannien und in Japan, die sich aktiv für den Lifter einsetzen. Seine technischen Prinzipien sind auch Grundlage eines Vorhabens, das im Rahmen des Generation-IV Forums verfolgt wird. Zwei Startup-Unternehmen in den USA und in Japan wurden mit dem Ziel gegründet, den Lifter zu bauen. Die chinesische Akademie der Wissenschaften hat Anfang 2011 bekanntgegeben, den Lifter binnen fünf Jahren prototypisch realisieren zu wollen und eine weltweite Führungsrolle bei dieser Technologie anzustreben.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, im Rahmen des Zukunftsdialoges haben Sie die Frage gestellt, wovon Deutschland in Zukunft leben wolle. Meine Antwort und die meiner Unterstützer darauf lautet: Nur von seiner Innovationskraft kann Deutschland leben. Sie haben mit der Energiewende das Thema unserer künftigen Energieversorgung als strategisch bedeutsam auch im globalen Wettbewerb erkannt. Vor diesem Hintergrund schlage ich den Thorium-Flüssigsalzreaktor vor, denn wir dürfen uns keine Option entgehen lassen, mit der Energie in Zukunft sicher, sauber, jederzeit verfügbar und preiswert bereitgestellt werden kann.

Ich empfehle, meine obigen Aussagen durch ein Expertengremium aus Kernphysikern und Reaktortechnikern kritisch prüfen zu lassen. Ich empfehle daran anschließend den Aufbau eines Konsortiums aus wissenschaftlichen Einrichtungen und innovationsorientierten Unternehmen, die mittels einer Bundesförderung den Lifter entwickeln und erproben.

Ich bedanke mich sehr herzlich für die Einladung und für die Möglichkeit, diese Idee hier kurz vorzustellen.”

  

Mit nun mehr als tausend Stimmen sind meine Erwartungen bei weitem übertroffen worden. Ich hätte niemals so viel Zustimmung erwartet. Der Vorschlag hat zwar keine Chance, aber die Aktion hilft aus meiner Sicht, die Idee zu verbreiten und immer mehr Menschen dafür zu begeistern. Er hilft, ein Klima zu schaffen, in dem in Deutschland über die Zukunft der Kerntechnik wieder nachgedacht werden kann.

Deswegen sollten die Puristen, die meine obige Darstellung vielleicht zu optimistisch finden, sich etwas zurückhalten. Die Erörterung technischer Detailfragen ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht hilfreich.

Klar ist die interne Wiederaufbereitung des Salzes kompliziert und eine potentielle Fehlerquelle. Man kann aber den Prototypen auch ohne dieses Element bauen. Und kämpfen wir nicht gerade gegen die Haltung an, wegen denkbarer Probleme gleich den Kopf in den Sand zu stecken? Natürlich können auch Transurane im Lifter entstehen. Nach fünf oder sechs Neutroneneinfängen, wenn der entsprechende Kern nicht vorher gespalten wird. Die Mengen sind also extrem klein und sie können im Reaktorkern verbleiben, bis sie denn auch vernichtet wurden. Klar ist Uran 233 waffenfähig. Es wird im Lifter aber immer von Uran 232 begleitet, dessen Zerfallsprodukte starke Gamma-Strahler sind, weshalb der Abschirmaufwand bei Lagerung und Handhabung die Waffenproduktion praktisch unmöglich macht. Natürlich kann auch der Lifter physisch zerstört werden. Das Salz aber bildet bei Abkühlung eine glasartige Masse, in der die Spaltprodukte sicher eingeschlossen werden.

Gegen Fundamentalisten hilft eine rationale Betrachtung ohnehin nicht. Es gilt, solche Zeitgenossen zu marginalisieren. Durch technische Debatten in Detailfragen, deren Klärung mein Vorschlag ja gerade dient, würden Fundamentalisten in ihrer Ablehnung dagegen nur bestärkt. Der Vorschlag widerspricht zudem nicht dem geltenden Atomgesetz. Er ist durch die Bundesregierung einfach umzusetzen, er bedarf keines Gesetzes und keiner Befassung durch Bundestag oder Bundesrat.

Vielen Dank an alle, die mich bisher unterstützt haben. Dank auch an EIKE und Ökowatch, die das Thema aufgegriffen und sicher für viele Stimmen gesorgt haben.

Schaut man sich an, welche zehn Ideen möglicherweise der Kanzlerin am Ende aufgrund hoher Zustimmung präsentiert werden, kann man schon ins Grübeln kommen (in Klammern die Stimmenzahl zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels):

  • Offene Diskussion über den Islam (50.516): Gemeint ist eher eine offene Ablehnung des Islam.
  • Cannabis legalisieren (44.621): Diese Idee ist mir durchaus sympathisch, weil sie den Aspekt der individuellen Verhaltensfreiheit thematisiert. Eine freiheitliche Gesellschaft ohne Drogen ist ohnehin nicht denkbar.
  • Machen Sie den Bürgerdialog zu einer Dauereinrichtung (24.084): Dieser Vorschlag hat den Charme der einfachen Umsetzbarkeit. Aber die Ergebnisse des Bürgerdialogs sprechen nicht dafür.
  • Waffenrecht – Fakten statt Lügen (22.567): Gemeint ist eine Liberalisierung des Waffenrechts.
  • ACTA – Überwachung aller Nutzer des Internets (20.139): Wenn sich die Unterhaltungsindustrie gegen das Internet wendet, wird sie verlieren. Ich denke, ACTA ist bereits gescheitert. Und das ist auch gut so.
  • Gesetz gegen die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern und Aramäern (18.328): Alle Einschränkungen der Meinungsfreiheit sehe ich skeptisch.
  • Legalisierung von bestimmten weichen Drogen (12.717): Im Prinzip eine Dublette zu der Empfehlung, die auf Platz 2 zu finden ist.
  • Verbot schariakonformer Halalschlachtung sowie der Handel mit Halalprodukten (12.415): Schwere Frage, wie weit darf die Freiheit der Religion und die Freiheit des Verhaltens gehen, wenn ein Konflikt mit dem Tierschutz vorliegt?
  • Evaluierung der Möglichkeiten eine ressourcenbasierte Wirtschaft einzuführen (12.292): Hier präsentiert eine Sekte, die zudem als antisemitisch gilt (die “Zeitgeist-Bewegung“), ihre Idee eines totalitären Staatswesen.
  • Sinn und Unsinn der praktizierten Form der Zuwanderung (12.276): Gemeint ist eigentlich, keine Zuwanderung mehr zuzulassen. Ich bin absolut anderer Auffassung. Strengere Regeln sind an einigen Stellen sicher sinnvoll, aber wir hatten schon immer Zuwanderung, werden sie immer haben und auch immer benötigen.
  • Grundbedürfnisse aus dem Profit- und Knappheits-Zyklus ausgliedern (12.165): Dies entspricht im wesentlichen dem Vorschlag “ressourcenbasierte Wirtschaft” und stammt offensichtlich von derselben Sekte.
  • Bedingungsloses Grundeinkommen – Erörtern & Abstimmen (12.130): Dies ist einer von gut einem Dutzend Ideen zum Grundeinkommen. Ich stehe dem durchaus offen gegenüber. Forderungen nach einem Grundeinkommen werden derzeit von Minderheiten in allen Parteien erhoben.

Die letzten sechs Vorschläge sind so dicht beisammen, daß noch nicht absehbar ist, welcher sich am Ende durchsetzt. Die Kategorie “Wie wollen wir zusammenleben?” ist zudem so weit in Führung, daß möglicherweise aus den beiden anderen “Wovon wollen wir leben?” und “Wie wollen wir lernen?” am Ende keine Idee durchkommt. Unter den Top 50 tauchen auch noch viele Kopien der derzeit führenden Eingaben in unterschiedlichen Formulierungen auf.

Angela Merkel wird Rechtskonservativen (wenn nicht gar Rechtsextremen oder Rechtsradikalen), Kiffern, Waffennarren und Vertretern einer totalitären Sekte gegenübersitzen. Es handelt sich hier um gutorganisierte Interessengruppen, die schnell und zielgerichtet Unterstützer mobilisieren können. Um dann die Lücken im System auszunutzen:

  • Der Zukunftsdialog ist für jeden Nutzer weltweit zugänglich, ganz gleich, wo er sich befindet. Für “Stimmvieh” ist die Sprachbarriere kein Hindernis. Vorschläge können auch von nicht-deutschen Staatsangehörigen eingestellt werden.
  • Man kann mehrfach für einen Vorschlag abstimmen. Dazu ist lediglich der Browser zu schließen und dann erneut zu öffnen. Aufgrund der Captcha-Abfrage wird eine Einzelperson auf diese Weise eine abwegige Idee nicht nach vorne bringen. Man macht es vielleicht zehnmal und dann sieht man, wieviel Zeit es kostet und wie wenig es erbringt. Wenn aber 1.000 Nutzer jeweils zehn Stimmen abgeben, ist der Effekt groß.

Man kann daher nicht sicher sein, daß tatsächlich 1.000 verschiedene Personen für Thorium gestimmt haben. Und das gilt für jede Idee, gerade für die, die in Führung liegen.

Ich halte den Zukunftsdialog für eine gute Sache. Die Umsetzung aber verrät, wie sehr unseren Regierenden das Internet noch fremd ist.

 

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23 Kommentare
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  1. Hallo Hr Heller

    glückwusch zu den 1000 stimmen. meine ist auch dabei. ich würde es ihnen wünschen im kanzleramt den LFTR zu präsentieren.
    allerdings gab mir ein satz von ihnen zu denken:

    Der Vorschlag widerspricht zudem nicht dem geltenden Atomgesetz. Er ist durch die Bundesregierung einfach umzusetzen, er bedarf keines Gesetzes und keiner Befassung durch Bundestag oder Bundesrat.

    wenn dem so ist was wollen sie dann bei der bundeskanzlerin? ein reaktor der wirklich die eigenschaften hat die sie beschreiben, sollte doch privat finanzierbar sein und hoch-profitabel sein. ich habe mir das video von kirk sorensen angesehen, der den prototypen auf einige 100mio$ schätzt. das ist durchaus ohne staatliche programme zu machen
    warum schreiben sie nicht an die CEOs von grossen technologiefirmen? oder initieren sie ein start-up das zumindest ein “basic-design” eines solchen reaktors erarbeiten könnte? ich bin sicher dass mehr als 1000 leute in ein solches unternehmen investieren würden, und das investment wäre nicht schlecht.

    denn selbst wenn Fr Merkel ein LFTR programm starten würde, wäre dieses programm ständig in der gefahr das Fr Merkel oder ihr nachfolger die meinung ändert und das LFTR programm zugunsten eines x-beliebigen anderen (aber politisch) oportunen programm aufgibt .

    und ein vorschlag “allem was irgendwie mit atomkraft zu tun alle fördermittel enziehen” bekäme im “zukunftsdialog” leider mehr als 1000 stimmen.

  2. Glauben Sie im Ernst, Michael, ich würde hier bloggen, wenn ich diese Möglichkeiten hätte?

    Selbst Kirk Sorensen hat es bislang nicht geschafft, in den viel innovationsorientierteren USA das Geld für den Reaktorbau einzusammeln. Das japanische Team um den leider kürzlich verstorbenen Furukama (FUJI-Projekt) hat es auch bislang nicht geschafft.

    In Deutschland haben wir eine andere Innovationskultur. CEOs gerade von großen Konzernen scheuen das Risiko und investieren in solche Themen eben nur, wenn der Staat hilft. Die kleinen Firmen können es sich nicht leisten.

    Mein erstes Ziel ist die Schaffung einer Graswurzel-Bewegung, die in etwas münden kann wie die Weinberg-Foundation in GB (bspw. “Deutsche Thorium Gesellschaft e.V.”). Aber das dauert eben seine Zeit. Meine Teilnahme am Zukunftsdialog hat das Ziel, die Idee bekannt zu machen und ihr Potential zu testen.

  3. Ob diese Technologie überhaupt funktionsfähig ist oder opportun, halte ich für ziemlich nebensächlich. Wichtig scheint mir dagegen, daß sich in dieser stickigen Atmosphäre auch mal wieder ein Fenster spaltweit öffnet, etwas Licht und frische Luft reinkommt und etwas Fernsicht stattfindet. Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, daß die jungen, intelligenten und aufgeschlossenen Menschen sich nur noch auf Anti-Positionen begeben, keine positiven Perspektiven mehr haben wollen.
    Lieber Herr Heller, machen Sie weiter so! :-)

  4. Statt die Entwicklung des LFTR direkt mit öffentlichem Geld zu fördern, was politisch angreifbar ist und tatsächlich Wettbewerbsverzerrungen bedeuten kann, hielte ich es für besser, der Staat stellte sich als Abnehmer für die ersten funktionierenden Kleinreaktoren zur Verfügung. Vor allem das Militär hätte enorme Verwendungsmöglichkeiten in der Energieversorgung von Schiffen, U-Booten und entlegenen Basen.
    Die Planungssicherheit internationaler Einsätze nimmt ohne die ständige Gefahr, die Versorgung mit Treibstoffen nicht aufrechterhalten zu können beachtlich zu.

  5. sorry, hr Heller,

    ich will ihr engagement hier nicht kleinreden. ganz im gegenteil.
    aber ob ein höherer LFTR bekanntheitsgrad oder eine “dt. thorium gesellschaft e.v.” es schaffen kann dass in dt ein staatliches kernenergieforschungs- und entwicklungsprogramm gestartet wird halte ich für eher zweifelhaft.
    das würden die lobbyisten der NIE und die NGO schon im keim ersticken mit den üblichen anti-atom-“argumenten”. und die lobbyisten der NIE und NGO verstehen ihr handwerk wahrlich perfekt.

    was mir bei aller begeisterung für den LFTR fehlt ist eine klare technische roadmap mit technischen milestones und ein businessplan der diesen weg in € oder $ quantifiziert (das finde ich auch bei KirK S nicht).

    der gedanke eines start-ups war durchaus ernst gemeint: ein unternehmen das ein reactor basic design entwickelt, materialien testet, die thermodynamik der salzschmelze untersucht, wärmetauscher projektiert, risikoanalysen erstellt, etc… ist wohl mit einigen 10mio € erstmal hinreichend ausgestattet. wenn man sich erinnert in was für unsinn leute (ich inclusive) zu zeiten der dotcom-blase investiert haben, sollte das doch ohne staat und politik zu machen sein.

  6. @ MichaelE #5

    Ich denke, gerade in Deutschland wir man es schwer haben, private Investoren für ein solches Programm zu finden. Zum einen liegt das daran, wie Peter oben ja auch schreibt, dass die Innovations- (und auch Investitions-)Kultur hier in Deutschland nicht so aufgestellt ist, dass ein solches Projekt ohne den Staat auf die Beine zu stellen wäre.

    Hinzu kommt noch die in Deutschland herrschende politische “Kultur”. Kein privater Investor, der noch halbwegs bei Verstand ist, wird momentan auch nur einen Cent in ein Projekt stecken wollen, das auch nur irgendwie mit Atom zu tun hat. Wer könnte einem zum Beispiel garantieren, dass ein zukünftige Grün/Rote Regierung nicht ein Gesetzt erlassen würde, dass solche Art von Forschung einfach verbietet?

    Wer ein solches Verhalten für irrational hält, der erinnere sich einfach an das Gesetz, das seinerzeit Trittin durchgesetzt hat, wonach die Aufarbeitung von Brennstäben nicht nur in Deutschland verboten wurde, sondern diese Möglichkeit für aus Deutschland stammende Brennstäbe per se ausgeschlossen worden ist.

  7. Ich denke, Heraklit und Michael, die Vorstellung eines privaten Geldgebers ist utopisch.

    Es gibt in Deutschland keine Kultur des “Risikokapitals für vorwettbewerbliche Entwicklung” wie bspw. in den USA. Die Förderung vorwettbewerblicher Entwicklung wird hier als staatliche Aufgabe verstanden, und ich finde das auch richtig. Im Gegensatz zur veröffentlichten Meinung erfolgt diese auch durchaus technologieoffen -- anders ist es auch nicht möglich, will man sich die Kofinanzierung durch EU-Mittel nicht verbauen. Aus meiner Sicht sind dies keine Subventionen im engeren Sinne, da keine Marktverzerrungen stattfinden. Gefördert wird eben das, was noch nicht marktreif ist. Und schließlich hat jeder die Möglichkeit hat, Fördermittel zu beantragen.

    Wie die Industrie in Deutschland mit solchen Themen umgeht, zeigt sich am Beispiel des Transrapid. Wäre man hier bereit gewesen, auf staatliche Unterstützung zu verzichten, hätte man das Ding bauen können. Man wollte aber das Risiko nicht allein übernehmen.

    Kerntechnische Forschung ist nach wie vor Bestandteil des Energieforschungsprogramms der Bundesregierung. Ich zitiere mal das BMBF:

    Es werden noch über einen längeren Zeitraum nukleare Kompetenzen auf höchstem wissenschaftlichem und technischem Niveau benötigt. Nicht nur der Betrieb der Kernkraftwerke, sondern auch deren späterer Rückbau und die Endlagerung radioaktiver Stoffe verlangen ein Höchstmaß an Fachwissen auf diesen Gebieten. Das BMBF fördert hier gezielt den wissenschaftlichen Nachwuchs.

    Beispiel: In derzeit drei FuE-Verbünden untersuchen Nachwuchswissenschaftler innovative Verfahren zur Behandlung radioaktiver Materialien mit dem Ziel der Reduktion hochradioaktiver Abfälle. Zum Partitioning (der Abtrennung langlebiger Radionuklide aus abgebranntem Kernbrennstoff durch Extraktion) und zur Überführung abgetrennter Radionuklide in kurzlebige oder stabile Isotope) erfolgen experimentelle Untersuchungen. Ansprechpartner sind hier u.a. das Karlsruher Institut für Technologie und das Forschungszentrum Jülich.

    Die “Überführung abgetrennter Radionuklide in kurzlebige oder stabile Isotope” bezieht sich hier auf die Transmutation. Etwas anderes hat die Verwaltung nicht auf der Agenda -- weil man es nicht kennt. Und das liegt auch daran, daß die sog. “Atomlobby” den Fachbeamten im Ministerium auch nie etwas anderes erzählt hat. Hier sehe ich eine sehr konkrete Chance für den Lifter. Und diese Idee muß nun einmal von außen mit Macht propagiert werden, aus dem eingefahrenen System heraus selbst besteht nach meiner Auffassung keine Chance.

    Nehmen Sie das Beispiel Kernfusion. In diese fließen erhebliche staatliche Mittel. Glauben Sie im Ernst, die Industrie würde das selbst erledigen wollen?

    Und letztlich erkenne ich auch keinen Kreuzzug der NGO’s gegen die kerntechnische Forschung oder gar gegen die Kernfusion. Einzelne Stimmen gibt es zwar, aber ich glaube, man weiß sehr genau, daß man mit einer solchen Kampagne ein Eigentor schießen würde.

  8. Es geht ja bei dem Lifter um mehrere Aspekte. Vorerst steht er für eine positive Denkweise, ein Ausblick in die Zukunft, ohne irgendwelche Bedrohungsszenarien. Dazu kann es kein Fehler sein, den Begriff Thorium so oft als möglich zu nennen. Dieser Begriff ist bislang nicht mit irgendwelchen negativen Assoziationen verbunden. Wie schon öfters angemerkt, brauchen wir ein Narrativ darüber, wie wir uns die Zukunft vorstellen.

    Des weiteren hat der Lifter, und somit Thorium, das Potenzial zur Versöhnung, da damit Nachteile der bisherigen Energieversorgung anerkannt werden (Emissionen, Abfall). Das heißt, viele Argumente der “Grünen” können einfach übernommen werden und auf die Positivseite für den Lifter geschlagen werden. Gut, mit Fundamentalisten werden wir keinen Konsens erzielen können, doch wie die Debatte um Varenholt zeigt, bestehen die Alarmisten ja nicht nur aus Fanatikern. Bei den “Grünen” gab es ja schon einmal ein großes Hickhack zwischen Realos und Fundis, wahrscheinlich spaltet sich die “Klimaschutzbewegung” auch wieder auf. In Naturschützer und Gesellschaftskritiker?

    Der Zukunftsdialog gibt nun die Möglichkeit, einem breiten Publikum überhaupt erst einmal den Begriff Thorium nahe zu bringen, die meisten werden noch nichts darüber gehört haben. Und wenn bei diesen Leuten nur das hängen bleibt, dass es Alternativen zur derzeitigen Energieversorgung sowie auch zum angestrebten Umbau hin zu den NIE gibt, dann hat dieser Vorschlag schon gewaltiges geleistet.

  9. Das ist zwar ein wenig OT, doch nicht ganz. Im Zukunftsdialog sehen wir wie einzelne Gruppen ihre Anhänger mobilisieren können, diese dann Themen in den Vordergrund stellen und der Eindruck entsteht, es gäbe diesbezüglich dringenden Handlungsbedarf. Diesem stellt sich der kommende Bundespräsident Gauk entgegen:

    Gauck wünscht sich einen stärkeren Fokus weg von Klientelpolitik hin zu thematischen Akzenten. Man könne wichtige politische Entscheidungen, wie etwa den Ausstieg aus der Kernkraft, nicht von der Gefühlslage der Nation abhängig machen. Genau das aber tue die Regierung Merkel, weil die Furcht vor der nächsten Wahlniederlage das politische Handeln dominiere. „Ich fürchte mich vor einem modernen Politikertyp, der völlig auf Inhalte verzichtet“, so Gauck.

  10. #9. Quentin Quencher

    Hallo Quentin,

    und genau deshalb wollte Merkel ihn auch nicht!

    karl.s

  11. @Quentin #9

    Gauck wünscht sich einen stärkeren Fokus weg von Klientelpolitik hin zu thematischen Akzenten. Man könne wichtige politische Entscheidungen, wie etwa den Ausstieg aus der Kernkraft, nicht von der Gefühlslage der Nation abhängig machen.

    Dazu noch ein bemerkenswertes Zitat von unserem zukünftigen Bundespräsidenten:

    Gauck: „Ich bin unglaublich allergisch gegenüber einer Politik, die maßgeblich auf Angstreflexe setzt. Das gilt auch bei anderen Themen, etwa wenn es um die Nutzung der Atomenergie geht. Wir sollen auf Aktionsformen verzichten, die auf die Angst von Menschen setzen und daraus eine Dynamik ableiten.”

    Quelle: guckst du hier

  12. Zum Thoriumreaktor fällt mir eine nette Geschichte ein:

    David Hahn, „the radioactive Boy Scout“, oder wie baue ich einen Thoriumreaktor in der eigenen Garage/ im eigenen Schuppen?

    Hahn, mit Spitznamen “the radioactive Boy Scout” hatte bei den Pfadfindern eine Auszeichnung für Kenntnisse über Atomenergie bekommen. Jahrelang beschäftigte er sich mit chemischen Experimenten, die manchmal in kleinen Explosionen und anderen Missgeschicken endeten. Inspiriert wurde er zum Beispiel durch das „Goldene Buch der Chemie“. Er versuchte von jedem Element im Periodensystem eine Probe zu bekommen, auch von den radioaktiven Elementen. Er gab sich als Physikprofessor aus, um Informationen über Reaktorbau zu bekommen. Trotz Schreib- und inhaltlicher Fehler in seinen Briefen hatte er damit teilweise Erfolg und bekam sensible Informationen von der Atomenergiebehörde und Industrieexperten.

    Als erstes baute er eine Neutronenkanone. Hahn sammelte unermüdlich radioaktives Material, indem er selbst kleinste Mengen aus Haushaltsprodukten gewann, so z.B. Americium aus Rauchdetektoren, Thorium aus Glühstrümpfen von Campinglaternen, Radium aus den Ziffernblättern von Uhren und Tritium als Neutronenmoderator aus Zieleinrichtungen von Gewehren („guns sight“). Die Isolierung der radioaktiven Elemente war sehr mühsam und gefährlich. So verwendete er z.B. Lithium aus Batterien im Wert von etwa 1000 $ um die Thoriumasche mit einem Bunsenbrenner zu reinigen! Sein „Reaktor“ bestand im Wesentlichen aus einem großen ausgebohrten Bleiblock. Hahn wollte mit schwach radioaktiven Isotopen einen Brutreaktor bauen, in dem er dann Proben von Thorium und Uran in spaltbare Isotope umwanden könnte. Obwohl sein selbstgebauter Reaktor niemals die kritische Masse erreichte, führte seine Tätigkeit doch dazu, dass er Radioaktivität emittierte, die etwa 1000fach über der normalen Hintergrundstrahlung lag. Hahn bekam es mit der Angst und begann sein Experiment abzubauen. Ein zufälliges Zusammen­treffen mit der Polizei führte zur Entdeckung seiner Aktivitäten. Daraufhin traten die Bundesbehörden in Aktion. Ein radiologisches Notfallteam unter Beteiligung von FBI und staatlicher Kernenergiekommission sicherte das Gelände und begann mit den Aufräumungsarbeiten. Der Schuppen und sein Inhalt wurden komplett demontiert und alles als schwach radioaktiver Sondermüll in Utah vergraben.

    Hier das Video: “How to make a nuclear reactor at home”.

  13. hehehehe

    http://dai.ly/cY8ooL

    Ab 1:07 Minute … britische Autosendung

  14. Ich will mich jetzt ja nicht als Waffennarr darstellen, aber ich bin schon für ein liberaleres Waffenrecht.

    Jedes mal, wenn irgendwo ein geistig Gestörter in einer Schule Menschen und danach sich selbst umbringt, blutet nicht etwa die Gesellschaft, weil sie sich nicht um den geistig Gestörten gekümmert hat, sondern der “Waffenbesitzer”. Man muss ja Handlungsfähigkeit zeigen. Eine echte Debatte darüber würde mal wirklich helfen. Immerhin liegt in jedem 12. Haushalt mindestens eine Schusswaffe.

    Meine Stimme für den Lifter haben Sie. Und ich habe die Idee und den Link bereits verbreitet.

  15. Offene Diskussion über den Islam (50.516): Gemeint ist eher eine offene Ablehnung des Islam.
    Cannabis legalisieren (44.621): Diese Idee ist mir durchaus sympathisch, weil sie den Aspekt der individuellen Verhaltensfreiheit thematisiert. Eine freiheitliche Gesellschaft ohne Drogen ist ohnehin nicht denkbar.

    So und jetzt erklärst du uns mal wie du Islam… [cut, Heller]

    [Nö, ich erkläre “euch” nichts, hier ist ein Energie und Klimablog, sorry]

  16. @ Irus:

    Ich habe mir noch keine Meinung hinsichtlich des Waffenrechtes gebildet. Bislang stellte sich mir diese Frage einfach nicht. Hier ist auch nicht der Platz, darüber zu diskutieren, wir sind halt ein Energie- und Klimablog.

    Danke aber für die Zustimmung zu meinem Vorschlag.

  17. Hallo Herr Heller,

    merkwürdig, wie man hier auf den Islam kommt…

    Aber zum Thema. In der Zeitung war heute zu lesen, dass irgendwelche Uninformierten in Polen vorstellig werden wollen, um gegen den dort geplanten Bau von 2 Kernkraftwerken zu protestieren.

    Meine Frage: Wissen Sie, ob das schon Reaktoren auf Thoriumbasis sind? Oder noch die “herkömmlichen” Typen?

    Freundliche Grüße Chris Frey

  18. Lieber Herr Heller,

    das mit den Waffennarren verbitte ich mir ebenfalls und da ich davon ausgehe, dass Sie kein Atomnarr sind (wie klingt das?), habe ich auch für die vorgeschlagene risikominimierte Thoriumforschung gestimmt.

  19. @ Frey: Ganz konventionell. Man muß da auch aufpassen: Thorium wurde und wird als Kernbrennstoff verwendet, bspw. im deutschen THTR, in Indien und auch in herkömmlichen Reaktoren -- die amerikanische Firma Lightbridge liefert “Thorium-Brennstäbe”. Aber der Zaubertrick beim Lifter ist eben nicht der Einsatz fester Brennstäbe, sondern die Verwendung der Kernbrennstoffe in flüssiger Form. Beides zusammen zeigt erst die richtige Wirkung: Thorium und die Flüssigsalztechnologie.

    @Jaeger: Der “Narr” ist nicht abwertend gemeint gewesen (der “Kiffer” schließlich auch nicht), ich habe an der Stelle im Text das ganze sozusagen aus den Augen der Kanzlerin betrachtet. Und selbstredend würde diese mich als “Atomnarren” ansehen. Was mir aber auch nichts ausmacht.

  20. Mittlerweile nehmen die Dinge Fahrt auf. Zwei News von Kirk Sorensens Webseite:

    -- Die USA steigen in die Förderung kleiner, modularer Reaktoren mit einem Konzept der passiven Sicherheit mit 450 Mio. Dollar ein.

    -- Gordon McDowell sieht die Chance eines Crowd-Fundings für den Thorium-Remix 2012.

  21. Dass wir vom Bürgerdialog der Kanzlerin nicht viel erwarten können, ist den meisten hier wohl klar. Aber trotzdem, der Thorium-Vorschlag hat zumindest einige auf etwas aufmerksam gemacht, und wird vielleicht damit eine Langzeitwirkung haben. Für die aktuelle Politik wird es keine Bedeutung haben, keiner der dort gemachten Vorschläge. Der Nutzen für die Politik wird eher der sein, dass es als eine bessere Meinungsumfrage angesehen wird. Genauso sieht es auch Christopher Gohl im Cicero:

    Am Ende frustrieren Ergebnisse, die nicht umgesetzt werden. Deliberative Empfehlungen passen in der Regel nur zufällig zur Entscheidungslogik der Politik. Da haben sich Bürger ein Stück gemeinsamen Konsens erarbeitet, und das war eine aufregende Erfahrung mit wichtigen demokratiepädagogischen Effekten – aber dieser Konsens reicht in der Regel nicht zur Umsetzung. Das macht traurig. Es fördert den Zynismus über die Bürgerferne der Politik.

  22. Ich habe mal meine Meinung gesagt.

    Herr Dr. Gohl,
    für mich haben diese deliberativen Elemente auch den Charme der SED Delegiertenkonferenzen.Der Konsens bestand darin, dass der Sozialismus siegt, die Delegierten hatten die Machthaber zu legitimieren. Der Sozialismus durfte bei Strafe nicht kritisiert werden.

    Ich lese jetzt immer, dass es einen überwältigenden Konsens zur Nachhaltigkeit und zum Klimaschutz gibt. Ist ein solcher Konsens immer gut für die Menschen? Wir kennen zahlreiche Beispiele der letzten 100 Jahre, dass dies nicht so war. Wohin führte der heute verschwiegene Konsens der Eugenik der zwanziger Jahre, der Lysenko Konsens in der Sowjetunion der vierziger, fünfziger Jahre, der DDT Konsens der sechziger Jahre?

    Ich würde mich wohler fühlen, wenn der Bürgerdialog an dieser Stelle ansetzt. Aus Ihrer Seite entnehme ich, dass Sie sich mit der Optimierung der Entscheidungsprozesse befassen. Netze, PSW, Speicher müssen voran gebracht werden. Müssen die wirklich sein? Auf der Sete der Frau Schavan zum Bürgerdialog zur Energiewende hatte ich von den meisten der Experten nicht den Eindruck, dass sie die Dimensionen und die Machbarkeit überblicken. Ich vermisse die Meinung der normalen Wissenschaftler und Ingenieure. So entsteht zunehmend bei mir der Eindruck von Lysenkoismus in unserer Wissenschaft.
    In der Washington Post oder der New York Times kann ich den Streit der Wissenschaftler verfolgen , nur bei uns nicht.

    Der Klimaschutz Konsens hat bis hierher nur eine Verteuerung der Nahrungsmittel, der Strompreise und der Ressourcen gebracht. Für die Bevölkerung der entwickelten Länder eine Belastung , für die dritte Welt tödlich.

  23. Ich habe mir zu den Piraten noch keine richtig fundierte Meinung gebildet. Stehe der Partei emotional aber eher ablehnend gegenüber. Nun habe ich mir zur Angewohnheit gemacht, in regelmäßigen Abständen nach “thorium flüssigsalzreaktor” zu googlen, einfach um, falls es möglich ist, in entsprechenden Foren einen Link zum Thorium-Vorschlag im Bürgerdialog zu platzieren. Bei den Piraten wurde ich fündig, die haben eine Seite mit dem Titel “AG Ausstiegskritische Nuklearia/Who is who der Pro-Atom-Umweltschützer” auf der parteieigenen Wiki-Seite. Ich bin positiv überrascht.

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