Endlager-Suchkomission stellt Zeitplan vor – und macht sich damit überflüssig

20. April 2015 | Von | Kategorie: Artikel, Energieerzeugung, Kernenergie

BN-800_Laengsschnitt_ReaktorbehaelterDie von der Bundesregierung eingesetzte Kommission zur Lagerung hochradioaktiver Stoffe hat heute einen Zeitplan vorgestellt, nach dem in Deutschland noch viele Jahrzehnte vergehen werden, bis überhaupt erst mit dem Einlagern von sogenanntem Atommüll in eine Endlager begonnen werden könnte. Wahrscheinlich ist es den meisten an dieser Kommission beteiligten überhaupt nicht bewusst,dass sie sich damit im Grunde selbst überflüssig gemacht haben. Denn man kann mit Sicherheit sagen, dass ein solches Endlager dann überhaupt nicht mehr gebraucht wird.

„Ungelöste Endlagerfrage“ ist für Kernkraftgegner unverzichtbar

Wenn man in Deutschland versucht eine Diskussion über Energieerzeugung mit Kernkraft zu führen, dann muss man ein dickes Fell mitbringen. Der erste Einwand, der einem zunächst begegnet ist der, dass Kernkraftwerke wegen der Gefahr eines Unfalls quasi immer eine unberechenbare Gefährdung darstellen. Ein Verweis auf die hohen Sicherheitsstandards und die makellose Sicherheitsbilanz deutscher Kernkraftwerke wird dann allerhöchstens als Zynismus  abgetan, auch der Hinweis, dass in Deutschland die Gefahr schwerer Erdbeben oder eins Tsunamis als nicht existent betrachtet werden kann, hilft da nicht weiter. Denn, auch wenn das Risiko eines Zwischenfalls bei Null liegen würde, bleibt dem Kernkraftgegner immer noch die „ungelöste Endlagerfrage“ als Rückfallebene.

Schließlich fallen in einem Kernkraftwerk immer radioaktive Reststoffe an. Und im Fall der in Deutschland üblichen Druck- und Siedewasser-Reaktoren befinden sich darunter auch immer äußerst langlebige Transurane, von denen Plutonium das bekannteste ist. Und diese Stoffe sind wirklich unangenehm. Sie sind radioaktiv, zumeist hochgiftig, und ihre Halbwertzeit liegt im Bereich mehrerer 10.000 Jahre, so dass ein sicheres Endlager für mehrere 100.000 Jahre gewährleistet werden müsste. Und da ein solches kaum zu garantieren ist, ist damit eine Endlagerung solcher Stoffe in unserer, dem Vorsorgeprinzip verschriebenen, Null-Risiko-Gesellschaft de Facto nicht möglich.

Zeitplan ins Nirgendwo

Der jetzt vorgestellte Zeitplan ist eigentlich nichts anderes als ein Eingeständnis dieser, auf den ersten Blick fatalen, Situation. Und somit zunächst Wasser auf die Mühlen derjenigen, die schon immer gewusst haben wollen, dass es sich bei der Kernkraft um „unbeherrschbare Risikotechnologie“ handelt. Aber eben nur auf den ersten Blick.

Denn tatsächlich wäre das verbuddeln von Reststoffen aus unseren Kernkraftwerken in tiefen Löchern im Boden eine gigantische Energieverschwendung. Das Material kann man viel besser dazu nutzen, um daraus Energie zu gewinnen. Sehr viel Energie. Und dabei gleichzeitig daraus Stoffe erzeugen, die nach weniger als 300 Jahren Lagerung auf das Niveau von Natururan abgeklungen sind, deren Lagerung also eine leicht lösbare Aufgabe darstellt.

Alternativen zur Endlagerung bereits vorhanden

Regelmäßige Leser dieses Blogs werden wissen, dass es sich dabei keinesfalls um Zukunftsvisionen handelt. Kernreaktoren, die mit Hilfe von schnellen Neutronen in der Lage sind, Transurane wie Plutonium, Americium oder Neptunium zu spalten, so dass deren Energie nutzbar wird, und die diese dabei in kurzlebige und vergleichsweise harmlose Spaltprodukte umzuwandeln, gibt es bereits heute.  Russland hat mit dem BN 800 im letzten Jahr sogar schon die zweite Generation eines solchen Reaktors in Betrieb genommen. Der Prism-Reaktor von GE-Hitachi ist ebenfalls fertig entwickelt und kann von interessierten Käufern erworben werden.

In Indien wird voraussichtlich in diesem Jahr der Prototyp eines schnellen Brüters (PFBR) zum ersten mal kritisch werden und soll im nächsten Jahr ans Netz gehen. Dieser wird dann als Brüter betrieben werden, erzeugt also Plutonium. Allerdings kann man das gleiche Reaktorkonzept auch nutzen, um Plutonium zu verbrennen.

In China werden verschiedene Konzepte von Kernreaktoren mit schnellen Reaktoren entwickelt. Ein Weg ist dabei die Nutzung von Flüssigsalz-Reaktoren, in denen sowohl Thorium als Brennstoff genutzt werden kann, oder eben die bei uns als Atommüll bezeichneten Reststoffe aus den Leichtwasserreaktoren.

Im Belgischen Mol entsteht zur Zeit eine Versuchsanlage, bei der schnelle Neutronen aus einem Teilchenbeschleuniger genutzt werden sollen, um aus langlebigen radioaktiven Stoffen Energie und kurzlebige Spaltprodukte zu erzeugen. Die Anlage soll bis 2022 fertiggestellt sein und 2025 auf voller Leistung betrieben werden.

Deutschland ist (fast) außen vor

Und selbst Deutschland ist von der Entwicklung noch nicht ganz abgehängt. Eine kleine Gruppe von idealistischen Forschern stellt mit dem Institut für Festkörper-Kernphysik in Berlin so etwas wie die letzte Bastion der Kerntechnischen Grundlagenforschung in Deutschland dar. Und mit dem von Ihnen konzipierten Dual Fluid Reaktor haben sie es mittlerweile geschafft, nicht nur international bei Forschern Anerkennung für ihr Projekt zu bekommen, sondern können inzwischen auch hierzulande von den Medien nicht mehr ignoriert werden (Mehr zum Dual Fluid Reaktor im Science Skeptical Blog).

In der Vergangenheit gehörte Deutschland auch mit seinen Universitäten und großen Kernforschungsinstituten zur Weltspitze bei der Erforschung neuer Kernkraftkonzepten. Im Forschungszentrum Karlsruhe wurde von den frühen 1970ern bis Anfang der 90er Jahre zwei natriumgekühlte Reaktoren betrieben. Allerdings kamen danach sämtliche Forschungen zu dem Thema zum Erliegen. Der 300 MW Versuchsreaktor in Kalkar ging nie in Betrieb. Die Gründe hierfür waren nicht technischer Natur. Deutschland hatte sich bereits damals entschieden, aus der Kernenergie auszusteigen, die Entwicklungen finden seitdem anderswo statt. Alles was uns geblieben ist, ist „der Problemfall“ Endlagersuche.

Mit dem jetzt vorgegebenen Zeitfenster für die Standortsuche und die Errichtung eines Endlagers hat sich das Thema allerdings quasi von selbst erledigt. Bis man sich bei uns auch nur auf einen geeigneten Standort geeinigt hat, werden die Alternativen zu einer Endlagerung längst Stand der Technik sein. Eine Technik, die überall auf der Welt entwickelt wird, nur nicht in Deutschland. Stattdessen werden wir in der Zwischenzeit noch viele Milliarden Euro für die Endlagersuche verbrennen und dutzende Kommissionen damit beschäftigen. Um dann sagen zu können, dass die Kernkraft sich ohnehin nicht lohnt, schließlich sei sie offensichtlich viel zu teuer.

Weiterführende Links:

Nuklearia – Wohin mit dem Atommüll

Die Moritat von der ungelösten Endlagerfrage

 Titelbild: Längsschnitt des Russischen BN-800-Reaktorbehälters [Bildquelle]

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9 Kommentare
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  1. Das war bereits abzusehen, als diese „Findungskommission“ ins Leben gerufen wurde. Wie Du richtig schreibst, es darf aus ideologischen Gründen gar kein „Endlager“ gefunden werden. Denn, wenn in ein paar Jahren auch der letzte Meiler abgeschalten wird (ich hoffe, dass es doch nicht dazu kommt), bleibt ja „nur“ diese ungelöste Endlagerfrage als „Problem“, um damit weiterhin Ängste zu schüren und Kasse zu machen. Der Spendentopf der grünen NGO`s soll ja schließlich weiterhin prall gefüllt sein.

    karl.s

  2. Parallel zu der Moritat der ungelösten Endlagerfrage von „Atomlobbyist“ Klaus-Dieter Humpich ist auch sein Büchlein Atommüll, der Versuch einer Neubetrachtung als gute Sachinformation zum Umgang mit „Atommüll“ hochinteressant und lesenswert.

  3. Auch wenn die deutsche Politik aus der Zukunfts- und Hochtechnologie Kernkraft, auf Grund von Grünen Angstmärchen Erzahler, aussteigen will, wird es in Europa weiterhin die Kernkraft geben und diese wird weiter ausgebaut und weiter entwickelt. Rußland, China, die USA geben da den Takt vor und ich hoffe für Europa, dass sich der einzig große Kernkraftbauer AREVA sich nicht weiter von den Entwicklungen in der Kernkraftbranche abhängen lässt.

  4. Beim Thema Kernkraft und Endlager zeigt sich mal wieder die deutsche Massenhysterie. Die Leute sind Argumenten nicht mehr zugänglich. Nichts spricht gegen eine weitere Lagerung der radioaktiven Abfälle in Zwischenlagern, bis man diese in neuen Kernreaktoren nutzen kann. Einfaches Verbuddeln in ausgedienten, tiefen Grubenanlagen, ist auch kein Problem. Da kommt sowieso nichts, so einfach wieder an die Oberfläche. Und wenn dann erst, wenn die Menschheit längst ausgestorben ist, oder den Weltraum besiedelt hat und für Radioaktivität nur noch ein müdes Lächeln übrig hat.

  5. Ich denke, die Atomkraftgegner haben uns mit der ewigen Endlagersuche und den angeblich riesigen Kosten ungewollt die Vorlage für den späteren Wiedereinstieg in die Kernkraft geliefert. Wenn die Endlagerung nämlich wirklich so aufwendig und teuer ist, wie sie immer von ihnen beschrieben wird, dann gewinnen technische Lösungen für dieses „Problem“ automatisch an Attraktivität. Zusammen mit dem absehbaren Scheitern der Energiewende sind das optimale Bedingungen für den Neubau von Kernkraftwerken der vierten Generation.

  6. Leider verbieten die Amerikaner den Südkoreanern auch die Wiederaufbereitung. http://www.defenseone.com/politics/2015/03/nuclear-future-us-south-korean-relations/108802/

  7. Ich benutze die „ungelöste Endlagerfrage“ inzwischen immer als moralischen Hebel, schließlich sind wir dafür verantwortlich unseren Kindern eine bessere Welt zu hinterlassen, denn wir haben ja nur eine Erde, etc. und dann sollten wir schleunigst Transmutations- Kernkraftwerke bauen damit wir den Müll loswerden. Da geht den grünreligösen immer der Hut hoch.

  8. nennt das nicht immer „Müll“! Müll ist wertlos, man will ihn loswerden. Das sind Stoffe, die man jetzt schon nutzen kann und die in Zukunft auch genutzt werden können. Wir dürfen diese Stoffe nicht vergraben, sondern rückholbar lagern, weil wir sie unseren Nachkommen erhalten müssen und nicht vorenthalten dürfen. Was glaubt ihr denn, wie sehr uns nachfolgende Generationen verfluchen werden, wenn sie mühsam diese Stoffe wieder ausbuddeln müssen. Endlager! Endsieg! was soll der Quatsch?

  9. Warum eigentlich mögen die Grünen und ihre außerparlamentarischen und übernationalistischen Organisationen nördlich der Alpen die Kernkraft nicht? So sind doch die bekanntesten Vorkämpfer der AGW in der USA für einen Ausbau von Kernenergie: „Dr. James Hansen is also a supporter of nuclear power. A few months ago, James Hansen, Ken Caldeira, Kerry Emanuel and Tom Wigley published an open letter, calling for and end to opposition to nuclear power, for the sake of the environment.“
    In Finnland ist inzwischen die Planung eines russischen Reaktor in Pyhäjärvi in der nördlichen Ostsee fast fertig. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren seit dem die Regierung ihren Segen zum Neubau im vergangenen Herbst gegeben hat. Die Finanzierung steht, das Baugelände ist schon gerodet und die Infrastruktur für die Bauarbeiten so gut wie fertig. Angefangen wird im Herbst und die Bauarbeiten sollten bis 2020 fertig sein.
    Wir werden in einigen Wochen eine neue Regierung erhalten, die die Richtlinien für eine neue Strom-Energieinfrastruktur festlegen wird. Finnland importiert im Augenblick fast 40 % der verbrauchten Strommenge, man will in 10 Jahren wieder autonom sein. Kernkraft wird zum Hauptträger dieser Strategie werden. Finnland muss doch seine CO2-Emissionen vermindern…
    Der nordische Stromriese Fortum, dessen Hauptanteilaktionär der finnische Staat ist, hat vor kurzem seine Stromtrassen in Schweden und in Finnland verkauft und hat heute eine Kaffeekasse von fast 10 Milliarden -- das reicht um 2 neue Reaktoren von Rusatom im Herbst zu bestellen. Ausserdem will die zukünftige Zentrum-regierungpartei auch noch fast sämtliche Flüsse in denen noch keine Turbinen Strom erzeugen, regulieren und mehrere Stauseen bauen. Auch hier könnte der Baubeginn schon im Herbst sein. Dürfte für oben genannte Grüne und Greenpeace eine Kriegerklärung sein.
    Pikant ist auch dass der designierte Ministerpräsident Sipilä von der Zentrumpartei die Regierung radikal verkleinern will, u.a. soll das Umweltministerium ins Landwirtschaftsministerium eingegliedert werden -- mal sehen ob dieses Wahlversprechen gehalten wird.
    Ach ja, wir haben vier ältere Reaktoren im Betrieb, die im Augenblick modernisiert werden -für alle gilt: passive Kühlanlagen sowie Anschaffung von externen Dieselmotorgetriebene Pumpanlagen -- ein weiterer Reaktor
    ist im Bau und sollte, so wie der Berliner Flugplatz, schon vor zwei Jahren fertig sein. Areva har enorme Schwierigkeiten seit der Scheidung von Siemens. Die älteren Reaktoren sollen bis Mitte 2030 in Betrieb sein, und nach und nach durch neue ersetzt werden. Zu den erneuerbaren Energien gehört auch die Produktion von Strom und Fernwärme durch Brennholzkraftwerken, deren Energiewirkungsgrad dann aber mit Öl oder Kohle „verfeinert“ werden muss. Alle diese Massnahmen müssen so schnell wie möglich in Gang gesetzt werden, um die Konjunktur in Gang zu bekommen. Der BNP-index ist seit einigen Jahren negativ.

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