USA kooperiert mit China bei Flüssigsalz-Thorium-Reaktor

7. Februar 2015 | Von | Kategorie: Artikel, Energieerzeugung, Innovationspolitik, Kernenergie, Politik

772px-MSRE_ReactorÜber den Flüssigsalz-Thorium-Reaktor haben wir hier schon des öfteren berichtet. Es handelt sich dabei um einen Kernreaktor, in dem in einem geschmolzenen Kern aus Thorium 232 Uran 233 erbrütet wird, welches dann über Kernspaltung Energie erzeugt. Charmant an dem Konzept ist zum einen die inhärente Sicherheit, das heißt auch im Falle eines völligen Versagens der Reaktor-Infrastruktur geht dieser von selbst in einen sicheren Zustand, und zum anderen der Umstand, dass keine langlebigen radioaktiven Reststoffe entstehen. Nur ein sehr geringer Teil der Spaltprodukte muss maximal 300 Jahre sicher gelagert werden. Als besonderen Bonus kann ist ein solcher Reaktor auch in der Lage das, was wir heute als Atommüll bezeichnen, in Energie und unkritische Spaltprodukte umzuwandeln. Eine Spezialform dieses Reaktortyps ist der in in Berlin am Institut für Festkörperphysik entwickelte Dual-Fluid-Reaktor.

In Deutschland heute undenkbar

Es versteht sich in Deutschland nahezu von selbst, dass über eine Entwicklung dieses Konzeptes bei uns nicht einmal nachgedacht wird. Jede Form der Energiegewinnung, die auf der Einstein-Gleichung E=mc² beruht, ist böses Atom und damit des Teufels. Unerheblich, ob damit handfeste Vorteile verknüpft sind, wie die Lösung der Endlagerfrage.

Anders liegt der Fall in China. Das aufstrebende Reich hat einen so gigantischen Energiebedarf, dass man sich Denkverbote wie in Deutschland nicht leistet und jede Art der Energieerzeugung, sei es Windkraft und Photovoltaik, und eben auch die Kernkraft, weiterentwickelt und auf ihre Praktikabilität testet. Hinzu kommt im Fall von China noch, dass das Land über den Brennstoff Thorium bereits heute praktisch unbegrenzt verfügt. Schließlich kommt es in der Natur vergesellschaftet mit den Seltenen Erden vor, die bislang vor allem in China gefördert werden. Und damit auch immer das radioaktive Thorium, dass dort mittlerweile auf riesigen Halden liegt. Interessantes Detail dabei ist, dass ein nicht geringer Teil dieses „Atommülls“ produziert wird, damit in Deutschland Windräder mit Neodym-Magneten Strom erzeugen können.

China geht Probleme pragmatischer an

Es liegt nahe, dass China das Problem ganz pragmatisch angeht und nicht, wie das in Deutschland sicherlich der Fall wäre, fachlich überforderte „Expertenkommissionen“ nach einem Endlager suchen lässt. Stattdessen arbeiten dort hunderte Wissenschaftler seit einigen Jahren an der Weiterentwicklung einer Technologie, bei der nicht nur das Thorium zur Energieerzeugung genutzt wird, sondern bei der als „Abfall“ wertvolle Rohstoffe, darunter auch Seltene Erden, entstehen.

Wie das amerikanische Magazin Fortune jetzt berichtet, bekommen die Chinesen bei der Entwicklung jetzt Unterstützung aus den USA. Schließlich liegt dort die Wiege der Flüssigsalz-Reaktor Technologie. Der Kernphysiker Alvin Weinberg hat am Oak Ridge National Laboratory in den 60er Jahren Pionierarbeit geleistet und von 1965 bis 1969 den weltweit ersten Flüssigsalz-Reaktor erfolgreich betrieben.

USA kooperiert mit China

Von der damals gewonnenen Erfahrung sollen jetzt die Chinesen profitieren. Fortune dazu:

The Department of Energy is dusting off one of the old betamaxes of nuclear technology: The molten salt reactor. But with political will lacking at home, it will rise in China.

In 1973, the Nixon administration made a momentous decision that altered the course of civilian nuclear power: It fired the director of the Oak Ridge National Laboratory, scuppering development of a reactor widely regarded as safer and superior to the complicated, inferior behemoths that define the global industry to this day.

… Decades later, the U.S. Department of Energy (which owns Oak Ridge) is slowly reawakening to Weinberg’s vision. But this time, rather than build a molten-salt reactor itself—the country currently lacks the political will and funding to do so—the U.S. is helping others.

Das Department of Energy entstaubt eines der Urgesteine der Kerntechnologie. Den Flüssigsalzreaktor. Allerdings wird dieses wegen fehlender politischer Unterstützung zu Hause jetzt in China wiederbelebt.

1973 traf die Regierung Nixon eine folgenschwere Entscheidung, welche den Kurs der zivilen Nutzung der Kenrkraft entscheidend verändert hat: Man entließ damals den Direktor des renommierten Oak Ridge National Laboratory und stoppte damit die Entwicklung eines nuklearen Reaktors, der weithin als sicherer und technisch überlegen angesehen wurde, als die komplizierten und technologisch minderwertigen Großkraftwerke, welche bis heute die Kernkraft-Technik dominieren.

… Jahrzehnte später beginnt das Department of Energy (welches Oak Ridge bis heute besitzt) langsam mit einer Wiederbelebung von Weinbergs Vision. Nur dass es diesmal nicht selbst einen Flüssigsalzreaktor baut – es fehlt im Land der politische Wille und damit die Finanzierung – diesmal helfen die USA anderen.

Nach Angaben von Fortune plant die USA, mit China eine Kooperation über zunächst 10 Jahre einzugehen, mit dem Ziel dort in dieser Zeit mindestens einen funktionierenden Reaktor ans Laufen zu bringen. Die Vision dahinter ist die Entwicklung von Reaktoren, die in kommerziellem Maßstab Energie erzeugen können.

“The Chinese will be doing work and sharing information with us, and we’ll be applying our expertise and supporting them,” Oak Ridge nuclear engineer Jess Gehin tells Fortune. “They’re going to build a reactor there [in China]. Hopefully one will get built in the U.S., but there isn’t any concrete plan for that.”

„Die Chinesen werden die Arebeit machen und mit uns die Informationen teilen, und wir werden Sie mit unserer Expertise unterstützen.“ verrätder Oak Ridge Kernforscher Jess Gehin Fortune. „Sie werden dort [in China] einen Reaktor bauen. Und hoffentlich bekommen wir auch einen in den USA, allerdings gibt es dafür noch keine konkreten Pläne.“

Die Aussichten, dass das Projekt erfolgreich enden wird, sind groß. Ist doch vor fast 50 Jahren in Oakfield bereits gezeigt worden, dass das Prinzip funktioniert. Und seitdem hat sich gerade bei der Entwicklung der für einen solchen Reaktor so wichtigen Hochleistungs-Werkstoffe dramatisches getan. Auch was die Wirtschaftlichkeit angeht, spricht einiges dafür, dass Flüssigsalz-Thorium-Reaktoren mehr als wettbewerbsfähig betrieben werden können.

Ob ein solcher Reaktor dann auch für Deutschland interessant werden könnte, steht auf einem ganz anderen Blatt. Technologisch wäre er das auf alle Fälle. Preiswerte und verfügbare Energie aus im Überfluss vorhandenen Rohstoffen, inhärente Sicherheit und die Möglichkeit unseren „Atommüll“ nicht endlagern zu müssen, sondern mit Gewinn in harmlose Spaltprodukte umwandeln zu können, sollte für jeden rational denkenden Politiker eine äußerst attraktive Vorstellung sein. Nur leider scheint die Spezies des rational denkenden Politikers in Deutschland, wenn noch nicht ausgestorben, doch extrem selten geworden zu sein.

Titelbild: Der Oak-Ridge Versuchsreaktor, der von 1965 bis 1969 erfolgreich betrieben wurde. Bildquelle: Wikimedia Commons

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14 Kommentare
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  1. Das ist halt der gravierende Unterschied zwischen der deutschen Politik und dem Rest der Welt.
    Die deutsche Politik hat selten die technische und wirtschaftliche Vernunft in den Mittelpunkt ihres Handel gestellt, sondern immer eine Ideologie. Und diese Ideologie wurde zu meist mit dem „Sozialen“ verknüpft, um das Volk damit so schnell wie möglich auf Linie zu bringen. Ob es jetzt die Genwissenschaft ist oder die Energiewissenschaft oder auch die Wissenschaft im allgemeinen. In erster Linie geht es in der deutschen Politik dann nicht darum, was die Wissenschaft an Fortschritt bringen kann, sondern wie „Gefährlich“ doch diese Wissenschaft und ein freier Markt für uns ist.
    Im Vorfeld schmettert die deutsche Politik schon alle neuen Wissenschaftswege ab, die nicht in ihre Ideologie passt ohne nach dem Nutzen für uns als Gesellschaft zu fragen. Im Zweifel überwiegen dann immer die „Gefahr“. Aber so wird sich die deutsche und europäische Gesellschaft nicht weiterentwickeln können, wenn die Politik per „Gefahr und Angst“ das Leben und den Fortschritt in EU-Deutschland blockiert. Da gehen die Amits und die Chinesen schon ganz anders zur Sache. Diese Nationen sind nicht von der „Angst und Gefahrenpropaganda“ der Politik infiziert und damit geschwächt, im Gegenteil. Auch Obama ist nicht soweit gegangen, die Kernkraft in den USA zu verbieten oder das Fracking oder andere Wissenschafts- Wirtschaftsgebiete. Diesen Selbstmord gibt es nur in der angstbesessenen und Gefahren-Weltsicht einer ideologischen Grünen EU-Deutschland Politik.

  2. Die Zusammenarbeit von OAK-Ridge un den Chinesen bezieht sich eher auf einen anderen Reaktortyp als den MSR. Die Quelle Fortune (Link im Artikel) sagt:

    The U.S. Department of Energy is specifically helping China develop a machine that uses solid, pebble-shaped fuel, but that will use flowing molten salts as the reactor’s “coolant.

    Interessanter ist da schon die Zusammenarbeit mit Terrestrial Energy.
    In der Meldung von Terrestrial Energy zur Zusammenarbeit mit OAK-Ridge kann man lesen:

    Private sector engagement will be necessary to commercialize MSR technology, and ORNL is encouraged by Terrestrial Energy’s plans and commitment in the development of its Integral Molten Salt Reactor.

    Ich glaube, dass da was Wahres dran ist und würde für die Zukunft eher dahin gucken, als zu so einem büroktatisierten Riesen, wie dem chinesischen Staat.

  3. Auf Terrestrial Energy wollte ich auch hinweisen, da ist mir Herr Straten zuvorgekommen.

    Ich denke ja immer, Innovationen werden von Menschen gemacht und nicht von Strukturen. Hinter Terrestrial Energy steckt David Leblanc, und daher ist das Unternehmen durchaus ernstzunehmen:

    https://www.youtube.com/watch?v=m8Rg9V7JXic

    Aber auch von Kirk Sorensen (Flibe Energy) gibt es etwas Neues:

  4. Herr Kipp,

    gut, dass Sie mal wieder den Blick über den deutschen Tellerrand wagen. Für jeden klar denkenden Menschen liegt die Zukunft der globalen Energieversorgung in der Nutzung von Kernspaltungs- oder/oder Kernfusionsprozessen -- es sei denn, bisher unbekannte Energieträger mit noch höherer Energiedichte werden bekannt -. Jeglicher Fortschritt korreliert mit der zunehmenden Verfügbarkeit und gleichzeitiger relativer Verbilligung von Energieressourcen. Wenn wir in Deutschland den hanebüchenen Unsinn einer „Energiewende“ zu sogenannten „Erneuerbaren Energien“ verfolgen, dann können wir das auch nur, weil wir -- ökonomisch gesehen -- Substanzverzehr betreiben, der leider erst mit Verzögerung wirken wird. Dass diese Substanz vor allem mit Hilfe preiswerter fossiler und atomarer Energieträger geschaffen wurde, ficht die Protagonisten des Ökomainstreams in keiner Weise an. Bin gespannt, ob sich in den aufstrebenden Industrienationen dieser Welt zwischenzeitlich auch der Ökovirus einnisten wird und wir die Einführung atomarer Energiewandlungsmethoden tatsächlich erst in vielen Jahrzehnten bzw. sogar Jahrhunderten sehen werden, wenn der Mangel an preiswerten Alternativen dies gebietet. In Deutschland jedenfalls werden wir bestenfalls späte Trittbrettfahrer sein, wie im Falle gentechnisch hergestellter Arzneimittel, die bis Mitte der 90er Jahr „des Teufels“ waren und heute von uns aus dem Ausland zugekauft werden, weil unsere eigene Pharmaindustrie hier nicht tätig werden durfte. Ist schon ein Trauerspiel.

    Gruß H. Hoffmeister

  5. @Peter

    Ich denke ja immer, Innovationen werden von Menschen gemacht und nicht von Strukturen.

    Damit bist Du nicht allein. Anita Zielina meint in WIRED:

    „Hinter Innovation stecken immer Menschen, die sich entschieden haben, etwas anders zu machen“

  6. @ Quentin:

    Schöner Link, danke. Die Dame hat völlig recht mit ihren Ausführungen:

    Der Faktor Mensch wird in der Innovationsarbeit oft stiefmütterlich behandelt. Eine neue Firmenstruktur zu bauen, eine Konvergenzstrategie in Redaktionen zu leben, ein cooles neues technisches Gadget einzukaufen, ein hausinternes Startup-System aufzubauen — das alles verpufft schnell, wenn ich es nicht hinbekomme, das Team auch mitzunehmen und bei einer Veränderung zu unterstützen. Das erfordert aber auch, als Führung offen dafür zu sein, sich selbst zu verändern. Das ist man als Chef oft gar nicht gewohnt.

    Was sie sagt, entspricht meinen Erfahrungen.

  7. China ? —- Warum nicht Indien?
    http://www.itheo.org/articles/do-you-want-work-thorium-energy-development-india

    Ganz besonders würde ich den Kovalam Beach in Kerala empfehlen., obwohl es dort heute nicht mehr so einsam ist wie noch vor 40 Jahren, Monazid – Sand gibt es immer noch jede Menge. 🙂

  8. Und für die Anreise nach Kerala entlang der Westghats , vielleicht ab Goa, würde ich empfehlen: :http://de.wikipedia.org/wiki/Royal_Enfield#mediaviewer/File:Continental_GT_535_2014.JPG
    ( Weil in Goa findet man sicherlich noch immer ne passende Sozia.-- Dem Injenjör ist nix zu schwör !! )

    ( BTW : Oben bitte eins der beiden Postings löschen )

  9. @ Gerhard Straten und Peter Heller,

    der Hinweis auf Terrestrial Energy ist in der Tat sehr angebracht und scheint aus meiner Sicht nach nochmaligem Lesen des Artikels sogar der relevantere Aspekt zu sein. Dieses Überlesen meinerseits ist ein gutes Beispiel, wie man Texte nicht lesen sollte, nämlich nur aus dem Gesichtspunkt, den man gerade im Kopf hat. Da hat der Konfirmation Bias gnadenlos zugeschlagen.

    Ich habe mich jetzt ein wenig auf der Homepage von Terrestrial Energy umgesehen. Der Ansatz, die Entwicklung eines neuen Reaktortyps als Privatfirma durchzuführen, ist hochspannend. Wobei, genauso spannend ist die Frage der Finanzierung einer solchen Entwicklung. Hier sind in den letzten Jahrzehnten ja vor allem deshalb Staaten aktiv gewesen, weil es sehr viel Geld kostet und viele Jahre dauert, bis man einen Nuklearrektor zur Marktreife gebracht hat. Hier wäre es interessant, einmal die Hintergründe zu beleuchten. Auf jeden Fall ein Thema für einen eigenen Artikel.

  10. Hallo Zusammen,
    ein sehr guter Artikel und ein viel zu wenig behandeltes Thema.
    Thorium-Reaktoren hätte man schon seit 40 Jahren einsetzen müssen.
    Aber da gibt es leider genug Faktoren die das verhinderten.

    Die Lösung ist interessant bis das (mein persönlicher Favorit) fertiggestellt ist:

    http://lawrencevilleplasmaphysics.com

    In solche Konzepte sollten wir und unser Land investieren. Dabei sollte nicht nur monetär gefördert werden sondern viel mehr die nötoge Aufmerksamkeit für das Thema aufgebaut werden.

  11. Jede Form der Energiegewinnung, die auf E=mc^2 beruht…. trifft das nicht auch auf chemische Brennstoffe zu?
    Die Verbrennungsprodukte wiegen doch einige milliardstel milliardstel Gramm weniger als Ausgangstoffe+Sauerstoff…

  12. @ Heraklit, #11:

    Im Grunde trifft das Gesetz sogar auf jede Form der Energieumwandlung zu. Die Frage ist nur, wie man am effektivsten davon Gebrauch macht.

  13. Wenn wir nur an Deutschland denken, sollten wir lieber gleich eine Depression buchen. Ich habe eigentlich immer gegen Leute argumentiert, die unser Land schlecht reden wollen … aber wenn einem die Hoffnung ausgeht …

    Da kann man sich doch bei weiterem Horizont wieder frische Hoffnung holen. Auch eine chinesische, indische oder US-Entwicklung kann uns in die Zukunft helfen.

  14. Das Problem ist nur, wie kann man den Deutschen Endverbraucher davon überzeugen das ein Flüssigsalz Reaktor eine gute Alternative oder besser gesagt eine gute Lösung wäre.
    Es kann sicherlich nicht die dauerhafte Lösung sein den ständig und steigenden Energiebedarf mit Fossilen Brennstoffen zu realisieren. Auch die sogenannten Biogas-Anlagen sind nicht so Bio wie es dem Endverbraucher immer wieder offeriert wird.
    Es wird langsam Zeit das auch die Politik sich damit abfinden muss das die sogenannte Energiewende gescheitert ist.
    Auch der Standort Deutschland ist für die Industrie gefährdet, da die Energie kosten immer weiter steigen.
    Also lassen Sie uns doch neue und Innovative Wege in der Kerntechnologie gehen.

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