„Das habe ich aus der Zeitung ausgeschnitten…“

19. November 2015 | Von | Kategorie: "Erneuerbare Energien", Artikel, Energieerzeugung, Energiewende, Kernenergie, Klimawandel

Am vergangenen Dienstag (17.11.2015) fand in Hannover eine Veranstaltung der Friedrich-Naumann-Stiftung zur Energiewende statt. Unter dem Motto „Zwei Physiker – zwei Standpunkte“ trugen Prof. Wolfgang Eberhardt (TU Berlin) und Prof. Gerd Ganteför (Universität Konstanz) ihre differierenden Meinungen zum Thema vor. Vor dem Hotel verteilten zwei aktive Mitglieder einer mir bislang nicht bekannten Gruppe namens KlimaKontroverse.de klima- und energiewendeskeptische Flyer.

Langweiliger kann man einen Artikel nicht beginnen. Das ist Absicht, denn eine langweiligere Veranstaltung kann man sich auch kaum ausdenken. Der Saal war mit etwa 100 Personen bis auf den letzten Platz gefüllt. Als ich ihn betrat und die beiden Professoren bei ihren etwas ungelenken Versuchen beobachten durfte, Computer, Beamer, Laserpointer und Headset in Betrieb zu nehmen, ahnte ich schon, was da wohl noch kommen würde.

Ein Vertreter des Veranstalters begrüßte uns, das Programm stockend von der Einladung ablesend, als ob er zum ersten Mal vom geplanten Inhalt des Abends erfuhr. Dann nuschelte er noch etwas von einer kurzen Einführung, in der er uns über das Bildungsprogramm der Stiftung erzählen wolle. Was in der Information gipfelte, die Stiftung würde ein Bildungsprogramm veranstalten. Womit das Niveau des folgenden bereits umrissen wäre.

Eberhardt begann mit seiner Präsentation, in der er sich an Folien entlanghangelte, die vor allem einen Mangel an Kompetenz im Umgang mit Powerpoint verrieten. Prägend für ihn war das Buch „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome. Da nun, wie er schnell einräumte, keine der Prognosen aus den 1970er Jahren auch nur im geringsten eingetroffen war, taugte dieser kurze Ausflug in seine Studentenzeit nicht als Begründung für die Energiewende. Stattdessen führte er zwei Aspekte an: den Klimawandel und die Luftverschmutzung. Zum Beleg letzterer warf er eingescannte Ausschnitte aus Tageszeitungen an die Wand, deren jüngster ein Alter von etwa zehn Jahren aufwies. Die sichtliche Befriedigung, mit der er jeweils verkündete „das habe ich aus der Zeitung ausgeschnitten“, irritierte mich ein wenig. Primärquellen und tiefere Betrachtungen des Klimawandels blieb er uns schuldig. Zur Energiewende selbst begann er mit ebenfalls veralteten Daten (entsprechende Diagramme endeten 2008), die die Entwicklung des Energiemixes weltweit und in Deutschland zeigten. Belegen wollte er damit nur den Primärenergieanteil fossiler Brennstoffe von etwa 80% in beiden Fällen. Das könne man nun ändern durch Wind und Sonne, ergänzt durch Biomasse und „Wasserspeicher“ (gemeint waren wohl Pumpspeicherkraftwerke). Der Verkehr würde elektrifiziert.

Und das war es dann. Keine Analyse. Keine Abschätzung von Potentialen, Kosten und Flächenbedarfen. Keine Erläuterung, wie sich die Bundesregierung die Energiewende im zeitlichen und technischen Ablauf vorstellt. Keine Betrachtung der politischen Maßnahmen oder auch nur gesellschaftlicher und ökonomischer Trends. Niemand, der diesen Vortrag verfolgte, hätte ohne Vorwissen hinterher sagen können, wie denn das Konzept der Energiewende überhaupt aussieht. Da Zwischenrufe aus dem Publikum eine in diesem verbreitete Unkenntnis über den Unterschied zwischen Leistung und Energie offenbarten, war das vielleicht auch nicht tragisch.

Im Verlauf der Eberhardtschen Ausführungen gelangte die Nachricht in den Saal, das zeitgleich geplante Fußballspiel Deutschland-Niederlande sei wegen einer Bombendrohung abgesagt worden. Durch die Fenster flackerte das Blaulicht zahlreicher vorbeirauschender Einsatzfahrzeuge.

Ganteför ist ein guter Unterhalter und ein Meister der Anekdote. Ob aber eine Aneinanderreihung von Bonmots und der ständige Verweis auf das Glühbirnenverbot wirksame Argumente gegen die Energiewende darstellen, wage ich zu bezweifeln. Da er mich mit meinem Handy herumfuchteln sah, beeilte er sich wortreich darzustellen, man müsse die Folien nicht abfotografieren. Man könne diese per Mail bei ihm beziehen. Lieber Gerd Ganteför, ich habe nicht die informationsleeren Folien fotografiert, sondern Sie und Ihren Kollegen. Für diesen Artikel.

Ganteförs Kernargumente gegen die Energiewende lauteten, es gäbe erstens wichtigere Probleme als den zweitens nicht wirklich gefährlichen Klimawandel. Auch hier keine Begründung, keine Analyse, kein Tiefgang. Als bedeutendstes Problem der Menschheit führte er die „Überbevölkerung“ an. Wie sich im weiteren Verlauf zeigte, meinte er aber eigentlich die Armut. Dies war weder ihm noch dem Publikum klar.

Im Anschluß an die Präsentationen griff wieder der Mann mit dem Stiftungs-Bildungsauftrag zum Mikrofon. Er teilte uns mit, die Polizei hätte die Warnung vor Anschlägen unterdessen auf das gesamte Stadtgebiet ausgedehnt. Er stellte uns frei, die Veranstaltung nun zu beenden. Das aber wollte keiner.

Denn manch einer besucht solche Abende ja nur, um tagelang eingeübte Koreferate zu halten, die meist vom Kernthema weit entfernt sind. So begann der erste ausschweifend von seinen Erlebnissen in Indien zu erzählen (wegen der Überbevölkerung), ohne auch nur einer konkreten Frage an die beiden Referenten näherzukommen. Der endlich erfolgende Hinweis des Stiftungs-Bildungsbeauftragten, doch bitte zu einer Frage zu gelangen, führte zu ebenso länglichen Ausführungen über die Kernenergie. Eberhardt, der mal am Kernforschungszentrum Jülich beschäftigt war, gab darauf nur Unzusammenhängendes über radioaktive Abfälle zum besten. Was dann den zweiten Fragesteller motivierte, ausführlich verschiedene Entsorgungskonzepte zu beschreiben.

Ich kam danach an die Reihe und versuchte, die Diskussion zur Energiewende zurückzuführen. Mein Standardverweis auf die Grundstoffindustrie induzierte bei Eberhardt den mit einer gewissen Vehemenz ausgesprochenen Satz, er wäre kein Schellnhuber, der daran glaube, den Kohlenstoff völlig aus den Herstellungsketten verbannen zu müssen. Aber man könne die erforderliche Prozesswärme ja auch mit Wasserstoff bereitstellen und den Kohlenstoff aus dem Kohlendioxid zurückgewinnen. Sicher eine charmante Vision, der ich mit einem Hinweis auf den dazu notwendigen Energiebedarf begegnete, zu dessen wirtschaftlicher Darstellung man wohl Kernfusion oder zumindest Hochtemperaturreaktoren benötige. Eberhardt tappte in diese Falle und meinte triumphierend, mit letzteren könne man ja auch sehr einfach Wasserstoff produzieren. „Eben“, lächelte ich ihn an, „eben, Herr Eberhardt“.

Ich verließ den Saal wenig später, um meinen Zug noch zu erwischen. Der kurze Weg zum Hauptbahnhof bescherte mir den Anblick vieler schwerbewaffneter Polizisten. Ich fuhr gerade noch rechtzeitig. Wenige Minuten danach brachte ein verdächtiges Gepäckstück den Bahnverkehr zum Erliegen. Dazu mehr auf der Achse des Guten.

Gerd Ganteför (links, sitzend) und Wolfgang Eberhard (rechts) bei ihrem Versuch, etwas zur Energiewende zu sagen

Gerd Ganteför (links, sitzend) und Wolfgang Eberhardt (rechts) bei ihrem Versuch, etwas zur Energiewende zu sagen


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6 Kommentare
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  1. Also zumindest auf dem Heimweg Glück gehabt. Die Vorträge und die Vortragenden samt Inhalt waren wohl nicht so prickeln. Ich war letzte Woche bei einem Vortragsabend mit Dr. med. Bayer zu Infraschall, Dr. Thüne zum Klima und Dr. Heinrich Niemann zur „Energiewende“ . Die Veranstaltung fand an der Grenze BW zu Bayrn statt, wo sich gerade die Gebiete zum großzügigen Bau von WKA zu geschoben werden. Es war im übervollen Saal so still, daß man eine Nadel hätte fallen hören. Das spricht für die Qualität der Vortragenden. Es waren übrigens keine Nimbys im Saal, oder sie fielen nicht auf.
    Veranstalter war unser lokaler Zusammenschluß GENIE = Gegen nachhaltig ineffiziente Energie.
    Die Presse schrieb dazu. Der Artikel war so danneben, weil die Knackpunkte schlicht verschwiegen wurden. Das Photo der Vortragenden wurde lange vorher aufgenommen, mit den leeren Stuhlreihen im Hintergrund. Weglassen ist ja nicht lügen, oder?

  2. Lieber Herr Heller,
    so kann´s gehen. Ein Ahnungsloser und ein in der Sache doch recht gewiefter (zur Vermeidung von Irrtümern ich meine Prof. Ganteför) reden gekonnt am Thema vorbei. Die Überbevölkerung ist übrigens der rote Faden bei Herrn Ganteför.
    Ich hingegen denke, dass das zu kurz springt, denn wie Sie es sehen, es ist die Armut und d.h primär Armut an billiger jederzeit verfügbarer Energie. Verstärkt durch tribale Strukturen, die Verteilungskämpfe führen, unter Einbeziehung landsmannschaftlicher Bräuche wie Nepotismus, Korruption, schwere Benachteiligung der Frauen und mangelnder Bildung. Überhöht mit Religion (besser Ideologie).Man braucht sich bloß mal die Nachtkarte von Afrika und weiter Teile Asiens anzuschauen.
    Nun ja, wenigstens sind Sie pünktlich nach Hause gekommen.
    Die Klimakontroverse ist übrigens eine Mini NGO, geleitet von unserem Gründungsmitglied Klaus Oellerer, der übrigens eine der ältesten Klimaskeptikerwebseiten betreibt.
    mfG
    Michael Limburg

  3. Club of Rome, Überbevölkerung? Naja, dass sind wohl unsere gut bezahlten Intellektuellen. Sie leben auf Kosten anderer und übernehmen keine Verantwortung für den Mist, den sie verbreiten und die Folgen, die sie damit anrichten.

  4. Gestern Abend war diese Veranstaltung in Einbeck. Ganteför und Eberhardt hatten wohl etwas gelernt, denn sie kamen mit der Technik ganz gut zurecht und die Diskussion wurde ganz erfolgreich strukturiert. Interessant war vor allem, dass Ganteföhr am Ende der Diskussion versuchte ein Meinungsbild festzustellen. Da waren erstaunlich viele Teilnehmer der Auffassung, dass Kernkraft in Deutschland wohl nötig sein wird. Bei der Frage, ob Kernkraft wohl global nötig sein wird, war sogar die Mehrheit dieser Meinung.

  5. Hallo zusammen,

    ich lese nun schon seit einigen Jahren mit Interesse mit und freue mich über die größtenteils fachlichen und ideologiefreien Beiträge. Ich hoffe meine Frage passt hier einigermaßen gut rein, da es sich ja um eine Diskussion zum Thema Energiewende handelt. Ein Argument für die Energiewende ist ja auch, dass wir Rohöl (und dann später auch Erdgas) ersetzen müssen, weil es irgendwann zu teuer wird oder die Förderung keinen positiven Energieoutput mehr liefert bzw. liefern kann. Zuletzte hatte ich letztere Argumentation hier wieder gelesen: http://www.peak-oil.com/2015/11/das-etp-modell-der-hillsgroup-eroi-des-oelfoerdersystems/. Ist das stichhaltig? Ich möchte an dieser Stelle sagen, dass ich keine wesentlichen Widersprüche gesehen habe, mich aber auch nicht als Thermodynamiker bezeichnen würde.
    Die Diskussion darüber, ob eine dann notwendige Energiewende nicht besser in Kernkraft/Kernfusion/Kohle führen sollte, möchte ich an dieser Stelle nicht aufmachen -- mich würde eher interessieren, ob eine Wende weg von Rohöl aufgrund physikalischer Grenzen überhaupt bald nötig wird.

    Viele Grüße und schönen Abend,
    Dave

  6. Hallo Dave,

    nein, Ihre Frage paßt nicht zu diesem Artikel.

    Die Antwort auf Ihre Frage ist ebenfalls: Nein.

    http://www.science-skeptical.de/energieerzeugung/die-ressourcen-und-das-primat-der-technologie/009425/

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