Wie im Spiegel aus einer kleinen Insel die ganze Antarktis wird

15. April 2013 | Von | Kategorie: Artikel, Klimawandel, Medien, Schnee und Eis, Wissenschaft

Laut Spiegel Online soll eine neue wissenschaftliche Studie eine Beschleunigung der Antarktis Eisschmelze zeigen. So suggeriert es zumindest der Titel ziemlich unmißverständlich: Bohrkern-Analyse: Antarktis-Schmelze beschleunigt sich„. In dem Artikel darunter findet sich jedoch nichts, was diese Aussage auch rechtfertigen würde. Es geht darin um eine gestern in nature geoscience  online veröffentlichte Studie in der die Daten von einem Bohrloch von einer Insel am Zipfel der Westantarktischen Halbinsel ausgewertet werden. Hier die Lage der Insel:

james-ross

Das sieht zunächst einmal nicht wie ein Ort aus, bei dem man als erstes nach einem Proxy für die Entwicklung der Eisbedeckung der gesamten Antarktis suchen würde. Ein Anspruch den die Forscher in ihrer Arbeit übrigens auch gar nicht vertreten.

Wie man aus den Supplementary Information zur Studie entnehmen kann, handelt es sich sogar um einen für die Antarktis ganz ausgesprochen untypischen Ort. Zum einen zählt die Westantarktische Halbinsel zu den ganz wenigen Regionen der Antarktis, wo für die letzten 50 Jahren überhaupt eine nennenswerte Erwärmung festgestellt werden kann Und zum anderen ist die Spitze der Westantarktischen Halbinsel der einzige Ort auf dem gesamten Kontinent, wo die durchschnittlichen Temperaturen im Sommer über dem Gefrierpunkt liegen (Fig. 3  Supplementary Information zur Studie)

supplementary figure 3 b

Man könnte fast den Eindruck gewinnen hier hätten die Forscher gezielt nach einer für die Antarktis besonders untypischen Ort gesucht. Und sie waren aus Sicht eines Klimawissenschaftlers dabei auch äußerst erfolgreich, Sie haben sogar einen Hockeyschläger gefunden (Fig. 5 Supplementary Information)

hockeysick

Interessant wird es, wenn man die Daten der Studie mit einer anderen Temperatur Rekonstruktion der Vergangenheit aus der gleichen Region zu vergleicht.

peninsulaUnd zwar mit einer Analyse der Temperaturen ebenfalls publiziert in nature geosience im August 2012 und ebenfalls von den Ross Islands. Diese Arbeit blickt mehr als 14.000 Jahre in die Vergangenheit und kommt zu dem Ergebnis, daß es in den letzten 10.000 Jahren die meiste Zeit deutlich wärmer war heute. Und das ganz offensichtlich ohne katastrophale Konsequenzen. Auch findet diese Arbeit, daß der Anstieg der Temperatur in der Region in den letzten Jahren „ungewöhnlich aber keinesfalls beispiellos“ war. Die Abbildung links zeigt die Temperaturrekonstruktion (mittleres Diagramm) mit dem Mittelwert von 1961 bis 1990 als Bezugsstemperatur. Die Rekonstruktion der Schmelzrate von Abraham et a. ist als kleines Bild eingefügt.

Es drängt sich einem irgendwie der Eindruck auf, daß der von Abraham et al. gefundene Hockeystick auch das Ergebnis einer geschickten Auswahl von Ort und Zeitraum sein könnte, um eine Entwicklung, die sich völlig innerhalb der natürlichen Variabilität befindet, besonders dramatisch erscheinen zu lassen. Aber das wäre natürlich eine Unterstellung.

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8 Kommentare
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  1. Es drängt sich einem irgendwie der Eindruck auf, daß der von Abraham et al. gefundene Hockeystick auch das Ergebnis einer geschickten Auswahl von Ort und Zeitraum sein könnte, um eine Entwicklung, die sich völlig innerhalb der natürlichen Variabilität befindet, besonders dramatisch erscheinen zu lassen. Aber das wäre natürlich eine Unterstellung.

    Na klar wäre das eine Unterstellung 😉 Aber mal im ernst, es bleibt die Frage zu beantworten, was diese Studie denn überhaupt bezwecken sollte. Ein Schelm, der böses dabei denkt.

    karl.s

  2. @ karl seegert #1

    Aber mal im ernst, es bleibt die Frage zu beantworten, was diese Studie denn überhaupt bezwecken sollte.

    Die Frage finde ich gar nicht so entscheidend. Forschung darf man aus meiner Sicht gerne auch um der Forschung selbst willen betreiben, wenn auch der Verdacht wirklich nahe liegt, dass es sich hier nicht um ergebnisoffene Wissenschaft handelt, sondern um den Versuch irgendwo in der Antarktis doch Signale einer beschleunigten Entwicklung zu finden. Hier finde ich es allerdings noch viel bezeichnender, was der Spiegel aus dieser Studie gemacht hat.

    Der Artikel, der anhand solch ungeeigneter Daten von einer beschleunigten Antarktis-Schmelze spricht, stellt entweder ein Beispiel für wirklich schlechten Journalismus oder für extrem tendenziöse (und sogar falsche) Berichterstattung dar. Beides wäre schlimm.

  3. #2. Rudolf Kipp

    Die Frage finde ich gar nicht so entscheidend. Forschung darf man aus meiner Sicht gerne auch um der Forschung selbst willen betreiben,

    Ja sicher kann man das tun. Für so ein Forschungsprojekt braucht man aber Geld. Die bewilligende Stelle muß also von der Notwendigkeit überzeugt werden. Und da wäre es schon mal interessant zu wissen, welche Begründung da angegeben wurde. Das werden wir wohl nie erfahren, aber bestimmte Formulierungen im Antrag wirken ja heute wie „Sesam öffne Dich“ 😉 Und was den Speigel betrifft, wundert mich bei dem Blatt gar nix mehr. Guter Journalismus geht anders. Aber da ist der Spiegel ja in „guter Gesellschaft“.

    karl.s

  4. In SPON finden sich tagtäglich wieder Artikel zu den Auswirkungen des Klimawandels aber zu 100% mit negativen Auswirkungen. Allein das schon zeigt dass eine Absicht dahinter steckt denn es gibt keine Klimaveränderung die ausschließlich negative Auswirkungen hat. Das müssten eigentlich auch die SPON Redakteure wissen. Man kann SPON also unterstellen dass sie gezielt ihre Leser zu manipulieren versuchen um den Glauben an den Klimawandel als Apokalypse zu retten. Gerade heute war wieder ein Beitrag zum Schneehasen drin dessen weißes Fell die Beutejäger anlockt wenn der Schnee frühzeitiger schmilzt. Dass der Hase mit braunem Fell dadurch begünstigt wird, das fällt dem Redakteur jedoch nicht ein. Irgendwie hat man den Eindruck dass man vor dem Ende des Glaubens an den antropogenen Klimawandel jetzt schnell noch ein Feuerwerk apokalyptischer Artikel lanciert um immer noch gläubige Schäfchen bei der Stange zu halten.

  5. Mal eine dumme Frage zu dem „Hockeystick“-Bild: angesichts der Tatsache, daß die hier betrachtete Region (und die Antarktis überhaupt) erst 1820 entdeckt wurde, ist ein bißchen unklar, woher die Daten für die Kurve zwischen den Jahren 1000 und 1820 (die deutlich unter den späteren liegen) denn eigentlich stammen?

  6. @Fluminist, #5

    Die Daten stammen wohl aus den Bohrkernen. Hier wird gebohrt, in Scheiben geschnitten und CO2 gemessen und die Temperatur bestimmt. Was genau gemacht wird weiß ich nicht. Das kann vielleicht ein anderer erklären. Ich kann mich nur erinnern, dass der CO2-Gehalt aus diesen Bohrkernen in der Wissenschaft diskutiert wird, wegen möglicher Absorption und deswegen zu niedrigen ermittelten CO2-Gehalten.

  7. @ Fluminist & Mad-2-Max
    Als Temperaturproxy wird dabei meist das Isotopenverhältnis 16O/18O oder 1H/2H genommen. Hier eine Erklärung aus Wikipedia, warum das funktioniert:

    Presence of water molecule isotopic compositions of 16O and 18O in an ice core help determine past temperatures and snow accumulations.[5] The heavier isotope (18O) condenses more readily as temperatures decrease and falls as precipitation, while the lighter isotope (16O) can fall in even colder conditions. The farther north elevated levels of an 18O isotope are detected signals a warming over time.[8]

    In addition to oxygen isotopes, water contains hydrogen isotopes -- 1H and 2H, usually referred to as H and D (for deuterium) -- that are also used for temperature proxies. Normally, ice cores from Greenland are analyzed for δ18O and those from Antarctica for δ-deuterium.[why?] Those cores that analyze for both show a lack of agreement. (In the figure, δ18O is for the trapped air, not the ice. δD is for the ice.)

  8. Interessant wird es, wenn man die Daten der Studie mit einer anderen Temperatur Rekonstruktion der Vergangenheit aus der gleichen Region zu vergleicht.

    Rudolf, kann das sein, dass die von Dir verlinkten Arbeiten sogar auf Daten desselben Bohrkerns zurückgreifen? Beides mal Mulvaney u. Abram et al., einmal Received 11.11.2011 und einmal 27.11.2012; einmal veröffentlicht in Nature und einmal veröffentlicht in Nature Geoscience. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die in so kurzer Zeit 2 Bohrungen gemacht haben.

    karl.s

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