Zeit-Online über das 2 Grad Ziel: “Der große Selbstbetrug”

13. Oktober 2012 | Von | Kategorie: Artikel, Klimawandel, Medien, Politik, Wissenschaft

So langsam scheint auch im medialen Mainstream anzukommen, was hier bereits seit einigen Jahren immer wieder diskutiert wird. Nämlich der Umstand, dass sämtliche bislang unternommenen Versuche, über politische Maßnahmen eine dramatische Reduzierung der weltweiten CO2-Emissionen zu erreichen, letztendlich zum Scheitern verurteilt sind.

ZEIT-ONLINE Autor Frank Drieschner macht in seinem heute erschienen Artikel “Der große Selbstbetrug” eine einfache Rechnung auf. Und er kommt zu einem überraschenden  Ergebnis:

Angenommen, bis zum Ende des Jahrhunderts wäre unsere ökologische Weltrevolution abgeschlossen – wie sehr würde sich die Erde dann aufheizen?

Antwort: um ungefähr vier Grad. Vier, nicht zwei.

Dreischner stützt sich dabei auf Berechnungen, die der niederländische Mathematiker Michel den Elzen durchgeführt hat. Den Elzen ist auf diesem Gebiet ein ausgewiesener Experte. Als “Contributing Author” im letzten IPCC-Bericht hat er maßgeblich die Ziele zur Emissionsbegrenzung mitbestimmt. Von ihm stammt (zusammen mit dem deutschen Klimawissenschaftler Niklas Höhne) der Kasten 13.7 im letzten Bericht 2007, aus dem sich auch die Emissions-Reduktionsziele Deutschlands und der Europäischen Union bis 2020 und 2080 ableiten.

Grundsätzlicher Widerspruch in der Klimaschutzpolitik

Auch wenn Prognosen wie die hier genannten vier Grad Erwärmung nur dann zutreffen würden, wenn die Annahmen des IPCC zur Klimasensitivität (das ist der Grad der Erwärmung, der sich bei einer Verdopplung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre ergibt) als richtig erweisen würden; und dass hier erhebliche Zweifel angebracht sind ist regelmäßigen Lesern dieses Blogs hinreichend bekannt; ist doch ein grundsätzliches Dilemma offensichtlich. Das seit der Klimakonferenz von Kopenhagen zum Klimapolitischen Dogma erhobene Zwei-Grad-Ziel und die hierfür notwendige Reduktion des weltweiten CO2-Aussstosses sind auch bei optimistischsten Annahmen nicht zu erreichen.

Der Grund dafür ist einfach. Als man das Ziel formulierte hatte man die Entwicklung in den Schwellenländern überhaupt noch nicht in die Berechnungen einbezogen. Und diese verlief weit dynamischer als man es sich hätte vorstellen können.

Im Jahr 2008 übertrafen Chinas Emissionen zum ersten Mal die der USA; 2011, nur drei Jahre später, betrugen sie das Eineinhalbfache. Als der IPCC seinen letzten Bericht verfasste, hatte niemand eine solche Entwicklung für möglich gehalten; alle Kalkulationen waren plötzlich überholt.

(…) Was die Industrieländer mit vereinten Kräften in den vergangenen zwanzig Jahren an Emissionen eingespart haben, entspricht inzwischen dem, was in den Schwellen- und Entwicklungsländern binnen eines einzigen Jahres hinzukommt.

Drieschner beschreibt in seinem Artikel auch, was für Maßnahmen getroffen werden müssten, um das 2-Grad-Ziel theoretisch doch noch erreichen zu können (hier der von ihm zitierte UNEP-Bericht):

Sollte das wider Erwarten noch gelingen, müssten die Emissionen weltweit weiter drastisch sinken: um 2,5 bis 3 Prozent im Jahr.

(…) Die Frage, was minus 2,5 Prozent wirklich bedeuten, scheint kaum jemanden zu beschäftigen. Man kann es sich am Beispiel Deutschlands aber leicht klarmachen. Im Klimaschutz gehört Deutschland zur Weltspitze, letztes Jahr hat der IPCC das Land mit dem Country Leadership Award ausgezeichnet. Zwar sind die Emissionen pro Kopf im europäischen Vergleich hoch, aber sie sinken schneller als fast überall sonst. Und wie schnell sinken sie? Um ungefähr 1,3 Prozent im Jahr.

Dieser Abschnitt macht am stärksten deutlich, wie weltfremd das von Politikern wie Merkel und Almaier noch immer wie eine Monstranz hochgehaltene 2-Grad-Ziel in Wirklichkeit ist. Und er verdeutlicht auch, dass hier ein “weiter so”, auch mit verstärkten Anstrengungen, nur wenig zielführend sein wird.

Was tun?

Was die Analyse, die Frank Drieschner mit seinem Artikel liefert, nicht anbietet, ist eine Empfehlung wie mit solchen Befunden umzugehen ist. So kommt in dem gesamten Text nicht ein einziges Mal das Wort Anpassung vor. Dabei ist die Strategie sich an eine wärmere Welt anzupassen, wenn wir diese schon nicht verhindern können, wohl die einzig vernünftige.

Dass Drieschner dieser Gedanke auch gekommen ist, ist anzunehmen. Allerdings ist der Hinweis darauf, dass eine Anpassung an einen Klimawandel einen gangbaren Weg darstellen könnte, noch nicht so ganz in unserer Gesellschaft angekommen. Zu lange und zu intensiv wurde uns eingetrichtert, dass der Fokus auf die Verhinderung von Emissionen gerichtet sein muss. Wie sehr bei diesem Thema von Seiten der Klimawissenschaft eine Wagenburg-Mentalität vorherrscht war vor kurzem in der Debatte um die  Studie “Anpassungsstrategien in der Klimapolitik” der Deutschen Akadamie für Technikwissenschaften Acatech zu beobachten (hier der Beitrag von Peter Heller dazu). Allein der bloße Gedanke, Anpassung könnte die Lösung für unsere Probleme darstellen, wurde als Affront angesehen.

Anpassung ist angebracht

Dabei beinhaltet eine Strategie der Anpassung viele Maßnahmen, die sich auch in einer nicht zu warmen oder sogar in einer kälteren Welt als sinnvoll erweisen würden. Diese würden etwa beinhalten, dass einem zu erwartenden höheren Meeresspiegel mit geeigneten Deichbaumaßnahmen begegnet wird, dass man Dürren und Überschwemmungen durch Wasserreservoirs abpuffert oder dass man neue Pflanzensorten züchtet,die besser an veränderte Klimabedingungen angepasst sind.

Das alles sind Maßnahmen, die in jedem halbwegs wohlhabenden und zivilisierten Land ohnehin seit eh und je durchgeführt wurden und werden. Was unter anderem dazu geführt hat, dass unsere moderne Zivilisation heute so unabhängig von den Launen der Natur ist, wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Allein dieser Umstand spricht schon dafür, auch weiter das Hauptaugenmerk auf die Adaption an eine sich verändernde Umwelt zu richten. Allerdings hat diese Strategie für politische Entscheider und Weltverbesserer wohl den Nachteil, dass sich damit eben nicht die Einschränkung der Freiheit des Individuums und die Kontrolle über die Ökonomie rechtfertigen lassen.

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4 Kommentare
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  1. Angesichts der Klimaveränderungen, die in der Erdgeschichte schon in der vorindustriellen Ära statt fanden, weil große Meteoriten einschlugen oder heftige Vulkanausbrüche das Wetter nachhaltig veränderten, so das Eiszeiten, Warnphasen usw. stattfanden, ist der Hype des Zeitgeistes doch eine kindliche Albernheit.
    Eine Wiederauflebung von kulturellen Erklärungen, das menschliche Verhalten, stehe in direktem Bezug zum Wettergeschehen und so wie die „Sintflut“, als Strafe erfolgte, sei die Menschheit, falls sie nicht den „Schamanen gehorche, und ihnen opfere“, diejenige der sich fürchten müsse.
    Ein „Magazin“ das sich „Zeit“ nennt transportiert Eitelkeiten, sammelt Leser mit schwacher Rationalität, um ihnen rythmische Zeitgeistigkeit zu servieren, ohne die eigene statische Schwere durch Fortschritt zu gefährden. Darum sind die „Zeitleser“ die Dinosaurier, die weder die Verkalkung ihrer Idole bemerken, noch die eigene Versteinerung, ob als Steinbrück, Steinmeier oder Steinblöd.

  2. Ähnliche Überlegungen habe ich auch gemacht. Wenn man die Lage nüchtern betrachtet, kommt man recht schnell darauf, das CO2 Einsparungen nicht im Interesse der Schwellenländer sein können und das Ziel die CO2 Emissionen weltweit zu begrenzen nicht zu halten ist. Ausführlicher habe ich das hier dargelegt: http://tinyurl.com/9pmcwju

  3. Drieschner spricht nicht von Anpassung, weil die weitere Entwicklung, die vermutlich sogar über die vier Grad durchschnittliche Erwärmung hinausweist, gar nicht abzusehen ist. Das ist, wie wenn sie sagen, morgen fällt ein gewaltiger Meteorit aufs Haus, wir werden die Schindeln etwas verstärken.

    In deutlicheren Worten: Drieschner hält die Szenarien zum Klimawandel nicht für über-, sondern untertrieben. Wenn es uns den A…. aufreißt, kann man sich nur schwerlich daran anpassen…..

  4. #3 Katastrophe als bestmögliches Szenario … und das noch untertrieben … was bleibt uns da noch übrig?

    Kometenpanik: Der Tag, an dem die Welt durchdrehte
    Selbstmorde, Sexorgien, Sakramente: Als vor 100 Jahren der Halleysche Komet erschien, geriet die Welt auch ohne Einschlag aus den Fugen. Die Medien schürten Massenpanik, die Wissenschaft nur Verwirrung. Postkarten zeugen von den Phantasien jener Zeit -- zwischen Untergangsängsten und Ausschweifungen.

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